17.06.2024

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
14.12.13 / Die Hoffnung lebt weiter / Anmerkungen und Erinnerungen zum Tod des früheren ANC-Aktivisten und Staatspräsidenten Nelson Mandela

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 50-13 vom 14. Dezember 2013

Die Hoffnung lebt weiter
Anmerkungen und Erinnerungen zum Tod des früheren ANC-Aktivisten und Staatspräsidenten Nelson Mandela

Soweto, Sommer 1987. Unter mehr oder weniger konspirativen Umständen treffen wir zwei schwarze Gewerkschafter, die dem immer noch verbotenen ANC angehören. Mitarbeiter eines deutschen Nobelautobauers hatten uns geholfen, das südafrikanische Informationsministerium – unseren „Gastgeber“ und Aufpasser – auszutricksen.

In Pretoria amtierte noch Pieter Willem Botha, der offiziell das Apartheid-System mit eiserner Faust verteidigte, klammheimlich aber bereits dessen Ende vorbereitete. Zum Beispiel in Kontakten mit einem Insassen des Pollsmore-Gefängnisses in Kapstadt.

Der Häftling namens Nelson Mandela war ein Vierteljahrhundert lang Staatsfeind Nr. 1; nun ruhte auch staatlicherseits auf ihm die Hoffnung auf ein friedliches Ende der Apartheid.

Wie sehr er für viele andere schon lange Hoffnungsträger Nr. 1 war, hörten wir immer wieder in unseren Gesprächen mit Leuten, die im offiziellen Besucherprogramm für westliche Journalisten nicht vorkamen. Mandela war im Geiste immer mit dabei: „Das entscheiden wir, wenn Mandela frei ist“, „das wird Mandela uns sagen, wenn er nicht mehr in Haft ist“. Auf ihm ruhten alle Hoffnungen, auf ihn schien alles fixiert.

Aber wer war dieser 70-Jährige, der 1964 zu lebenslanger Haft verurteilt worden war, bis 1982 auf der Gefängnisinsel Robben Island einsaß, dann – erstes Anzeichen sich anbahnenden Wandels – nach Kapstadt verlegt wurde? Terrorist? Freiheitskämpfer? Ein zweiter Gandhi? Kommunist? Liberaler? Held oder Heiliger?

In jener Zeit, da nur wenige Menschen direkten Kontakt zu Mandela hatten, machte sich jeder sein eigenes Bild. Gerade bei uns, im fernen Europa, war man sich dessen besonders sicher. Kämpferischen Linken diente er als revolutionäres Vorbild, Che Guevara zumindest ebenbürtig. Aus konservativer, also „rechter“ Sicht hingegen war er ein gewaltbereiter Terrorist und Rechtsbrecher mit gefährlichen Zielen.

Beide Seiten mussten bis zum 11. Februar 1990 warten, um endlich zu erfahren, wer Mandela wirklich war – und wie falsch ihr Bild war. An diesem Tag setzte der erst seit Kurzem amtierende neue Staatspräsident Frederik Willem de Klerk den am 5. August 1962 verhafteten und am 12. Juni 1964 zu lebenslanger Haft verurteilten Mandela auf freien Fuß.

Konservative in Europa und USA fürchteten nach der Freilassung des „Terroristen“ das Schlimmste. Führende Vertreter der schwarzen Bevölkerungsmehrheit in Südafrika hingegen sahen darin das Signal zur Überwindung der Apartheid.

Diese Politik der strikten Rassentrennung war 1948, nach dem Wahlsieg der burisch dominierten National Party, in Südafrika zur Staatsräson erkoren worden. Kern war die einseitige gesetzliche Festschreibung von Privilegien der weißen Bevölkerungsminderheit. So entwickelte sich eine abgestufte Diskriminierung für die einzelnen Bevölkerungsgruppen, die wir zum Beispiel in Durban am Indischen Ozean so erlebten: Als Geschäftsführerin unseres Hotelrestaurants führt eine deutschstämmige Weiße das Kommando, den Service haben Inder fest in der glacebehandschuhten Hand, so genannte Colored (Mischlinge) dürfen leere Gläser abräumen, während der Schwarze, der heruntergefallene Krümel und anderes vom Boden aufkehrt, aufpassen muss, dass er keinem der drei oben Genannten in die Quere kommt. Ein anderes Beispiel für die alltägliche Erniedrigung: An der Bushaltestelle im Zentrum von Johannesburg hält alle paar Minuten ein fast leerer Bus für Weiße, alle zwei Stunden auch mal ein – völlig überfüllter – Bus nach Soweto. Die oft stundenlang wartenden Schwarzen sind gut beraten, nicht zur Toilette zu müssen, für sie gibt es hier nämlich keine!

Militante ANC-Führer wollten die Wut der Schwarzen – auch jener, die erfolgreich waren, etwa als Mitarbeiter von Mercedes, BMW oder Siemens – in schwarzen Rassismus ummünzen: Weiße sollten entmachtet, entrechtet, enteignet und, so die harmlosere Variante, verjagt werden.

Als Mandela dann freigelassen wurde, kam alles ganz anders. Er hatte andere Visionen. 27 Jahre Haft hatten ihn gelehrt, dass nur ein Ziel zählte: den Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt zu durchbrechen. Längst hat er die Unduldsamkeit, die den jungen Anwalt Mandela einst in den Untergrund getrieben hatte, abgelegt. Geblieben ist sein persönlicher Mut: Zwei Wochen nach der Freilassung steht er vor einer emotional aufgeheizten Menschenmenge in Durban. Militante Jugendliche wollen von ihm in den Kampf geführt werden. Südafrika steht am Rand eines Bürgerkriegs.

Mandela legt sein Manuskript beiseite, spricht frei: „ Nehmt eure Gewehre, nehmt eure Messer, nehmt eure Macheten und werft sie ins Meer!“ Starke Worte, die Wunder wirken: Kein Bürgerkrieg, keine staatlich organisierten Massenmorde. Das schreckliche Schicksal vieler anderer schwarzafrikanischer Völker bleibt den Südafrikanern erspart.

Von Mandelas Vision einer „Regenbogengesellschaft“, in der alle, Schwarze und Weiße, „aufrecht gehen können, ohne Angst in ihren Herzen, in der Gewissheit ihres unveräußerlichen Rechts der Menschenwürde“, ist das Land weit entfernt. Vieles liegt im Argen, der Weg ist noch weit und dornenreich. Seine Nachfolger sind, wie so viele Machthaber des Schwarzen Kontinents, das exakte Gegenteil jener Bescheidenheit, Integrität und Unbestechlichkeit, die er vorgelebt hat. Mandela war, wie er selber sagte, „kein Heiliger“. Aber er war, mit allen Stärken und Schwächen, eine herausragende und eindrucksvolle Persönlichkeit. Nun ist Madiba, so sein Stammesname, tot, aber die Hoffnung, die er seinem Volk gab, lebt weiter. Hans-Jürgen Mahlitz


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabobestellen Registrieren