16.10.2021

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04.01.14 / Im Rausch der Erinnerung / Die Museumslandschaft blüht, obwohl diese von der Politik nur stiefmütterlich gefördert wird

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 01-14 vom 04. Januar 2014

Im Rausch der Erinnerung
Die Museumslandschaft blüht, obwohl diese von der Politik nur stiefmütterlich gefördert wird

2013 war für die Museen ein gutes Jahr. Die Häuser melden Besucherrekorde. Die Deutschen suchen wieder verstärkt Halt im kulturellen und geschichtlichen Erbe der Nation. Leider wird das vom Staat nur wenig honoriert.

Anne Bohenkamp ist erleichtert. Die Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts, das auch das Goethe-Haus in der Frankfurter City betreut, kann darauf hoffen, dass in der Main-Metropole ein Romantik-Museum entsteht. Jahrelang hatte sie dafür ge­kämpft, einem Eichendorff, von Arnim oder Brentano eine museale Heimstatt direkt neben dem Goethe-Haus zu bieten. Frankfurt wollte sich an den acht Millionen Euro Projektkosten beteiligen. Doch vor einem halben Jahr gab die Stadt bekannt, das Geld doch lieber in den Bau einer U-Bahn statt in die Kultur zu investieren.

Die neue Berliner Koalition brachte dann die Wende. Da der Bund dem Museum besondere Priorität einräumt und auch private Spender Beiträge in Millionenhöhe zusagten, ist nun auch die Stadt Frankfurt bereit, für die noch fehlenden 1,8 Millionen Euro einzuspringen. Wohlgemerkt: allein für die Finanzierung des Baus. Denn nach der Eröffnung fallen jährliche Folgekosten an, die dann auch aus dem Kulturetat der Stadt bestritten werden müssen. Am Ende muss dieses Geld an anderer Kultur-Stelle wieder eingespart werden.

Die Museumsbesucher werden sich freuen: noch ein neues Museum. Die in vielen Großstädten einmal jährlich veranstalteten „Nächte der Museen“ unterstreichen den neuentdeckten Drang der Deutschen, sich dem Rausch der museal konservierten nationalen und identitätsstiftenden Erinnerungen hinzugeben. Hunderttausende sind es dann, die bis weit nach Mitternacht hinein den Eintritt zum Pauschalpreis nutzen. Diese Eigenwerbung kommt so gut an, dass sich immer mehr Besucher in die Museen wagen und dafür dann auch gern den im Vergleich zu Konzert- oder Theaterveranstaltungen vergleichsweise geringen Eintritt zahlen.

Das Berliner Institut für Mu­seumsforschung, das zum Jahres­ende die Besuchsbilanz des jeweiligen Vorjahrs zieht, gab jüngst be­kannt, dass 2012 im Vergleich zum Vorjahr die Besuchszahl in deutschen Museumseinrichtungen um knapp drei Prozent auf fast 113 Millionen ge­stiegen ist. Massenanstürme bei Sonderausstellungen, wie zuletzt die Nofretete-Schau im Berliner Neuen Museum mit 600000 Besuchern, lassen neue Publikumsrekorde auch für 2014 erwarten.

Wer heute ins Museum will, hat die Qual der Wahl. In Deutschland gibt es einen Dschungel von über 6300 Museen. Von A wie Archäologisches Museum über K wie KZ-Gedenkstätte – Flossenbürg ist für den Europäischen Museumspreis 2014 nominiert – bis Z wie Zoologisches Museum ist nahezu alles vertreten. Ein Romantik-Museum, wie es in Frankfurt geplant ist, hat da gerade noch gefehlt. Dabei gibt es schon kleinere, zumeist privat betriebene Häuser einzelner Romantiker wie Eichendorff (in Wangen im Allgäu), Brentano (im Frankfurter Petrihaus) oder Bettina und Achim von Arnim (in Wiepersdorf). Arbeitslose Germanisten warten nur darauf, dass weitere Literaturepochen wie Naturalismus oder Postmoderne eine museale Heimstadt finden, in der sie eine mit Staatsgeldern finanzierte Beschäftigung finden.

Tatsächlich ist der mit Steuermitteln gepflegte Museums-Ur­wald in den letzten Jahren kräftig gewachsen. So stellt Joachim Mähnert vom Ostpreußischen Landesmuseum Lüneburg fest, dass es in Niedersachsen knapp 700 Museen gibt, die Hälfte von ihnen ist in den letzten 30 Jahren entstanden. Allen gemeinsam ist, dass ihr Unterhalt immer teurer wird. „Überall sind die Kommunen Sparzwängen ausgesetzt, wobei zuerst bei kulturellen Einrichtungen gespart wird“, sagt Mähnert, „die nächsten Jahrzehnte werden vermutlich ein Ausdünnen der Museumslandschaft in der gesamten Bundesrepublik Deutschland bringen.“

Dabei findet bereits ein Verdrängungskampf unter den Mu­seen statt. Es gibt zwar mehr Be­sucher, doch die verteilen sich aber auch auf immer mehr Mu­seen. In der Regel profitieren die großen Häuser, die sich noch spektakuläre Ausstellungen leisten können, vom Publikumsansturm. Kleine Spartenhäuser, die ihren Schwerpunkt auf Spezial-Sammlungen zu Themen wie Uhren, Puppen, Zigarren, Kaffee, Sex et cetera legen, haben dabei das Nachsehen. Das gilt auch hinsichtlich öffentlicher Finanzhilfen, die nach einem be­stimmten Verteil-Schlüssel aufgeteilt sind, der sich auch an den Publikumszahlen orientiert. Wo wenig los ist, fließt wenig Subvention.

Dank höherer Steuereinnahmen ist auch der Kulturetat der Länder in den letzten Jahren leicht gestiegen. Doch dieser ist gemessen am Gesamtetat verschwindend gering. In Berlin liegt er derzeit bei 1,8 Prozent des Senats-Haushalts, wovon ein Drittel allein die Opern verschlingen. Dabei sollen die Berliner Kulturausgaben dieses Jahr um zehn auf 379 Millionen Euro steigen, wobei der größte Teil dem Ausgleich höherer Tariflöhne dient.

Im Bereich der 170 Hauptstadt- Museen lebt ein Heer von Direktoren, Kuratoren, Kunsthistorikern, Bibliothekaren und Archivaren von Steuergeldern. Mit dem vom Bund mit 30 Millionen Euro finanzierten Erinnerungsprojekt der „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ kommt 2015 ein weiteres Dokumentationszentrum hinzu, für dessen Unterhalt weitere öffentliche Gelder benötigt werden. Da auch die Betriebskosten für Wasser, Strom und Heizung steigen, bleibt die museale Trias aus Sammeln, Bewahren und Forschen sich selbst überlassen. Für die Anschaffung neuer Exponate verfügt zum Beispiel die Berliner Nationalgalerie gerade einmal über einen Etat von 65000 Euro, was fünf Prozent des Gesamthaushalts entspricht. Zum Vergleich: 1876 betrug der Anteil noch 53 Prozent.

Anne Bohnenkamp macht sich wegen der Anschaffungen eines neuen Romantik-Museums keine Sorgen. Das Hochstift hat zahlreiche Dokumente der Romantiker in seinen Archiven, die nur darauf warten, ausgestellt zu werden. Doch romantische Gefühle verschwinden oft ganz schnell, wenn sie auf die harte Realität des Geldes treffen. Harald Tews


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