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25.08.17 / Invasion der Kreuzfahrer / Fluch des Billigtourismus – Attraktive Reiseorte bilden Fronten gegen Besucheranstürme

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 34-17 vom 25. August 2017

Invasion der Kreuzfahrer
Fluch des Billigtourismus – Attraktive Reiseorte bilden Fronten gegen Besucheranstürme
Dagmar Jestrzemski

Europas Metropolen und viele Top-Urlaubsziele leiden seit Jahren zunehmend unter dem Massentourismus. Hauptursache sind die Billigflüge und immer mehr günstige Kreuzfahrtangebote. Wien, Prag, London, Rom, Florenz und viele andere Städte sowie sensible Regionen im Mittelmeerraum sind besonders betroffen. Venedig, Lissabon, Barcelona, Amsterdam, 

St. Petersburg, Dubrovnik und Reval [Tallinn] sowie Inseln wie Capri, Malta und Mallorca werden vom ausufernden Kreuzfahrt-Tourismus regelrecht überrannt. 

Die Einwohner müssen es hinnehmen, dass täglich mehrere Kreuzfahrtschiffe anlegen, die jeweils 1000 bis 2000 Touristen auf einmal ausspucken. In Venedig kommen 80000 Kreuzfahrt- und Individualtouristen pro Tag auf nur noch 56300 Einwohner. Wegen der schrumpfenden Bevölkerung und der von den Kreuzfahrtschiffen verursachten Wellen ist Venedigs Bausubstanz akut gefährdet. In Südeuropa wächst der Widerstand gegen die anhaltende Besucherflut. Luftverpestung durch die Ozeanriesen, Dauerlärm, Verschmutzung der Sehenswürdigkeiten und steigende Mieten in überfüllten Orten lassen den Ärger hochkochen.

Bislang griffen die Bürgermeister von Barcelona, Rom und Florenz zu eher symbolischen Mitteln, um wenigstens anständiges Verhalten der Touristen unter Androhung von Bußgeldern durchzusetzen. Das spricht für die Hilflosigkeit der Verantwortlichen. Vor drastischen Schritten mit dem Ziel einer deutlichen Verringerung der Besucherzahlen schrecken sie zurück, da sich niemand das Etikett der Tourismus-Feindlichkeit anheften lassen möchte.

Mehr Handlungsspielraum würde sich ergeben, wenn sich Bürgerbewegungen und Stadtverwaltungen zu einem nationalen Aktionsbündnis zusammenschlössen. Dennoch dürfte es schwierig werden, sich auf gemeinsame Maßnahmen zur Eindämmung des Massentourismus zu verständigen. Im Gespräch sind eine Art von städtischem Eintrittsgeld für Touristen und eine zahlenmäßige Begrenzung der Besucher an bestimmten Orten.

Wichtigste Option zur Lösung des Dilemmas ist die ebenfalls schon lange erhobene Forderung nach einer Reduzierung der Anläufe von Kreuzfahrtschiffen. Auch eine Anhebung der Liegegebühren für die schwimmenden Hotels steht zur Diskussion. Für Venedig wird ein Verbot der riesigen Kreuzfahrtschiffe gefordert. Andere Städte könnten sich anschließen. Noch tun sich die Verantwortlichen aber schwer damit, derart weitreichende Entscheidungen überhaupt zu diskutieren.

Weltweit werden die Liegegebühren nach dem Raumgehalt der Schiffe und der Liegedauer berechnet. Für ein Kreuzfahrtschiff mit 2000 Betten werden Gebühren im fünfstelligen Bereich fällig. In St. Petersburg, Sydney und den beliebtesten US-Metropolen zahlen die Reedereien pro Schiff sogar bis zu 100000 Euro pro Anlauf. Auf diesen Kosten basiert die Kalkulation der Reederei-Konzerne, die sich aufgrund des Überangebots auf dem gesamten Sektor mit Billigpreisen gegenseitig unterbieten.

Höhere Liegegebühren könnten einige Reedereien zur Aufgabe zwingen – oder aber zur Änderung der Fahrtrouten ihrer Schiffe. Da diese Reedereien durchweg kleinere Schiffe besitzen, bieten sich ihnen wesentlich mehr Anlaufziele zur Auswahl an. Damit käme man dem Plan der Politik, den Touristenstrom auf mehr Orte zu verteilen, zumindest etwas näher.