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19.10.13 / Die ostpreußische Familie / Leser helfen Lesern

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 42-13 vom 19. Oktober 2013

Die ostpreußische Familie
Leser helfen Lesern
von Ruth Geede

Lewe Landslied,
liebe Familienfreunde,

unsere PAZ wird in aller Welt gelesen, das beweisen die Posteingänge, von denen einige auch für unsere Ostpreußische Familie wichtig sind. Da ist zum Beispiel eine E-Mail aus Königsberg, die uns Frau Victoria Restschikowa, wissenschaftliche Mitarbeiterin am „Bernsteinmuseum Koenigsberg“, gesandt hat, für die wir keine Unbekannte sind, denn sie schreibt, dass sie schon viel von uns gehört habe. Sie wendet sich nun an uns, weil sie im Internet einen für sie sehr interessanten Beitrag gelesen hat, der vor längerer Zeit in der PAZ erschienen war. Es handelt sich um einen von mir verfassten Artikel über die Staatliche Bernsteinmanufaktur in Königsberg und um ihren letzten Direktor, Gerhard Rasch, den ich gut gekannt hatte. Wie die russische Wissenschaftlerin schreibt, will das heutige Museum das historische Gebäude der staatlichen Bernsteinmanufaktur übernehmen mit dem Ziel seiner Rekonstruktion. Zu diesem Zweck wird alles Material gesammelt, das mit der Geschichte dieses einstmals weltbekannten Unternehmens verbunden ist, vor allem Fotos von der Produktion und dem Verkauf in Königsberg und nach dem Krieg in Hamburg. Sie würden in der Museumsexposition und in der wissenschaftlichen Arbeit als Kopien verwendet. „Wir wären Ihnen für jeden Tipp sehr dankbar“, schreibt Frau Restschikowa. Natürlich kann ich ihr mein Archivmaterial und auch einige persönliche Erinnerungen an den letzten Direktor, der ob seiner unkomplizierten, verbindlichen Art „Papa Rasch“ genannt wurde, zukommen lassen, reiche aber zugleich die Bitte der russischen Wissenschaftlerin weiter an unseren Leserkreis, in dem sich vielleicht auch noch für die Dokumentation geeignetes Material befindet. Es kann in Ruhe gesichtet werden, denn wir werden uns zunächst einmal mit Frau Victoria Restschikowa in Verbindung setzen, um Näheres zu erfahren.

Ein Brief aus Australien, der von einer großen Überraschung berichtet und uns auch eine solche bereitet. Sie wurde ausgelöst durch unseren „Fund“, über den wir in Folge 35 berichteten, nämlich um das Evangelische Gesangbuch, das wahrscheinlich einer im Jahr 1924 geborenen Ostpreußin zur Konfirmation geschenkt wurde. Zwar hat sich weder Frau Grete Szelies, deren Name auf der Rückseite des kostbar gebundenen Gesangbuches in Goldbuchstaben eingeprägt ist, noch jemand aus ihrer Familie gemeldet, aber ein Verwandter des Verlagsbuchhändlers Ludwig Sakuth aus Szillen, der das Buch verlegt und herausgegeben hat. Herr Rüdiger Sakuth aus Tamborine ist ein Großneffe des genannten Verlegers, der ein Bruder seines Großvaters war. Er setzte sich gleich mit der Tochter einer verstorbenen Kusine in Verbindung, die sich gut in der weitläufigen Verwandtschaft auskennt. Frau Anne Daniels war natürlich auch überrascht und wird sich bei uns noch melden. Wir freuen uns über das Foto, das Herr Sakuth uns übersandte: Es zeigt das „Geschäftshaus Sakuth“ mit der „Christlichen Verlagsbuchhandlung“, ein wohl für den kleinen Ort markantes Gebäude, an das sich alte Schillener sicher erinnern werden. Vielen Dank für Brief und Bild, lieber Landsmann, ebenso für Ihre netten Worte der Anerkennung für unsere Arbeit, die immer wieder die Vergangenheit lebendig werden lässt.

Da genügt manchmal nur ein kleines Foto, und schon spult die Zeitmaschine rückwärts. So auch für unsere treue Leserin in den USA, Frau Irmgard Christina Gilliland, die in Folge 24 das Foto von Schwester und Bruder entdeckte, das sie wieder in ihre Kinderzeit in Cranz versetzte. „Das erinnert mich sehr an Ursula – Ulla – und ihren Bruder. Wir gingen gemeinsam zur Schule, sie wohnten am Wasserturm. Während ich mit Ulla und ihren Puppen in unserem Garten Tee aus kleinen, zierlichen Tassen trank, wurden wir fast immer von ihrem Bruder Gerhard und dessen Freunden genervt, sie unterbrachen uns ständig!“ Eine kleine Begebenheit nur, aber sie bringt ein Stück Kindheit zurück, an die Frau Gilliland liebevolle Erinnerungen hat.

