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01.09.17 / Massives Argument wider gängige Vorurteile / Vor 175 Jahren legte Friedrich Wilhelm IV. mit Koadjutor Geissel den Grundstein für den Weiterbau des Kölner Doms

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 35-17 vom 01. September 2017

Massives Argument wider gängige Vorurteile
Vor 175 Jahren legte Friedrich Wilhelm IV. mit Koadjutor Geissel den Grundstein für den Weiterbau des Kölner Doms
Sibylle Luise Binder

Mit seiner maßgeblichen Föderung der Fertigstellung des Kölner Doms handelte Preußens König Friedrich Wilhelm IV. entgegen dem weit verbreiteten Urteil, dass die protestantisch und ostelbisch geprägte traditionelle Ostmacht antikatholisch sei, seine rheinische Exklave im deutschen Westen stiefmütterlich vernachlässige und an der nationalen Frage desinteressiert sei. 

Es klingt wie ein Widerspruch in sich: ein preußischer Romantiker. Preußen gilt als Paradebeispiel für nüchterne, sachliche und effiziente Verwaltung. Und doch war da mehr als kühle Vernunft, und mit dem vierten Friedrich Wilhelm kam 1840 ein romantischer Träumer auf den Thron. Das war nicht unproblematisch, denn Friedrich Wilhelm IV. träumte unter anderem vom Gottesgnadentum des Herrschers und daraus resultierend vom Absolutismus, über den die Zeit mittlerweile hinweggegangen war. 

Ein weniger problematischer Traum des Königs war es, verbindend zu wirken. Damit stand er in der Tradition seines Hauses: Der Große Kurfürst hatte einst den ererbten Flickenteppich aus Kleinstaaten zu einem Staat vereinigt; Friedrich Wilhelm III. hatte die Vereinigung der Calvinisten und Lutheraner zur unierten Evangelischen Kirche in Preußen durchgekämpft. Friedrich Wilhelm IV. dachte über Preußen hinaus. Die Idee vom deutschen Nationalstaat hatte es ihm angetan.

Dem standen aber jede Menge Probleme entgegen und mit einem davon hatte der Romantiker auf dem Thron persönliche Erfahrungen: Dem Gegensatz zwischen dem vorwiegend protestantischen Norden und dem eher südlichen Katholizismus. Auf dem bayerischen Katholizismus fußte die Erfahrung des Preußenprinzen. 1819 hatte sein Vater ihn quer durch Deutschland auf Brautschau geschickt. Dabei war er nach Bayern gekommen, wo er sich in Prinzessin Elisabeth verliebt hatte. Doch die war katholisch – und das preußische Hausgesetz ließ eine Ehe mit einer Katholikin nicht zu. Es bedurfte langer Verhandlungen, bis ein tragfähiger Kompromiss gefunden werden konnte. Elisabeth und Prinz Friedrich Wilhelm heirateten 1823. Dabei verpflichtete sich die junge Kronprinzessin, Unterricht im Protestantismus mit dem Ziel eines Übertritts zu nehmen. Das tat sie dann auch, um schließlich 1830 „aus eigener Überzeugung“ – wie sie ausdrück­lich betonte – zu konvertieren.

Die Konfessionsprobleme im Königshaus wurden vor allem vom Rheinland aus sehr interessiert beobachtet. Dieses urkatholische Gebiet war im Zuge der Neuordnung Europas nach den napoleonischen Kriegen auf dem Wiener Kongress 1815 preußisch geworden – und seitdem gab es heftige Reibereien, die im Mischehenstreit und daraus resultierend 1837 in der Inhaftierung des Kölner Erzbischofes gipfelten, die sogenannten Kölner Wirren. Fried­rich Wilhelm III. hatte sich darin als strammer und sturer Protestant gezeigt. Friedrich Wilhelm IV., der 1840 auf den Thron kam, beendete den Konfessionsstreit, wobei er bedeutend mehr Toleranz – seit Friedrich dem Großen doch eigentlich eine preußische Tugend – bewies als sein Vater. 

Als Romantiker liebte er Symbole und die große Geste – und beim Blick Richtung Köln sah er die riesige Bauruine, die dort seit über 300 Jahren das Stadtbild prägte. Sie war ein Überbleibsel der Gotik, die Mitte des 19. Jahrhunderts als Verkörperung des aufstrebenden Deutschtums galt und sehr in Mode war. Die Kölner allerdings machten kein großes Bohai mehr um ihren Dom. Sie hatten über 300 Jahre – von 1248 bis 1560 – daran gebaut, nun lebten sie seit fast 300 Jahren damit, dass nur der Chor, die Hälfte des Südturms, ein kleiner Teil des Nordturms und ein paar kleine Bruchstücke der Schiffe fertig geworden waren. Sie hatten sich daran gewöhnt, dass auf dem Stumpf des Südturms immer noch der mittelalterliche Baukran stand und das Stadtbild prägte. Hin und wieder diskutierte man im Stadtrat darüber, ob man die unvollendeten Teile des Domes nicht abreißen solle, doch das hätte viel Geld gekostet und so ließ man es lieber. Außerdem war die Bauruine nicht ungenutzt geblieben. Sie diente vielmehr als Kirche. Da der Dom wie im Mittelalter üblich überdimensional geplant worden war, genügte der fertig gewordene Chor für die Gottesdienste. Und im damals 59 Meter hohen Südturm hingen zwei große Glocken. Das schien zu genügen. Köln war zufrieden.

