19.01.2022

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08.09.17 / Lewe Landslied, liebe Familienfreunde,

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 36-17 vom 08. September 2017

Lewe Landslied, liebe Familienfreunde,

selten ist mir die enge Verknüpfung unserer Leserinnen und Leser so deutlich geworden wie in diesen Tagen. Nahtlos reihten sich die Zuschriften aneinander, sodass es eine Freude ist, diese Kolumne gestalten zu können. Masche an Masche fügt sich zusammen, das Netz ist dichter als je zuvor. Begonnen hat alles mit einer Filmkassette, die ich von Herrn Dr. Hans-Dietrich Nicolaisen aus Büsum erhielt. Sie enthält Aufnahmen, die bereits dokumentarischen Wert haben, denn Dr. Nicolaisen drehte den Film auf seiner ersten Ostpreußenreise im Frühjahr 1991, also vor 26 Jahren – das ist schon eine lange Spanne in unserer schnelllebigen Zeit, und inzwischen hat sich viel verändert. So auch bei dem von dem Bildhauer Georg Fuhg geschaffenen „Walther von der Vogelweide“-Denkmal, das damals auf der Dominsel vor dem Kant-Grabmal stand. Als wir diese Skulptur in unserer Kolumne erwähnten, weil sie inzwischen dort nicht mehr stand und man befürchten musste, dass es sie nicht mehr gab, übersandte uns Herr Dr. Nicolaisen ein Foto von dem beschädigten Denkmal, das wir auch veröffentlichten. Nun will er sich von der Kassette trennen und meint, sie sei bei uns gut aufgehoben, und das ist sie auch. So bedanken wir uns bei dem Spender und werden sicher einmal auf diesen Film zurückkommen.

Nur ein paar Tage später taucht wieder der Name des Minnesängers in unserer Leserpost auf, diesmal in einem langen und dankbaren Brief von Frau Dorelise Putzar aus Malchow. Sie ist die Tochter des Bildhauers Georg Fuhg und steht mit uns schon lange in Verbindung. Ihr Dank gilt aber diesmal nicht unserer Familie, sondern dem Königsberger Wanderer Jörg Pekrul, denn er hat mit bewirkt, was die alte Dame sich nie erträumt hätte: Sie konnte dabei sein, als im heutigen Königsberger Tiergarten eine Feierstunde am Denkmal des Minnesängers stattfand, wo es nun wieder in seiner ursprünglichen Umgebung steht. Der Bildhauer hatte die Skulptur 1930 im Auftrag des Sängerbundes Ostpreußen geschaffen und sie war im Königsberger Tiergarten feierlich eingeweiht worden. Weiteres hierzu und wie sie nun das Wiedersehen empfand, schildert Frau Putzar in einem Beitrag für unsere Ostpreußische Familie, den wir leider nicht in voller Länge bringen können. Aber die Zeilen aus ihrem Brief, in denen sie ihren Empfindungen Raum gibt, lassen erahnen, was die Tochter des Bildhauers in dieser Stunde empfand:

„Gibt es noch Wunder? Ja, es gibt sie. Es ist die Heimkehr des Denkmals von Walther von der Vogelweide in den Königsberger Tiergarten. Raum und Zeit schienen in dem Augenblick, als ich neben ihm stand, ineinander zu fließen – ein Flügelschlag der Ewigkeit! Die Erinnerung lässt alte Bilder wieder aufleuchten, erhellen den Werdegang dieser Figur. Die Sangesfreude meines Vaters bewog damals den Sängerbund, ihm den Auftrag für diese Skulptur zu geben. Glückliche Jahre im Königsberger Tiergarten, dann Krieg, alles verschüttet, und dann ein unverhofftes Wiederfinden des demolierten Denkmals im Hof der heutigen Kant-Universität.“ 

Und dann beginnt für Dorelise Putzar das Wunder: Die neue dynamische Zoodirektorin Svetlana Sokolova fasste den Plan, den Tiergarten in altem Glanze entstehen zu lassen. Dazu gehörte auch die Aufstellung des wiederhergestellten Minnesängerdenkmals. Im März dieses Jahres erhielt Frau Putzar ein Schreiben der Direktorin, die auf das Wirken von Georg Fuhg einging: „Ich bin froh, Ihnen mitzuteilen, dass die von ihrem Vater repräsentierte Figur des Walther von der Vogelweide sich nun im Zoo von Kaliningrad befindet. Vielleicht gibt es einige Fotos aus ihrem Familienarchiv von dieser und anderen Skulpturen, die ihr Vater gemacht hat, vielleicht etwas mit der Geschichte des Königsberger Tiergartens verbunden? Wir würden uns sehr freuen, eine Antwort zu bekommen, und wir laden Sie auch ein, den Zoo zu besuchen und die Skulptur selbst zu sehen.“ Frau Putzar schickte eine begeisterte und bewegte Rückantwort mit Fotos von Tierplastiken, die Georg Fugh bis 1976 in seinem Wohnort Neumünster (Schleswig-Holstein) schuf. Und nun kommt unser Freund Jörn Pekrul ins Spiel, das er selber angestoßen hat. Darüber soll er aber selber berichten, denn fast zeitgleich mit dem Brief von Frau Putzbar erhielt ich eine Mail von unserem Königsberger Wanderer:

