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19.10.13 / Knast statt Sozialarbeit / Richter fordert effektiveres Jugendstrafrecht

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 42-13 vom 19. Oktober 2013

Knast statt Sozialarbeit
Richter fordert effektiveres Jugendstrafrecht

Auch drei Jahre nach seinem Erscheinen ist „Das Ende der Geduld. Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter“ der Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig nicht in Vergessenheit geraten. Doch obwohl viel darüber diskutiert wurde, hat die Politik daraus kaum Schlüsse gezogen. Daher legt der Bernauer Jugendrichter Andreas Müller nun nach. In „Schluss mit der Sozialromantik. Ein Jugendrichter zieht Bilanz“ kommt er auf Heisigs Motive zu sprechen und berichtet aus seiner eigenen Erfahrung. Und ähnlich wie Heisig hat er mit seinem Buch eine große Medienpräsenz erlangt.

Aber ganz unabhängig von dem guten Verkaufsstart bietet auch Müller zahlreiche Ansatzpunkte für die Politik, um das Jugendstrafrecht effektiver zu gestalten. Der 52-jährige Richter verweist auf den Umstand, dass er oft genug erlebt habe, wie die erzieherische Wirkung von Sozialarbeit und Strafen, die auf Bewährung ausgesetzt werden, von den jugendlichen Tätern nicht ernstgenommen werde. Müller ist überzeugt, dass in vielen Fällen Knasterfahrungen heilsamer seien und nennt auch Beispiele aus seiner Berufspraxis, bei denen dies der Fall war und sich die Täter Jahre später, nachdem sie die schiefe Bahn längst verlassen hatten, sogar bei ihm bedankten.

Müllers harte Urteile wurden lange von den Medien positiver bewertet als die von Kirsten Heisig. Der Autor erklärt das damit, dass seine Delinquenten zumeist rechtsextreme Brandenburger waren, während Heisigs Angeklagten Jugendliche mit Migrationshintergrund gewesen seien. Der ehemalige parteilose Bundestagskandidat, 2002 von der PDS ins Rennen geschickt, ist überzeugt, dass wenige Änderungen im deutschen Jugendstrafrecht ausreichen würden, um Gewalttaten verhindern zu können. Obwohl sich Müller selbst als politisch links stehend bezeichnet – so ist er für die Freigabe von Cannabis –, kritisiert er die linke sozialromantische Perspektive, die aus dem Täter ein Opfer der Gesellschaft mache und die wahren Opfer vergesse. Verantwortlich macht er hierfür die Studien des auf milde Strafen setzenden Kriminologen Christian Pfeiffer, dessen Thesen der Autor für zeitlich überholt hält: „Wir hatten keine nachwachsende Immigrantenjugend, die aufgrund verfehlter Migrationspolitik mit besonderem Aggressionspotenzial und hoher Gewaltbereitschaft durch die Gegend lief, und auch Perspektivlosigkeit war für die meisten Jugendlichen der 70er ein Fremdwort.“

Überhaupt ärgert es Müller, dass das Thema Intensivtäter, sprich Kriminelle, die mehrere Taten innerhalb eines Jahres begehen, nicht in allen Bundesländern gesondert betrachtet werde. Schon bei der Recherche über die Anzahl der Delikte von Wiederholungstätern erhielt er unzureichende Antworten von den je 16 Justiz- und Innenministerien der Länder. Müller ist überzeugt, dass das politisch gewollt sei, denn würde offenbar, dass nur wenige Personen für über 50 bis 60 Prozent aller Taten verantwortlich seien, die Justiz diese aber nicht rechtzeitig wegsperre, dann ginge ein Aufschrei durch die Gesellschaft.

Manche Fälle, die Müller nennt, sind kurios und zeigen Seiten der deutschen Gesellschaft, von denen der normale Bürger kaum etwas mitbekommt. Besonders interessant ist der Hinweis auf einen seiner ersten großen Fälle im rechtsradikalen Milieu, bei dem sich der Hauptbelastungszeuge als Informant des Verfassungsschutzes erwies, so dass Müller nur durch Glück den Täter verurteilen konnte.

Besonders stört es ihn, dass er so wenig Zeit hat, sich den einzelnen Fällen zu widmen, und dass so viel Zeit zwischen der Tat und Prozess vergeht. Zwölf Monate seien keine Seltenheit. Diese langen Wartezeiten würden jedoch den erzieherischen Effekt jeder Strafe reduzieren.

Trotz aller guten Argumente, die Müller anführt, nervt das Buch ein wenig. Ursächlich hierfür sind die autobiografischen Stellen im Buch. Darin schreibt Müller von seiner schlimmen Kindheit mit alkoholkrankem Vater, kriminellem Bruder und unglücklicher Mutter. Ein kurzer Hinweis hätte hier genügt, um zu verdeutlichen, warum er Verständnis für die Familien der Täter hat, doch stattdessen sieht man ständig ein kleines pummeliges, rothaariges Kind vor sich, das von Mitschülern wie vom Leben hart geprüft wird. Doch das Bild schmälert die Autorität des Autors. Auch betont er ein wenig zu oft, wie gut er Kirsten Heisig kannte und dass er genau wie sie Depressionen hat, aber im Gegenteil zu ihr nicht den Suizid, sondern eine Therapie wählte. Überblättert man jedoch jene Passagen, so bietet dieses Buch zahlreiche gute Ansätze für eine Verbesserung des Jugendstrafrechts. Rebecca Bellano

Andreas Müller: „Schluss mit der Sozialromantik. Ein Jugendrichter zieht Bilanz“, Herder, geb., 239 Seiten, 16,99 Euro


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