Aber es gab ja für viele unserer Leserinnen und Leser auch dunk­le Stunden in ihrer Kinder- und Jugendzeit, als sie aus der Geborgenheit, die ihnen Elternhaus und Heimat gaben, so jäh herausgerissen wurden. Es gibt Vertriebene, die vermögen auch heute nicht darüber zu sprechen – andere wiederum sind erleichtert, wenn sie sich endlich mitteilen können. Wenn dann ihre Erinnerungen an die Flucht zu einer Dokumentation beitragen, die in Buchform erscheinen wird, fühlen sie sich als Zeitzeugen bestätigt. Und auch unsere Wochenkolumne bekommt einen anderen Stellenwert, wenn ihre Aufgabe als Mittlerin in einer Anthologie anerkannt wird. Deshalb habe ich mich sehr gefreut, als ich einen Brief von Herrn Timmreck aus Bad Salzuflen erhielt, in dem er mich über den gegenwärtigen Stand seines neuen Buchprojektes informiert. Heinz Timmreck ist Autor des Buches „Letzte Flüchtlingszüge aus Ostpreußen“, über das wir in mehreren Folgen berichtet haben. Das 2011 erschienene Buch fand eine interessierte Leserschaft, so dass sich Heinz Timmreck auf Anregung des Schriftstellers Heinz Schön entschloss, einen Ergänzungsband folgen zu lassen. Deshalb wandte sich Herr Timmreck im Dezember vorigen Jahres an mich und bat um Publizierung seines Vorhabens und damit um weitere Berichte aus unserem Leserkreis. Die erfolgten dann auch so reichlich, dass der Autor diesen Beiträgen in seinem geplanten Ergänzungsband, der den Arbeitstitel „Flucht mit der Bahn 1944/45“ trägt, ein ganzes Kapitel widmen will, wie ich aus dem vorläufigen Inhaltsverzeichnis entnehmen kann. Die Beiträge sollen so betitelt werden: Ergänzende Berichte zu den „Letzten Flüchtlingszügen aus Ostpreußen“, Auszüge aus „Ostpreußische Familie“ von Ruth Geede. Das Kapitel wird mit einem Auszug aus der Novelle „Der Brief meiner Mutter“ von Dr. Detlef Arntzen beginnen, in die der Sohn ein Schreiben der geflüchteten Königsbergerin einbindet, das diese nach der Flucht im Februar 1945 an ihre Schwester gerichtet hat. In diesem Bericht schildert sie ihre missglückte Flucht mit der Bahn, die dann über See erfolgte, aber leider durch das Zurückbleiben ihrer Fluchtgefährtin in Pillau mit schweren Selbstvorwürfen belastet wurde. Detlefs Mutter hat von ihrer Freundin nie wieder etwas gehört.

