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08.09.17 / Umgebogener Reformator / Avantgarde-Künstler haben eine ganz spezielle Sicht auf Luther

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 36-17 vom 08. September 2017

Umgebogener Reformator
Avantgarde-Künstler haben eine ganz spezielle Sicht auf Luther
Veit-Mario Thiede

Überdimensional und signalrot steht im Hof des Alten Gefängnisses der Lutherstadt Wittenberg ein aufrechter Boxhandschuh, über den sich Reifenspuren ziehen. Er ist Erwin Wurms Beitrag zur städteübergreifenden Ausstellung „Lu­ther und die Avantgarde“. Wurm erklärt: „Ich werde meine Teilnahme nutzen, um gegen die Verlogenheit anzukämpfen.“ So gesehen steht sein aus Bronze gegossener „Boxhandschuh“ – auch wenn er sich überfahren ließ – für Durchsetzungskraft und den Mut, für seine Überzeugungen einzustehen. 

In Wittenberg, Berlin und Kassel wartet die Schau mit Beiträgen von 70 internationalen Künstlern auf. Mal ist der Bezug zu Luther offensichtlich, mal bleibt er schleierhaft. Die meisten Werke sind im Wittenberger Alten Gefängnis zu sehen, andere in Kassels Karlskirche und Berlins St. Matthäus-Kirche.

In den Zellen und Gemeinschaftsräumen des längst außer Dienst gestellten Gefängnisses entdeckt man spannende oder auch irritierende Beiträge. Andere sind vor allem virtuos ausgeführt. Etwa Zhang Huans auf den ersten Blick pessimistisch wirkende Arbeit „Ash Banquet no. 3“ (2012): das „Letzte Abendmahl“ in verkohlt. Sein von Leonardo da Vincis Mailänder Wandgemälde angeregtes Leinwandbild stellt Jesus und seine Jünger mit Hilfe der Asche von Räucherwerk aus buddhistischen Tempeln dar. Eine Art Dialog der Religionen? Breitbeinig steht der von Markus Lüpertz aus bemaltem Gips ge­schaffene einarmige „Eiferer“ (2017) da. Lüpertz äußert: „Luther ist davongekommen. Das ist eines der großen Phänomene, die er vermittelt hat: dass man die Welt verändern kann, ohne dabei draufzugehen.“ 

Olaf Metzel hat den nun schon zehn Jahre anhaltenden Rummel um Luther satt. Seine im Treppenhaus des Gefängnisses baumelnde Installation „Luther rauf und runter“ (2017) besteht aus vergrößert auf Bleche gedruckten und anschließend zusammengeknüllten Medienberichten über den Reformator und seine 500 Jahre alten Thesen.

In Berlins St. Matthäus-Kirche präsentieren Gilbert & George ihre sogenannten „Sündenbock-Bilder“. Die Notlage heutiger „Flüchtlinge“ ist Thema von Thomas Kilppers Beitrag „Ein Leuchtturm für Lampedusa“. Zu dem hat er den Glockenturm von Kassels Karlskirche umfunktioniert. Strahler leuchten auf. Darunter sind zu Streifen geschnittene Schlauchboote von Immigranten befestigt. Sie dienen nun als Schriftbänder, auf denen etwa „Lesbos“ und „Lampedusa“ steht.

Dem linken Zeitgeist verpflichtet, erklärt Kilpper die Kirche plakativ zur „Flüchtlingsinsel“. Er biegt Luthers christliche Botschaft so um: Aus Nächstenliebe, wie sie Luther für eine Grundeinstellung eines jeden „Christenmenschen“ erachtete, müsse den heutigen Zuwanderern geholfen werden.

Bis 17. September in Wittenberg, Altes Gefängnis, Berliner Straße/ Ecke Lucas-Cranach-Straße, geöffnet Montag bis Sonntag 10 bis 19 Uhr, Eintritt: 7 Euro. Berlin, St. Matthäus-Kirche, Matthäikirchplatz. geöffnet Dienstag bis Sonnabend 11 bis 18 Uhr, Sonntag Gottesdienst um 18 Uhr, anschließend bis 20 Uhr, Eintritt frei. Kassel, Karlskirche, Karls­platz, geöffnet Montag bis Sonnabend 10 bis 20 Uhr, Sonntag Gottesdienst um 10 Uhr, anschließend bis 20 Uhr, Eintritt frei. www.luther-avantgarde.de