29.01.2022

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08.09.17 / Versuch einer Abschreckung

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 36-17 vom 08. September 2017

Versuch einer Abschreckung
Manuel Ruoff

Als selbsternannter Weltpolizist nehmen die Vereinigten Staaten von Amerika für sich das Recht in Anspruch, in fremde Staaten einzumarschieren und deren ihnen nicht genehme Regierungen auszutauschen. Dieses vermeintliche Recht zum „Regime Change“ beeanspruchen die USA nicht nur für sich, sie nutzen es auch eifrig. Die Liste der Opfer ist lang. Sie reicht von Afghanistan über den Irak und Libyen bis Pa­na­ma. 

„Vor dieser konsequent fortgeführten Politik“ der USA gibt es für Regierungen, die sich weder den USA beugen wollen noch unter dem Schutz einer anderen Atommacht stehen, nur eine „Rettung“. Konrad Adenauer hat sie bereits in der Bundestagssitzung vom 7. Februar 1952 formuliert. Man muss nur in dem vielleicht bekanntesten Zitat des ersten deutschen Bundeskanzlers „Sowjetrussland“ durch die USA ersetzen, so dass es lautet: „Uns so stark zu machen, dass die USA erkennen, ein Angriff darauf ist ein großes Risiko für die USA selbst.“

Das ist leichter gesagt als getan. So standen dem US-Militär vergangenes Jahr mehr finanzielle Mittel zur Verfügung als den acht nächstkleineren Armeen von China, Russland, Saudi-Arabien, Indien, Frankreich, Großbritannien, Japan und Deutschland zusammen. Angesichts dieser ungeheuren militärischen Überlegenheit der USA auf militärischem Gebiet ist es kaum erreichbar, sie mit konventionellen Waffen abzuschrecken. 

Da helfen nur Kernwaffen. Mit ihnen ist es möglich, einen Angriff der USA wenigstens für deren Verbündete in der eigenen Region zu einem großen Risiko zu machen. Insofern ist es mehr als verständlich, wenn Staaten, die nicht unter dem Schutz einer Atommacht stehen, selber nach der Atomwaffe trachten. Da tickt Pjöngjang nicht anders als Teheran. 

Um einen Angriff der USA zu einem großen Risiko für sie selbst zu machen, reicht der Besitz der Atombombe jedoch noch nicht aus. Man braucht auch Trägersysteme, mit denen die eigenen Kernwaffen in den USA zur Wirkung gebracht werden können. Daran arbeitet Pjöngjang derzeit fieberhaft, wie nicht zu übersehen ist. Je mehr Druck Washington aufbaut, je mehr es mit einer militärischen Lösung droht, desto größer wird der Zeitdruck für Pjöngjang, seine Trägersysteme praxis­tauglich zu machen.

Kim Jong-uns Interesse, kein Opfer eines US-amerikanischen „Regime Changes“ zu werden, mag man für illegitim halten, aber es ist nicht weniger verständlich als das der USA, die Zahl der Staaten, die ihnen gegenüber faktisch wehrlos sind, in denen sie also ohne großes Risiko „Regime Changes“ durchführen können, möglichst gering zu halten. Insofern geht es im Konflikt zwischen Pjöngjang und Washington durchaus auch rational zu.