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19.10.13 / Zeichen der Hoffnung / Louis-Ferdinand Schwarz reiste mit 35 Teilnehmern in die Heimat − Versöhnung

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 42-13 vom 19. Oktober 2013

Zeichen der Hoffnung
Louis-Ferdinand Schwarz reiste mit 35 Teilnehmern in die Heimat − Versöhnung von »unten nach oben«

Zum 22. Mal lud Louis-Ferdinand Schwarz zu einer besonderen Busreise in seine Heimat Ostpreußen ein. Diese Fahrten haben einen so guten Ruf erworben, dass sich die Reisegruppe aus 35 Teilnehmern aus ganz Deutschland zusammensetzte. Schwarz’ langjährigen Erfahrungen und Kontakte ermöglichten ein Programm mit außerordentlich vielen eindrucksvollen persönlichen Begegnungen. Da waren zunächst die schmerzlichen, quälenden Erinnerungen an die Flucht in der Eiseskälte des 30. Januar 1945 über Land und das Frische Haff. Einer Mutter mit zwei kleinen Kindern war der Zugang zur Wilhelm Gustloff verweigert worden, so dass sie überlebten. Andere Familien der Reisegruppe sind bis heute verzweifelt über das schwere Schicksal und den Tod ihrer Angehörigen. Ebenso berührten die Ereignisse im „Krankenhaus der Barmherzigkeit“, wo die Diakonissenschwestern in den letzten Kriegstagen gegen die Typhusepidemie kämpften und dabei verstarben. Auf der großen Rundreise sah man, dass sich die einstige Kornkammer Deutschlands in eine Steppe verwandelt hat, unbebautes Brachland bis zum Horizont, die ehemaligen Güter nicht mehr exis-tent. Aber immer noch ist es ein Paradies für unzählige Störche, die schon eifrig für den großen Zug nach Süden trainierten. Ehemals wunderschöne Backsteinkirchen aus der Ordenszeit (zum Beispiel in Medenau), die die Kriegszeit überstanden hatten, sind bis auf wenige Mauerreste zerstört. Als diese Region hermetisch abgeriegelt war, wurden die Ziegel von Anwohnern als wertvolles Baumaterial genutzt oder wegen der bitteren Not am Straßenrand verkauft.

Zwar fanden einige Reiseteilnehmer ihre Häuser wieder und kamen auch mit den jetzigen Bewohnern ins Gespräch, andere konnten ihr einstiges Zuhause nicht einmal erahnen. Eine Zukunft ohne Versöhnung gibt es nicht. So nahmen auch die Begegnungen, die diesem Ziel dienten, breiten Raum ein. Besonders eindrücklich war die Ehrung der Toten mit Blumen und Ehrenschleife am Ehrenmal in Fischhausen [Primorsk]. Ex-Bürgermeisterin Glafira Grigorenko, eine 77jährige Dame und langjährige Freundin von Schwarz, rief in bewegenden Worten den Wahnsinn des Krieges mit seinen maßlosen Verlusten in die Erinnerung zurück und betonte, dass nur „Völkerverständigung auf der untersten Ebene“ eine Zukunft in Frieden garantiere. Dem konnte Schwarz nur zustimmen.

