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04.01.14 / »Inkonsequent und inkalkulabel« / Johann Georg Adam Forster war Naturforscher, Ethnologe, Reiseschriftsteller, Journalist, Essayist und Revolutionär in einer Person

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 01-14 vom 04. Januar 2014

»Inkonsequent und inkalkulabel«
Johann Georg Adam Forster war Naturforscher, Ethnologe, Reiseschriftsteller, Journalist, Essayist und Revolutionär in einer Person

Alexander von Humboldt nannte ihn seinen Lehrer und Freund; Bruder Wilhelm gar schrieb 1789 über Georg Forster: „Denn nur sehr wenige haben gesehen, was er gesehen hat, und diese wenigen, wie zum Beispiel sein Vater, haben nicht das glückliche Genie, den philosophischen Geist.“ Die Brüder Humboldt und Forster einte das gemeinsame Interesse – einmal an der Naturwissenschaft, zum anderen an der Geisteswissenschaft – mit dem Unterschied, dass Forster beides in einer Person vereinigte.

Wer war dieser Mann, der heute – 220 Jahre nach seinem Tod – in der breiten Öffentlichkeit meist vergessen ist, der die Gelehrten jedoch immer noch beschäftigt? So lud die in Kassel bestehende Georg-Forster-Gesellschaft 1993 zu ihrem ersten Symposion in der dortigen Gesamthochschule ein; und 1991 wurde an der Mainzer Universität eine „Georg-Forster-Forschungsstelle für Geschichte der Ethnologie und der Europäisch-Überseeischen Beziehungen“ ins Leben gerufen. Auch in Mitteldeutschland erinnert man sich übrigens des weltreisenden Schriftstellers und Naturforschers – im Gotischen Haus des Wörlitzer Parks, Kreis Gräfenheinichen, findet sich eine Sammlung von Gegenständen, die Forster aus der Südsee mitgebracht hat, und eine Reihe seiner Werkausgaben.

Johann Georg Forster wurde am 27. November 1754 in Hochzeit bei Danzig geboren. Im Pfarrhaus Nassenhuben bei Danzig wuchs er auf, dort unterrichtete ihn sein 1729 in Dirschau geborener Vater Reinhold. Bereits 1765 nahm Reinhold Forster seinen Sohn mit auf eine Forschungsreise nach Russland, die der Untersuchung der physischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse der deutschen Kolonien an der unteren Wolga diente. Bei dieser Gelegenheit wird wohl der Vater seinen Sohn auch in genauer Beobachtung und im Beschreiben der Dinge unterwiesen haben, die später seinen Ruhm begründen sollten.

Anschließend zogen die Forsters nach England – ihre Vorfahren stammten übrigens aus Schottland – und nahmen von dort aus an der von 1772 bis 1775 dauernden zweiten Weltreise von Kapitän James Cook teil. Georg Forster veröffentlichte 1777 in englischer Sprache seine Erfahrungen und Erlebnisse dieser Fahrt unter dem Titel „Reise um die Welt“ und gilt seitdem als Begründer der wissenschaftlich-künstlerischen Reisebeschreibung.

1778 wurde Georg Forster als Professor für Naturwissenschaften an das Carolineum in Kassel berufen. Später folgte er einem Ruf nach Wilna, von wo er 1787 nach Deutschland zurückkehrte. Forster wirkte fortan als kurfürstlicher Bibliothekar in Mainz, bis er begann, sich politisch zu engagieren. Als begeisterter Anhänger der Französischen Revolution war Forster Vizepräsident im rheinisch-deutschen Nationalkonvent und ging als dessen Deputierter nach Paris, um die Vereinigung des Rheinlandes mit Frankreich anzubieten. Damit setzte er sich dem Verdacht des Vaterlandsverrats aus und wurde in die Reichsacht erklärt

Georg Forster starb einsam und verlassen am 10. Januar 1794 an den Folgen eines Schlaganfalls in Paris. Sein Vater Reinhold überlebte ihn um vier Jahre. Mit seinen Publikationen hat Forster einen großen Einfluss auf seine Zeitgenossen, aber auch auf nachfolgende Generationen ausgeübt. Wolfgang Goethe und Fried­rich Schiller schätzten ihn gleichermaßen, mit dem Mohrunger Johann Gottfried Herder führte er einen regen, wenn auch nicht immer übereinstimmenden Briefwechsel. Es kam auch 1785 zu einer ersten persönlichen Begegnung in Weimar. Seinem Königsberger Freund Johann Georg Hamann schrieb Herder: „Uebrigens ist er ein gutherziges, gelehrtes Männchen, der sich in den meisten Wißenschaften selbst zu etwas durchschlagen müßen, das ihm denn viel Mühe gemacht hat.“

Nach Forsters Tod war es Herder, der ihm zwei literarische Denkmäler gesetzt hat – ein gewagtes Unternehmen, denn schließlich galt Forster als Vaterlandsverräter. In seinen „Briefen zur Beförderung der Humanität“ würdigte Herder 1796 die wissenschaftliche Bedeutung Forsters für die Zukunft. Und kurz vor Herders Tod im Jahre 1803 schrieb er ein Vorwort zur zweiten Auflage von Forsters „Sakontala“, der Übersetzung eines indischen Schauspiels aus dem Englischen und neben seinen „Ansichten vom Niederrhein“ ein ebenfalls bedeutendes Werk des Gelehrten, dessen Wirken aufgrund seiner Vielseitigkeit nicht in eine Schublade gesteckt werden kann.

Forster selbst bezeichnete sich einmal als „inkonsequent und inkalkulabel“. Forscher sehen heute in ihm einen „modernen Menschen“, der „höchst zeitgemäß“ sei, um es mit Detlef Rasmussen zu sagen. Er selbst formulierte einmal, was einen schöpferischen Menschen bewege: „Dem wahren, schöpferischen Geiste genügt es nicht, alles bilden zu können, was ihm einfällt; er will darstellen, was anderen zu denken gibt und womit sich ihre Phantasie vorzugsweise beschäftigt. Könnte man doch auch unseren Dichterlingen so etwas begreiflich machen!“ – Ein Stoßseufzer, der zweifellos noch heute aktuell ist. PAZ/os


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