26.01.2022

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01.09.17 / Funk-Krieg zwischen Ost und West / Armin Müller hat die Einsätze deutscher Spione gegen die Ostblockstaaten im Kalten Krieg untersucht

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 35-17 vom 01. September 2017

Funk-Krieg zwischen Ost und West
Armin Müller hat die Einsätze deutscher Spione gegen die Ostblockstaaten im Kalten Krieg untersucht
Friedrich-Wilhelm Schlomann

Armin Müllers  „Wellenkrieg“ ist die Dissertation des Autors, die zu den Veröffentlichungen der Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes (BND) gehört. Eine wichtige Quelle stellen Memoiren dar, wozu diejenigen der CIA und andererseits Spione der DDR und der UdSSR zu zählen sind. Müller verschweigt keineswegs Fehler und Schwächen des BND sowie die  Differenzen mit den amerikanischen und britischen Spionagediensten sowie dem Zuständigkeitsgewirr zwischen dem Verfassungsschutz und der Bun-deswehr. 

Der BND entstand aus der „Fremde Heere Ost", der Wehrmachteinrichtung über die Beschaffung von Informationen über die Sowjetunion, und begann 1946 als „Organisation Gehlen“ mit westlichen Spionagediensten in ihrer Abschätzung der militärischen Bedrohung die Sowjet-Streitkräfte in der DDR zu beobachten. Der erste Sitz der BND-Stelle lag in Oberursel und umfasste anfangs 40 Personen für Agentenfunk und Funk-aufklärung. 1968 war ihre Zahl auf 1900 angestiegen, 1100 stammten noch aus der Wehrmacht und waren mit dem Funkverfahren der Sowjets sehr vertraut. 

Der kürzeste Übermittlungsweg von im Osten gewonnenen Nachrichten zur BND-Zentrale in Pullach war der Funk, auch als „Afu“ (Agentenfunk) bezeichnet. Eine Funkausbildung benötigt bis zu vier Monaten. Bevorzugt wurden Personen über 60 Jahre und Körperbehinderte, die im Kriegsfalle nicht zur NVA eingezogen würden. Sie begann im Herbst 1946 mit geheimen Mitarbeitern in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands und Österreichs sowie in der Ukraine. Die Funkgeräte, die hinter den Eisernen Vorhang geschmuggelt werden mussten, wurden in viele kleine Teile zerlegt und hatten die Größe einer Zigarrenkiste. Häufig benutzte man Benzinkanister, in denen die Geräte versteckt waren. Vorliegende Unterlagen dokumentieren bis 1952 insgesamt 146 Funkgeräte, davon 51 für Afu-Einsätze. Natürlich mussten die Spionage-Mitteilungen aus dem Osten verschlüsselt werden. Als Schlüssel wurden beim Agenten unauffälliges Schrifttum – oft SED-Propagandabroschüren – benutzt. 

Dass diese Tätigkeit im Osten eine hohe psychologische Belastung bedeutete, wurde oft unterschätzt. Im Mai 1950 wurden vom DDR-Staatssicherheitsdienst fünf Funker enttarnt und zum Tode verurteilt. Zehn Jahre später kam der BND-Funkverkehr durch den Verrat des KGB-Spions Felfe im BND fast völlig zum Erliegen. 

Der Volksaufstand vom 17. Juni kam für Pullach überraschend. Trotz der dort bekannten Unzufriedenheit der DDR-Bevölkerung hatte man damit nicht gerechnet. Andererseits wurde durch die Funkaufklärung sehr früh der sowjetische Aufmarsch gegen den „Prager Frühling“ 1968 erkannt. Ein Jahr zuvor gelang es dem Bundesnachrichtendienst, in den Richtfunkverkehr des ZK der SED in Ost-Berlin und einer SED-Bezirksleitung einzubrechen und damit eine Fülle von Informationen aus dem DDR-Innenleben sowie viele Namen von Systemträgern gerade in den Streitkräften zu erfahren. 

Eine wichtige Aufgabe Pullachs bestand in der Funkabwehr des Agentenfunks Ost-Berlins und Moskaus. Sie sollte die Gegenseite erkennen, beobachten, ausschalten oder für den BND „umdrehen“. Bereits 1952 hatten seine Horchfunker und Peilkommandos drei sowjetische Funklinien enttarnt und nach dem Autor „weitreichende Einblicke in Funknetze und Verfahren“ erzielt. 

Was bis heute kaum bekannt ist: Ab 1949 führten deutsche Schnellboote unter britischer Flagge in Zusammenarbeit mit der Organisation Gehlen mit deutscher Besatzung Funkaufklärung im Baltikum durch. Sie waren mit Kurzwellenfunkgeräten ausgestattet und sollten ein möglichst lückenloses Bild der polnischen und sowjetischen Radarstellungen entlang der gesamten Ostseeküste erarbeiten. Hinzu kamen bald Einsätze zur Erfassung des sowjetischen Funkverkehrs. Bis 1955 wurden insgesamt 52 Personen in das Baltikum eingeschleust und 18 zurückgeholt. Über Schicksal der anderen kann man Vermutungen anstellen. 1963 wurden solche Einsätze beendet. Die technische Abwehr Moskaus machte ein unbemerktes Eindringen kaum noch möglich. Ansonsten ging der Funk-Krieg zwischen Ost und West weiter – bis zum Ende der DDR und der Sowjetunion. 

Armin Müller: „Wellenkrieg“, Ch.Links-Verlag, Berlin 2017, gebunden, 416 Seiten, 45 Euro