Mitglieder der Landsmannschaft Ostpreußen (LO), insbesondere die einzelnen Kreisgemeinschaften, leisten finanzielle Unterstützung oder organisieren mit großem persönlichem Einsatz Hilfstransporte. Daraus erwuchsen enge persönliche Kontakte, die vielfach zu echter Freundschaft zwischen ehemaligen deutschen und den heutigen russischen Bewohnern der einzelnen Orte führten. Visumfreie Einreisemöglichkeit, gute wirtschaftliche Beziehungen, Förderung des Tourismus und kulturellen Austausch wünschten sich die Vertreter aus Politik und Wirtschaft, Viktor Koschelew aus Pillau [Baltijsk], der Ratsvorsitzende aus Gumbinnen [Gussew], Andrej Guesdilow, und der Kantexperte Professor Iwan Koptzew von der Immanuel Kant-Universität in Königsberg. Konsul Max Müller vom deutschen Generalkonsulat in Königsberg bestätigte ausdrücklich die vielfältigen Kontakte auf allen Ebenen und begrüßte den allmählichen Abbau der bürokratischen Hürden durch die russische Administration. Am meisten jedoch beeindruckten die Zeichen der Hoffnung, die gemeinschaftlich mit den Russen von engagierten ehemaligen Bewohnern gesetzt wurden. Unspektakulär und von der deutschen Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, bemühen sich Mitglieder der LO, die Lebensbedingungen der Bevölkerung zu verbessern und das kulturelle Erbe zu bewahren: Das Diakonie- Zentrum „Haus Salzburg“ in Gumbinnen, eine Einrichtung der „Salzburger Glaubensbrüder“, hilft mit seinem Pflegedienst alten und kranken Menschen in den umliegenden Dörfern, hat Kurzzeitpflegeräume für alleinstehende Kranke geschaffen, bietet kostenlose Speisung für Kinder aus sozial schwachen Familien an und führt Freizeiten für behinderte Menschen durch. das „Kinderdorf Salem“ ist ein ökologisches Dorf, für das 82 Hektar Land des ehemaligen Gutes Pollwitten der Familie Schwarz bereitgestellt wurden. Als Pilotprojekt der Region bietet es elternlosen Kindern und Jugendlichen ohne Perspektive ein Zuhause auf Zeit, verbunden mit Unterricht in Hauswirtschaft, Gartenbau und handwerklichen Berufen. Die Sozialministerin der Region Königsberg, Angela Meister, würdigte diese Arbeit, indem sie gemeinsam mit dem Dorfleiter Sergej Wiesloch und Louis-Ferdinand Schwarz einen Apfelbaum als Zeichen des Friedens pflanzte. – Die beeindruckende Vogelwarte Rossitten „Fringella“ auf der Kurischen Nehrung unter der Leitung von Anatol Schapowal wird von der Deutschen Bundesumweltstiftung, Osnabrück, gefördert. Die kleine „Deutsche Schule“ in Trakehnen, ursprünglich als „Schulverein zur Förderung der Russlanddeutschen in Ostpreußen e. V.“ gegründet, bietet nachmittags deutsche Sprachkurse für Kinder und Erwachsene, Musik- und Tanzunterricht sowie Bastel- und Nähkurse an. Sie sind auch bei Kindern ohne deutsche Wurzeln sehr beliebt. Für die Reisegruppe aus Deutschland hatten sie trotz Ferien ein Musikprogramm einstudiert. Das Kieler Ehepaar Rix engagiert sich für den Wiederaufbau der Katharinenkirche von Arnau [Marijno]. Ebenso bemüht sich die Gemeinde der Auferstehungskirche der Gemeinschaft evangelischer Ostpreußen um die evangelischen Christen der Region. Sie muss von nun an ohne deutsche Unterstützung ihre vielfältige Arbeit leisten. Leider gibt es zurzeit keine konkrete Zusammenarbeit mit den Vertretern der russisch-orthodoxen Kirche, die als „Staatskirche“ über sehr viel Macht verfügt zum Nachteil der kleinen protestantischen und katholischen Gemeinden.

Aber es gibt ermutigende Zeichen des Wiederaufbaus: Die historisch getreue Restaurierung des Gestüts Georgenburg gehört dazu, das sich die Zucht der berühmten Trakehnerpferde, aber auch der Holsteiner und der Hannoveraner, zur Aufgabe macht und internationale Anerkennung findet.

Die Zuwanderer aus Russland erhoffen sich Arbeit und wirtschaftliche Sicherheit im Königsberger Gebiet. Königsberg ist als Stadt Immanuel Kants stolz auf seine Wurzeln. Die Bezeichnung Königsberg findet man heute auf modernen Produkten wieder. Allerdings sind Korruption, Vetternwirtschaft und Unterdrückung der Menschenrechte an der Tagesordnung. Der neue Reichtum wird von der privilegierten Klasse ungeniert vorgeführt. Man sieht sehr viele Nobelkarossen. Die besonnenen Menschen dagegen wünschen sich den Ausbau ihrer persönlichen Rechte, Lockerung der Reisemöglichkeiten in den Westen und Erweiterung der Handelsbeziehungen ebenso wie die Bewahrung der natürlichen Ressourcen dieser einmalig schönen Landschaft. Sie wünschen sich eine wirtschaftliche Entwicklung wie in Polen: behutsamer, stetiger Ausbau, an dem die ganze Bevölkerung Anteil hat. Die Fahrt durch Polen zeigte sehr deutlich den unterschiedlichen Ent

wicklungsstand. Weitere Unternehmungen dieser Reise waren Schwimmen im Meer, Palmnicken und das „Samlandgold“ Bernstein, Picknick mit ostpreußisch/russischen Spezialitäten im Wald auf der Kurischen Nehrung, der Besuch in Nidden mit dem Thomas Mann-Haus, ein freier Tag am Meer oder in Königsberg. Alle Aktivitäten wurden von einem russischen Reiseleiter mit unglaublich viel Fachwissen und großer Liebe zu seiner Heimat begleitet. Ein sicherer Busfahrer, ein gutes Hotel, ein russischer Folkloreabend trugen zur ausgesprochen fröhlichen Gemeinschaft bei. Mit einem gemeinsamen Abschiedsessen mit Königsberger Klopsen, zu dem auch der ehemalige Bürgermeister von Rauschen, Valerij Alexejew, eingeladen war, endete die eindrucksvolle Reise. Ein besonders herzlicher Dank galt Louis-Ferdinand Schwarz für die perfekte Vorbereitung, Organisation und Durchführung aller Programmpunkte, mit denen er nun schon seit 23 Jahren Versöhnungsarbeit an der Basis leistet. M. Öynhausen


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