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04.01.14 / Schwierige Spurensuche / Ausstellungsprojekt geht strittiger Herkunft von Bildern nach, die im Besitz des Kunstsammlers Flechtheim waren

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 01-14 vom 04. Januar 2014

Schwierige Spurensuche
Ausstellungsprojekt geht strittiger Herkunft von Bildern nach, die im Besitz des Kunstsammlers Flechtheim waren

Der Verkauf der Gouache-Malerei „Löwenbändiger“ von Max Beckmann brachte den Fall Cornelius Gurlitt erst ins Rollen. Der Sohn des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt lebte in seiner Münchener Wohnung fast 70 Jahre lang mit einem Schatz aus 1280 Bildern, die auch aus jüdischem Besitz stammten und die sein Vater vor dem Zweiten Weltkrieg ins Ausland veräußern sollte. Der Verkauf des Beckmann-Bildes 2011 weckte die Vermutung, dass Gurlitt junior auch Bilder aus der Sammlung Flechtheim besaß.

Im Rahmen des Ausstellungsprojektes „Alfred Flechtheim – Kunsthändler der Avantgarde“ gehen derzeit 15 Museen in Deutschland und der Schweiz ei­gens der Provenienz (Herkunft) dieser Werke nach. Erst kürzlich wehrten die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen den Anspruch des umtriebigen An­walts des Großneffen von Flecht­heim auf sechs Gemälde von Beck­mann mit dem Hinweis ab, dass der Verkauf bereits 1931 geplant und 1932 vollzogen worden sei.

Generaldirektor Klaus Schrenk schlussfolgert daraus: „Somit steht der Verkauf der Gemälde in engem Zusammenhang mit der Auflösung der Geschäftsbeziehung zwischen dem Künstler Beckmann und dem Kunsthändler Alfred Flechtheim. Daher gibt es keinen kausalen Zu­sammenhang mit der Verfolgung Alfred Flechtheims durch die Nationalsozialisten.“

Das Münsteraner Handelshaus Flechtheim wurde während des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 zum exklusiven Getreidelieferanten des preußischen Heers. So verband sich der Wohlstand dieser seit dem 18. Jahrhundert in Westfalen ansässigen jüdischen Familie bereits in dessen Entstehungsphase mit dem neuen Kaiserreich. In der Regierungszeit Wilhelms II. wurde der 1878 geborene Alfred Flecht­heim zum Teilhaber der Fa­milienfirma. In Paris, wo er 1906 zur Ausbildung weilte, machte er die Bekanntschaft der deutschen Künstlerkolonie im Café du Dôme und des aus Mannheim stammenden Kunsthändlers Daniel-Henry Kahnweiler. Als erster deutscher Sammler kaufte er Wer­ke des jungen Pablo Picasso.

Doch nicht nur im Aufstieg, auch im Untergang waren die Flechtheims mit dem Kaiserreich verbunden: 1913 stand die Handelsfirma vor dem Konkurs. Für Flechtheim war das Anlass, aus dem Geschäft auszutreten und in Düsseldorf seine erste Kunstgalerie zu eröffnen.

Der Weltkrieg, für den er sich freiwillig meldete, unterbrach den Neubeginn und nötigte ihn 1917, seine Bestände zu versteigern. In der Weimarer Republik erlangte seine Galerie bedeutenden Einfluss bei der Durchsetzung von moderner Kunst und ihrer Etablierung in den Museen. Um 1925 betrieb die „Alfred Flechtheim GmbH“ weitere Filialen in Wien, Berlin, Köln und Frankfurt. Flecht­heim bezog seine Wohnung in Berlin-Wilmersdorf und führte die Galerie am Lützowufer.

Bereits die Wirtschaftskrise von 1929 läutete das Ende ein. Die letzte Ausstellung in Deutschland veranstaltete Flechtheim zum Jahreswechsel 1932/1933 unter dem Titel „Lebendige deutsche Kunst“. Unter schwierigen Bedingungen versuchte er, die Arbeit in London fortzusetzen, wo er 1937 gestorben ist. Seine in Berlin zurückgebliebene Frau Betti nahm sich 1941 angesichts einer drohenden Deportation das Leben.

In die Münchner Pinakothek gelangte erst 1974 mit der Stiftung Günther Franke ein eindrucksvoller Bestand der Sammlung Flecht­heim, auch mit Werken Beck­manns. Ernst Barlachs Bronzeplastik „Der Tod“ ist dagegen seit ihrem Kauf von Flechtheim 1932 im Besitz der Bayerischen Staatsgemäldesammlung verblieben. Im Rahmen des Ausstellungsprojekts zeigt die Hamburger Kunsthalle im Saal der Meisterzeichnungen bis zum 19. Januar eine Auswahl mit 37 Werken, die der Sammlung Flechtheim zugeordnet werden. In den meisten anderen am Projekt beteiligten Museen bleiben die Bilder an ihrem hergebrachten Platz in der ständigen Sammlung, und es werden die Herkunftsbeziehungen im Internet unter www.alfredflechtheim.com nur virtuell nachvollzogen.

Die Stadt Köln restituierte erst kürzlich sechs Zeichnungen an die Flechtheim-Erben. Diese er­klärten sich einverstanden, die Zeichnungen von Ernst Barlach, Karl Hofer, Aristide Maillol, Paula Modersohn-Becker und Wilhelm Morgner im Museum Ludwig verbleiben zu lassen. Bei der Veräußerung des „Löwenbändigers“ von Beckmann über das Auktionshaus Lempertz teilte Gurlitt übrigens den Erlös mit den Flechtheim-Erben. Sebastian Hennig


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