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04.01.14 / Kulturelles Balten-Hoch / Seit Beginn des Jahres ist Lettlands Metropole Riga Kulturhauptstadt Europas – Die Stadt war und ist ein Schmelztiegel der Völker

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 01-14 vom 04. Januar 2014

Kulturelles Balten-Hoch
Seit Beginn des Jahres ist Lettlands Metropole Riga Kulturhauptstadt Europas – Die Stadt war und ist ein Schmelztiegel der Völker

Lettlands Hauptstadt Riga ist als Europäische Kulturhauptstadt 2014 bestens vorbereitet. Die vorbildlich restaurierte Altstadt aus der Hansezeit, das komplett renovierte Jugendstilviertel und das historische Seebad Jurmala locken jedes Jahr Scharen von Touristen. Doch: Ein Trip in die Metropole im Aufbruch lohnt sich auch jenseits der Besucherpfade.

Riga wird beherrscht von der Farbe Blau. Tiefblau ist der weite Himmel, und dunkelblau ist auch der Fluss, die Düna, die zu Füßen der Altstadt träge nach Nordwesten zieht, so zäh, als wolle sie gar nicht weg aus Riga.

Rund 800000 Einwohner zählt die größte Stadt der drei baltischen Länder Estland, Litauen und eben Lettland. Das Land und vor allem Riga streben zum Meer. Sie sind russischer als die anderen – und hanseatischer. Vor dem Dom stehen die Bremer Stadtmusikanten. Die ältesten Häuser der Stadt, die „Drei Brüder“, haben einst deutsche Kaufleute gebaut wie fast die ganze Altstadt. Vor 800 Jahren errichteten sie ihrer neu gegründeten Handelsstadt eine gewaltige Kathedrale, den größten Dom in Nordost-Europa: In seinen nordisch-kühlen Backsteinmauern schallen die 6768 Pfeifen der Orgel wie eine Demonstration hanseatischer Macht.

In und um Riga herrschte früher eine deutsche Sprachkultur vor: Baltendeutsche Barone teilten sich Kurland und Livland untereinander auf. Lettischsprachige Bewohner galten bis ins 20. Jahrhundert als ungebildete Bauern, die bestenfalls als Dienstboten zu gebrauchen waren.

Bestimmt haben in Lettland immer andere: Deutsche, Schweden, Russen, wieder Deutsche und dann die Sowjets. Kein Wunder, dass den Letten ihr Freiheitsdenkmal, die von goldenen Sternen und einer Siegesgöttin ge­krönte Säule am Eingang zur Altstadt, heilig ist. Vor der Statue mit der Aufschrift „für Freiheit und Vaterland“ paradieren zwei lettische Soldaten im Stechschritt.

Einer Legende zufolge wollten die Sowjets das Denkmal erst abreißen und dann umdrehen. Ihnen passte es gar nicht, dass die Freiheitsgöttin über die Altstadt hinweg nach Westen blickt. Dennoch: Sie blieb stehen und schaut weiterhin unverdrossen in die untergehende Sonne. Auch die Russen sind geblieben.

Olga zum Beispiel ist in der Hauptstadt der Lettischen Sozialistischen Sowjetrepublik geboren. Ihre Familie stammte aus dem nahen Leningrad, das nun wieder Sankt Petersburg heißt. Mühsam hat sie etwas Englisch gelernt. „What you want to see?“, fragt sie gleich nach einer freudigen Begrüßung. Mitten in der makellos restaurierten Altstadt zeigt sie stolz die alten Klosterhöfe im Stadtzentrum, die frisch pastellgelb gestrichenen, ehemalige Ka­sernen der Schweden und den mächtigen Dom aus deutscher Hansezeit, zu dessen Füßen die Düna gemächlich und fast kilometerbreit zur Ostsee fließt.

Olga erzählt, dass ihre Tochter ihr Geld wie so viele von hier im Westen verdient. 1000 Euro im Monat hat sie als Wäscherin in Berlin. In Riga wäre das ein Managergehalt. Der lettische Durchschnittslohn erreicht gerade mal die Hälfte. 200000 der gut zwei Millionen Einwohner sind auf der Suche nach einem besseren Leben ausgewandert: nach England, Irland, Deutschland.

Doch inzwischen kommen viele wieder zurück. Davis war fünf Jahre lang in Rom, hat dort alles Mögliche gemacht und nun zu­sammen mit seinem Bruder und dessen Frau das „Kanepes“ eröffnet. „Ein Wortspiel“ sagt der 29-Jährige und grinst – „Sofa oder Cannabis“. Kiffer hängen im Ka­nepes keine herum.

