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04.01.14 / Bankenschließung löst Panik in Königsberg aus / Gouverneur Zukanow wirft Zentralbank Betrug vor − Beschwichtigungsversuche verstärken Sturm auf Geldhäuser

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 01-14 vom 04. Januar 2014

Bankenschließung löst Panik in Königsberg aus
Gouverneur Zukanow wirft Zentralbank Betrug vor − Beschwichtigungsversuche verstärken Sturm auf Geldhäuser

Die Schließung der „Investbank“, einer der größten Banken der Russischen Föderation, hat im Königsberger Gebiet eine Panik ausgelöst. Alarmierte Bankkunden forderten ihr Geld zurück und legten damit die Bank lahm. Der Gouverneur des Königsberger Gebiets, Nikolaj Zukanow, reagierte sofort. Er setzte sich mit der Moskauer Zentalbankchefin in Verbindung und beruhigte die aufgebrachten Bürger. Moskau ließ Zukanow jedoch im Regen stehen. Zurück blieben ein Gouverneur, der an Glaubwürdigkeit verloren hat, und Menschen, die nicht mehr an die Stabilität ihres Staates glauben.

Einen „schwarzen Freitag“ wie den 13. Dezember hat es in Königsberg seit 15 Jahren nicht mehr gegeben. Damals, 1998, stürmten die Menschen so wie jetzt die Wechselstuben und Banken. Russland erlebte seinen großen Bankenzusammenbruch, die Wirtschaft brach ein, das Land stand vor dem Staatsbankrott, der Rubel stürzte ab. Die Erinnerung an diese schwere Zeit hat sich den Menschen ins Gedächtnis eingegraben.

Auch wenn in den vergangenen Jahren das Einkommen der Bevölkerung mit der Produktion beständig gewachsen ist und Russland die globale Wirtschaftskrise der vergangenen Jahre einigermaßen gut überstanden hat, sind die Russen sensibilisiert.

Schon als bekannt wurde, dass in der Moskauer Zentrale der 1989 in Königsberg gegründeten „Investbank“ − eine der ältesten Privatbanken Russlands − Mitarbeiter der Strafverfolgungsbehörde Dokumente beschlagnahmt hatten, löste dies in der Pregelmetropole Panik und Tumulte aus. Lange Schlangen in Bankfilialen und an Geldautomaten erinnerten an die Atmosphäre der 90er Jahre.

Die Investbank zählt zu den 80 größten Banken Russlands und besitzt ein großes Filialnetz, das sich über viele Regionen erstreckt. Im Königsberger Gebiet hat die Bank traditionell besonders viele Kunden, sowohl Privatpersonen als auch Unternehmen.

Erste Erschütterungen im russischen Bankenwesen hatte es schon vor einigen Monaten gegeben. 27 Banken verloren damals ihre Lizenz. Zentralbankchefin Elvira Nabiullina begründet dies mit Verstößen gegen die Vorschriften, Unregelmäßigkeiten in der Buchführung oder riskanter Kreditvergabepolitik.

Königsberger Kunden der Investbank rechneten mit dem Schlimmsten und handelten deshalb sofort. Die Bankangestellten weigerten sich, größere Summen auszuzahlen. Inzwischen hatte sich Gouverneur Nikolaj Zukanow eingeschaltet. Er setzte sich persönlich mit Nabiullina in Verbindung, um die Situation zu klären. Hintergrund ist dabei, dass auch Finanzmittel des Gebietes in Höhe von 150 Millionen Rubel (etwa 3,3 Millionen Euro) auf der Bank liegen wie auch privates Geld der Familie des Gouverneurs.

Die Zentralbankchefin beruhigte Zukanow mit der Aussage, es gebe keinen Grund zur Beunruhigung; der Investbank die Lizenz zu entziehen sei nicht geplant. Dies geschah dann doch innerhalb von 24 Stunden. Das brachte wiederum Zukanow in Erklärungsnöte, hatte er sich doch ausdrücklich auf die Äußerungen der Zentralbankchefin berufen, um die Königsberger zu beruhigen. Schenkt man den Worten des Gouverneurs Glauben, dann hat die Zentralbankchefin ihn und Abertausende Kunden der Investbank betrogen. Wer wen betrogen hat, lässt sich kaum überprüfen. Für den Gouverneur jedenfalls geriet seine Intervention zum Riesen­skandal.