Der Preußenkönig war es nicht. Er liebte Architektur und so hatte er mitbekommen, dass die Originalpläne der Domtürme wieder aufgetaucht waren. Der des Südturms war 1814 auf dem Speicher eines Darmstädter Gasthauses gefunden worden; der ebenfalls metergroße Aufriss des Nordturms war zwei Jahre später in einem Pariser Antiquariat entdeckt worden. Friedrich Wilhelm IV. hatte mit hoher Wahrscheinlichkeit Abbildungen der Zeichnungen gesehen und war davon beeindruckt gewesen.

Mit diesen Plänen konnte man weiterbauen, denn dass über das Kirchenschiff keine Unterlagen vorlagen, war kein unüberwindliches Hindernis. Es war bekannt, dass den mittelalterlichen Architekten die Kathedrale in Amiens als Vorbild gedient hatte, nur dass man das dreischiffige Original mit fünf Schiffen zu überbieten versucht hatte. Deshalb schreckten Friedrich Adolf Ahlert, der vom Landesherren und dem neu gegründeten Zentral-Dombau-Verein zu Köln mit der Bauleitung beauftragt wurde, die Lücken in der Überlieferung nicht. Er hatte genug Erfahrung mit Neogotik und beabsichtigte sowieso, zwar im „gotischen Stil“, aber doch mit damals modernen statt mittelalterlichen  Methoden zu bauen

Am 4. September 1842 war es so weit. Der König war nach Köln gereist, um zusammen mit dem Koadjutor (Beistand) und späteren Erzbischof Johannes von Geissel im Südturm einen neuen Grundstein für den Weiterbau zu legen. In der Rede dazu sagte der König: „Es ist der Geist deutscher Einigkeit und Kraft. Ihm mögen die Kölner Dompforten Thore des herrlichsten Triumphes werden.“

Nun fuhren auf dem Rhein wieder Transportschiffe, die den am Drachenfels im Siebengebirge gewonnen Trachyt nach Köln zur Baustelle transportierten. Und da waren Mengen unterwegs. Insgesamt 300000 Tonnen Stein wurden verbaut, um die fünf Schiffe und die am Ende 157 Meter hohen Türme der Fassade zu vollenden. 

1863, in Preußen regierte inzwischen Friedrich Wilhelms IV. nächstjüngerer Bruder Wilhelm I., fiel die Mauer, die jahrhundertelang den Chor vom Rest des unvollendeten Gotteshauses getrennt hatte. Der Bau präsentierte sich nun zum ersten Mal so, wie er einst geplant worden war. Der Raumeindruck war überwältigend und ist es heute noch, speziell, wenn die Sonne auf die bunten Fenster scheint und das Innere des Doms in ein fast mystisches Licht setzt. In den folgenden zwei Jahrzehnten wurden die Türme fertiggestellt, die den Sakralbau mit über 157 Metern zum damals größten Gebäude der Welt machten. 1880 wurde der Kölner Dom nach 623 Jahren vollendet. An dem dreitägigen Fest aus diesem Anlass nahm wieder der Landesherr höchstdaselbst teil. Der preußische König, mittlerweile auch Deutscher Kaiser, pries den fertiggestellten Bau als „hehres Denkmal zum Heile des Vaterlandes“.

Der Dom verkörperte nun neben dem alten auch das neue Deutschland im Zeitalter der Industrialisierung – und das hat ihn im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs gerettet. Friedrich Adolf Ahlert und sein Nachfolger Ernst Friedrich Zwirner hatten dem Dom nämlich nicht, wie es im Mittelalter geplant worden war, einen hölzernen Dachstuhl, sondern einen mit einer Eisenkonstruktion aufgesetzt. Die wiederum konnte bei 12000 Quadratmetern Dachfläche drei Millimeter starke Bleiplatten mit einem Gesamtgewicht von 600 Tonnen tragen. Ein hölzerner Dachstuhl wäre beim Bombardement abgebrannt, der eiserne hielt es aus, und so blieb der Dom in Köln stehen und ist bis heute eines der berühmtesten und schönsten Bauwerke in Deutschland.