„Hier kannst Du alles machen. Du musst es nur versuchen“, sagt Davis, ein ruhiger junger Mann. In Italien zum Beispiel dauere es Monate, bis man eine Lizenz für eine Kneipe bekomme. „Hier fängst du einfach an. Den Rest regelt der Markt.“ Zusammen mit Freunden hat er das heruntergekommene Wohnhaus in der nordöstlichen Innenstadt renoviert. Die 30000 Euro fürs Material hatte er teils aus Italien mitgebracht, teils hat sie sein Bruder aufgetrieben. „Er ist Be­triebswirt, unser Mann für die Finanzen“, freut sich Davis, „wir sind ein Familienbetrieb.“ Und der kann sich sehen lassen: Unten haben sie eine Theke eingebaut, über die sie Getränke und Knabbereien verkaufen. Daneben ein Raum mit Sofas und Sesseln, draußen im Hof alte Fässer als Stehtische und Holzbänke zum Sitzen. Der Eintritt zu allen Veranstaltungen ist frei. Demnächst soll ein Programmkino dazukommen.

Abends gegen elf wird es rappelvoll. Im ersten Stock des re­staurierten Altbaus mischen zwei in rot-weiße, mit glitzernden Pailletten besetzte Trachten gekleidete junge Frauen auf der Bühne alte lettische Lieder mit modernen Rhythmen. Dazu singen sie mit ihren glasklaren Stimmen. Die Leute toben vor Begeisterung.

Riga scheint sich jeden Tag neu zu erfinden. Mieras Iela, Friedensstraße, heißt die unscheinbare Straße zwischen alten Fabriken und heruntergekommenen Mietshäusern aus den 20er und 30er Jahren, von deren Fassaden der Putz bröckelt. In einigen der alten Häuser haben sich Kunstgalerien eingenistet. Ein Fahrradladen serviert Kaffee und Kuchen, während die Kunden auf ihr Rad warten.

„Am Tiefpunkt der Wirtschaftskrise 2009 hatten wir viele leer stehende Läden und Gewerbegebäude“, erzählt Solvita Krese, Kuratorin des Kulturhauptstadt-Projekts „Survival Kit“. „Da haben wir Künstler eingeladen, die Räume zu beleben und sie dazu gefragt, was für sie überlebenswichtig ist. Inzwischen werkeln 91 Künstlerinnen und Künstler aus 17 Ländern in den zurück- eroberten Rigaer Räumen.

Lettland ist klein. Wer sich hier engagiert, wird schneller wahrgenommen als in den großen, westeuropäischen Ländern. Besucher erwartet jenseits der komplett sanierten Altstadt eine Stadt im Wandel, in der die Brüche der Geschichte offen zu Tage liegen.

Zwei Deutsche, zwei Franzosen und zwei Finnen stehen auf dem Rathausplatz. Punkt drei kommt Artis um die Ecke, ein drahtiger junger Mann mit fusseligem Bart. „Eat Riga“ heißt das Unternehmen, das er mit einem Australier und einem Briten zusammen vor ein paar Jahren gegründet hat. Sie bieten geführte Stadtrundgänge und Radtouren durch Riga an. Aus einem Schuppen in einer Seitenstraße holt Artis die Räder, alle robust und in gutem Zustand.

Vorbei an den fünf riesigen Hallen des Zentralmarkts geht es nach Osten in die Moskauer Vorstadt. Ein gigantischer Turm überragt das Viertel: „Stalins Geburtstagstorte“ tauften die Rigaer das Hochhaus im sowjetischen Zuckerbäckerstil der frühen 50er. An der Wand prangt noch das Relief mit Hammer und Sichel. Den roten Stern haben Leute nach Lettlands Unabhängigkeit 1991 von der Turmspitze geflext.

Hinter dem Hochhaus beginnt eine andere Welt: Blasse, rötlich-braune Holzhäuser aus der Za­renzeit säumen die Straßen, aus denen Regen und Frost den As­phalt gewaschen haben. Mittendrin ein Neubau: Ein Hotel. „Die Gegend wird allmählich für den Tourismus interessant“, sagt Artis.

Neun Monate lang hat auch er im Ausland gearbeitet. Aus Birmingham hat er sich den englischen Humor mitgebracht: Was ihm sein Auslandsaufenthalt gebracht habe? Die seltsame Birminghamer Aussprache im Englischen, sagt Artis. Riga hat er nach seiner Rückkehr kaum wiedererkannt. „Überall neue Bürobauten und Apartmenthäuser“, meint er grinsend mit einer Mischung aus Ironie und Stolz.

In die Altstadt gehen Artis Kompagnons James und Marcus kaum noch. „Nur noch Touristen“, sagen die beiden, die mit ihren geführten Radtouren durch Riga selbst vom Tourismus leben. Sie wollen den Gästen das „andere Riga“ jenseits der Altstadtwege zeigen. Mit Erfolg. Inzwischen können die drei von den Einnahmen leben. Robert B. Fishman


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