16.10.2021

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04.01.14 / Germanische Spuren im Osten

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 01-14 vom 04. Januar 2014

Germanische Spuren im Osten

Archäologen haben in Potsdam die Reste eines germanischen Dorfes ausgegraben. Auf einem ehemaligen Gärtnereigelände am Nuthewinkel legten Experten die Reste von bisher 40 Gebäuden frei, wie die Stadtverwaltung Potsdam jetzt bekanntgab. Es handelt sich um für die Germanen charakteristischen Langhäuser und in die Erde eingelassenen Grubenhäuser, die oft als Werkstätten genutzt wurden. Die Ausgräber stießen zudem auf Stallungen. Auf dem 30000 Quadratmeter großen Gelände wurde ein Brunnen gefunden, was ebenfalls für eine dauerhafte Anlage spricht. Ausschlaggebend für den Standort war vermutlich der nahe Fluss Nuthe.

Bereits die ersten Funde sind spektakulär: So kam das bronzene Joch eines römischen Wagens zum Vorschein – als erster Fund dieser Art in Brandenburg. Joche dieses Typs sind bisher vor allem von römischen Schlachtfeldern auf germanischem Boden bekannt. Eine Münze mit dem Bildnis des römischen Kaisers Vespasian (9–79 n. Chr.) und eine Marc Aurels (121–180 n. Chr.) sowie Teile von Pferdegeschirr und zwei muschelförmige Bronzebeschläge legen laut den Archäologen die Vermutung nahe, dass in der Siedlung Handwerker lebten.

Nach bisherigen Erkenntnissen war der Ort vom 1. bis zum 4. Jahrhundert nach Christus bewohnt. Der Großfund liefert somit einen wichtigen Hinweis auf die kaum beachtete germanische Besiedelung der Region lange vor dem Eindringen der Slawen im 6. und 7. Jahrhundert. Die Bewohner gehörten möglicherweise dem elbgermanischen Stamm der Semnonen an. Die Fundstücke lassen auf überwiegend männliche Bewohner schließen. Die Männer könnten als Soldaten im Dienst Roms gestanden haben. Dass Germanen so vergleichsweise weit vom Römischen Reich entfernt zumindest zeitweise dem Kaiser dienten, gilt unter Archäologen heute als bewiesen. Ein früherer Grabfund in Kemnitz, Ortsteil der Stadt Werder nahe Potsdam, enthielt Silberbeschläge mit Darstellungen aus der bei römischen Kaisern allgemein beliebten Herkules-Sage. Möglich ist so laut Experten sogar, dass Vertreter der bekanntermaßen aus Germanen bestehenden kaiserlichen Leibgarde auf dem Gebiet des heutigen Potsdam lebten.

Ein anderer Deutungsansatz sieht die jetzigen Funde als germanische Kriegsbeute. Bei dem Joch könnte es sich somit entweder um Beute aus einem für die Germanen siegreichen Kampf gegen Rom oder um militärische Ausrüstung germanischer Hilfstruppen in Roms Diensten handeln. Denkbar wäre, dass es sich im Beutefall um Relikte aus der Schlacht am Harzhorn handelt, die der von 235 bis 238 nach Christus herrschende römische Kaiser Maximinus Trax nur 300 Kilometer vom jetzt gefundenen Dorf entfernt verlor. Diese Schlacht war erst 2008 durch Funde von Hobbyarchäologen näher bekannt geworden. Sie gehört zu den vergessenen Schlachten des Imperiums, die in der Geschichtsschreibung kaum Widerhall gefunden haben. An dem Feldzug nahmen, wie die rund 2000 überwiegend militärischen dortigen Fundstücke nahelegen, mindestens 1000 römische Legionäre und ein großer Tross teil. In Potsdam soll die Arbeit der Archäologen nur noch einige Wochen weitergehen. Das Gelände in Brandenburgs Landeshauptstadt wird mit Häusern bebaut. SV


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