Der Sturm auf die Banken ließ sich nicht mehr aufhalten. In Gruppen zogen aufgebrachte Menschenmassen zu den Filialen der Investbank. Die eindrucksvollste Menge hatte sich im Zentrum nahe dem Hotel „Kaliningrad“ gebildet. Sie versuchte, ins Innere der Bank zu gelangen, doch Mitarbeiter des Instituts blockierten die Türen. Daraufhin unternahmen die Bankkunden, unter denen sich auch viele Frauen, auch ältere, befanden, den Versuch, die Barriere zu durchbrechen, wobei sie die Tür beschädigten. Die erschrockenen Mitarbeiter im Inneren riefen den Sicherheitsdienst. Mit voller Ausrüstung, Helmen und kugelsicheren Westen verschanzten Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes sich in der Ban­khalle, um die aufgebrachten Menschen im Falle eines Durchbruchs zurückzudrängen.

Der Gouverneur eilte inzwischen zur Regionalvertreterin der russischen Zentralbank, Irina Petrowa, die ins Hauptbüro der Investbank in Königsberg kam, um vor den Versammelten Rede und Antwort zu stehen.

Zukanows Gesichtsausdruck wirkte verärgert und verwirrt. Er sagte: „Vor zwei Tagen habe ich mit der Vorsitzenden der Zentralbank Elvira Nabiullina gesprochen und sie hat mir versichert, dass die Lizenz nicht entzogen werde. Offenbar hat sich die Lage nun geändert und gestern Abend wurde die Entscheidung über den Lizenzentzug gefällt.“ Ihm blieb nichts anderes übrig, als sich bei den Königsbergern zu entschuldigen.

Diese Worte des Bedauerns änderten die Stimmung allerdings kaum. Zukanow erntete Pfiffe, Gelächter und scharfe Entgegnungen. Die Investbank-Kunden empörten sich darüber, dass man sie ignoriert und nicht informiert hatte und ihnen auch keine Auskunft gab, was sie tun können und was sie erwartet.

Petrowa erklärte ziemlich unbedacht: „Weder die ,Europäische‘ noch die ,Wosroschdenija‘ oder die ,BIN-Bank‘ haben irgendwelche Probleme wie auch viele andere nicht, über die Gerüchte im Internet verbreitet werden. Wir bitten Sie, nicht in Panik auszubrechen und die Lage nicht zu destabilisieren.“ Das unterstrich auch der Gouverneur. Es bleibt Petrowas Geheimnis, aus welchem Grund sie die Namen dreier weiterer Banken nannte. Ihre Worte führten jedenfalls nicht zur gewünschten Beruhigung, sondern zur Ausweitung der Panik. Nun wurden auch die Filialen der genannten Banken gestürmt. Innerhalb einer einzigen Stunde waren sämtliche Bankautomaten geleert, in den Filialen bildeten sich riesige Schlangen. Die Bankangestellten erfassten die Auszahlungswünsche der Kunden nur noch in Listen und versprachen, zumindest einen Teil des Geldes in einigen Tagen auszuzahlen. Nur wenigen war es gelungen, ihre Einlagen zurückzubekommen.

Die Europäische Bank führte ein Limit für Auszahlungen in Höhe von 10000 Rubel (um die 220 Euro) pro Tag ein, um den Massenabzug von Bargeld aufzuhalten. Der Vorsitzende des Königsberger Stadtrats, Andrej Kropotkin, gestand, dass die Schließung der Investbank auch seine Baufirma, die dort ein Bankkonto hatte, betrifft. Seiner Einschätzung nach wird jeder zweite Bürger des Gebiets in Mitleidenschaft gezogen werden.

Laut Gesetz können Privatpersonen mit einer Absicherung ihres Guthabens in einer Höhe von bis zu 700000 Rubel (etwa 15400 Euro) rechnen. Das heißt, Einlagen werden bis zu dieser Höhe garantiert. Was oberhalb dieser Grenze liegt, wird nach der Abwicklung der Bank anteilig zurückgezahlt, falls Geld übrig bleibt. Die Folgen für die betroffenen Unternehmen und deren Mitarbeiter werden gravierend sein. 40100 private Unternehmer und Firmen haben ein Konto bei der Investbank. Entsprechend steht nun in den Sternen, ob die Angestellten dieser Firmen ihre Dezember-Gehälter ausgezahlt bekommen.

Der Gouverneur befürchtet, dass die Schließung der Investbank im Gebiet zirka 5000 Menschen ihren Arbeitsplatz kosten wird. Darüber hinaus liegen die Mittel der Gesellschaft für Tou­ris­mus­ent­wick­lung des Gebiets auf einem Konto der Investbank sowie ein Teil des Geldes, das für die Umsetzung des Projekts „Herz der Stadt“ vorgesehen war. Der Ausgang dieser Ban­kenkrise ist noch ungewiss. Jurij Tschernyschew (siehe auch Beitrag S. 7)


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