Es ist also eine sehr bewegende Geschichte, mit der unser Familien-Kapitel beginnt, weil sie nicht nur die Situation in einem zur Umkehr gezwungenen Flüchtlingszug schildert, sondern auch ein nie gelöstes Suchproblem behandelt. Hier schließt sich nahtlos ein Bericht von Ingo Noeske an, der als Achtjähriger mit Mutter und zwei Geschwistern von seinem Heimatort Trinkheim, Kreis Preußisch Eylau auf die Flucht ging. Er konnte ebenfalls Ostpreußen mit dem Zug nicht mehr verlassen und erst mit Hilfe seines Vaters von Pillau aus mit einem Schiff entkommen. Wann und wie die letzten Züge über die Weichsel kamen und das in jenen Tag noch rettende Westufer erreichten, schildern mehrere Leserinnen und Leser. Am ausführlichsten Eva Siemokat geborene Kulick aus Bischofsburg, die ihren Erinnerungen nach mit dem letzten Zug, der von Königsberg nach Berlin fahren sollte, herauskam und sie bis Landsberg an der Warthe brachte. Ebenfalls in Bischofsburg begann die Fluchtgeschichte von Helga Lendzian, die dort ihren Verlobten besuchte, als gerade dessen Lazarett aufgelöst wurde. Er veranlasste, dass seine Braut einen schwer erkrankten Hauptmann begleiten durfte, der nach Westdeutschland ausreisen sollte. Sie bekamen tatsächlich in Königsberg Platz in einem hier eingesetzten, fast leeren Zug, der sich aber während der Fahrt mit flüchtenden Menschen so füllte, dass selbst in den Toiletten die Menschen Kopf an Kopf standen und er dann an keinem Bahnhof mehr hielt. Es könnte sein, dass dieses tatsächlich der letzte Zug war, der noch über die Weichsel kam. Das glauben auch weitere Zeitzeugen von ihrem Fluchtzug wie Anny Grothe geborene Meiritz aus Königsberg-Kalgen, und Prof. D. Ing. Gerd F. Kamiske, der als 13-jähriger Junge mit seinen Angehörigen noch Dirschau erreichen konnte. Wie der damals elfjährige Hans Stanke, der sich auch heute noch an die einzelnen Stationen seiner Flucht erinnern kann, so an den kurzen Aufenthalt in Elbing, wo der Russe bereits die Stadt erreicht hatte. Die heute kaum vorstellbare Wirrnis jener Januartage 1945 zeigt der Bericht von Helmut Herrmann auf: Vater und Sohn kamen aus Allenstein, nachdem sie sich kurz vorher getrennt hatten, in entgegen gesetzter Richtung aus dem Kampfgebiet heraus. Der nach einer Blinddarmoperation im Marienkrankenhaus liegende Junge landete nach langer Irrfahrt in Königsberg, das er erst im April über See verlassen konnte, während der Vater, der sich auf dem Heimweg vom Marienkrankenhaus ein Bein gebrochen hatte, noch mit einem der letzten Lazarettzüge in den Westen gelangte. Als sich Vater und Sohn dann in Schleswig wieder fanden, glaubten sie an ein Wunder. Und das war es ja wohl auch.

Ja, das sind Erlebnisberichte, die über unsere Ostpreußische Familie zu Herrn Timmreck gelangten und unter diesem Namen als Sonderkapitel in seinem neuen Buch erscheinen werden. Aber auch die weitaus meisten Einzelbeiträge wurden von Landsleuten gemacht, die sich zum größten Teil aufgrund unserer Veröffentlichungen an Herrn Timmreck gewandt haben. Die Ostpreußische Familie wurde in vielen Fällen zum Verbindungsglied. Wie eng die Vernetzung ist, konnte ich dem vorläufigen Inhaltsverzeichnis entnehmen, das Namen von Autoren enthält, die Sonderthemen bearbeiten. Sie sind für unsere Ostpreußische Familie schon eine Art „Stammkapitel“, denn sie tragen mit ihren Kenntnissen oft zur Klärung schwieriger Fragen bei. So wird Herr Dirk Oelmann im Rahmen des Sonderthemas „Zugunglück bei Grünhagen“, mit dem wir uns auch stark beschäftigt haben, den „Analyseversuch eines Eisenbahners“ beisteuern. Mit ihm steht Herr Rainer Claaßen in Verbindung, dem wir den interessanten Beitrag „Auf den Spuren der Haffuferbahn“ zu verdanken haben, und der mich über die Informationen, die er Herrn Oelmann zukommen ließ, ausführlich unterrichtete. Auch die unseren Lesern vertraute Autorin Marianne Peyinghaus wird mit ihrem Beitrag „Flucht aus dem stillen Gertlauken“ in dem Nachfolgeband vertreten sein, dessen Herausgabe sich leider etwas verzögert. Wir wünschen Herrn Heinz Timmreck viel Kraft zur Realisierung dieses Projektes, an dem unsere Ostpreußische Familie so stark beteiligt ist, und geben gerne seinen Wunsch weiter: Herr Timmreck benötigt noch Aufnahmen von den Bahnhöfen Allenstein und Königsberg, als die letzten Flüchtlingszüge diese Bahnhöfe verließen. (Heinz Timmreck, Schwalbenweg 7 in 32107 Bad Salzuflen, Telefon 05222/7403, E-Mail: mail@heinz-timmreck.de)

Von dem Naturschriftsteller Henry Makowski, der in Folge 25 nach dem Schicksal der verlas­senen oder auf die Flucht mitgenommenen Hunde fragte, soll ich ein ganz großes Dankeschön übermitteln. Er war über das Ausmaß der Aktion, das sich aus einer Vielzahl von Zuschriften und Telefonaten ergab, sehr überrascht und erfreut. Henry Makowski ist jetzt dabei, die Berichte wissenschaftlich aufzuarbeiten, was noch einige Zeit dauern wird. Das Ergebnis, über das er alle Teilnehmer unterrichten will, wird sich auch in unserer Kolumne widerspiegeln. Angeregt durch diese positive Resonanz bringe ich heute eine Geschichte, die zu dem Thema passt.

Eure Ruth Geede


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