„Als ich im April dieses Jahres in Königsberg war, suchte ich die Direktorin des Zoos, Frau Swetlana Sokolova, auf und informierte sie, dass die Tochter des Künstlers zu Besuch kommen wolle. Und ob es nicht eine schöne Idee wäre, der Dame einen netten Empfang zu bereiten – vielleicht mit Blumen, mit einer kleinen Ansprache. Frau Sokolova war sofort von dieser Idee begeistert. Es war auch eine persönliche Anteilnahme dabei, der ehemaligen Königsberger Bürgerin eine besonders berührende Freude zu bereiten. So arbeiteten der Zoo und ich in den nächsten Monaten an den Details. Der Zoo hat sich unglaublich viel Mühe gegeben, um nicht nur Frau Putzar, sondern der gesamten deutschen Reisegruppe ein besonderes Erlebnis zu bereiten.“ 

Diese Reisegruppe kam aus Anklam, für sie war es eine Jubiläumsfahrt, denn es fand zum 25. Mal eine Ostpreußenreise statt.

Es wurde ein glanzvolles Ereignis, wie Jörg Petrul schreibt, und für Frau Putzar war es noch mehr als das, eben ein Wunder! Und sie versucht in Worte zu fassen, was sie empfand, als alle Teilnehmer an dieser Feierstunde gemeinsam an dem Denkmal „Am Brunnen vor dem Tore“ anstimmten: „Ja, da waren wieder Zeit und Raum eins, und auch der rote Granit fing an zu klingen. Denn die vielen Hammerschläge, die mein Vater gebraucht hatte, um den Minnesänger Gestalt werden zu lassen, fügten sich in der Erinnerung zu einem besonderen Klang, der die Gegenwart durchdrang. Da das Lied auch in russischer Sprache gesungen wurde, verwebte sich alles zu einem besonderen Tongespinst, das alle Teilnehmer berührte.“

So empfand es auch Jörg Pekrul: „Wir waren alle bewegt und glücklich, ich besonders in dem Moment, als ich Frau Putzar sah und wir gemeinsam mit den deutschen und russischen Besuchern das alte deutsche Volkslied sangen. Es lag etwas Andächtiges darin!“ Hier sei auch dem Reiseleiter der Anklamer Gruppe, Herrn Friedhelm Schülke, Dank gesagt, unter dessen einfühlsamer Leitung diese musikalische Feierstunde stand und der auch den russischen Text mitsingen konnte. Dass Frau Putzar diese Ehrung ihres Vaters und seines Werkes über alle Zeiten und Grenzen hinweg als Wunder bezeichnet, können wir nachempfinden, und sie wird noch oft die Fotos anschauen, die Herr Pekrul von diesem Ereignis gemacht hat. Wir wählen für diese Kolumne ein Bild aus, das Frau Putzar zeigt, wie sie den Arm der von ihrem Vater geschaffenen Skulptur des Walther von der Vogelweide aus rotem Meißener Granit berührt. Neben ihr steht Jörn Pekrul mit einer russischen Mitarbeiterin des Zoos, auf der anderen Seite Friedhelm Schülke mit einer Dolmetscherin.

Und damit wären wir wieder bei unserem „Königsberger Wanderer“, der – außerhalb dieser Feierstunde im Zoo – erneut mit prall gefülltem Auftragsbuch mit Foto- und Nachforschungswünschen aus dem Kreis der Ostpreußischen Familie durch die Pregelstadt ging. Er macht diese Wanderungen gerne, denn „die Angaben aus der Ostpreußischen Familie bringen die Gebäude zum Sprechen“ – es ist also eine fruchtbare wechselseitige Beziehung, die da im Laufe der Jahre entstanden ist. Interessant und informativ ist sie vor allem für die älteren Leserinnen und Leser, die nicht mehr reisen können, aber auch für junge Menschen, die es in unsere alte ostpreußische Metropole zieht. Durch das Aufsuchen der Elternhäuser von Nachkommen aus dem Kreis unserer Ostpreußischen Familie entstehen natürlich viele Kontakte zwischen Jörn Pekrul und den russischen Menschen, die heute dort leben. „Ich habe bei ihnen bisher immer eine ehrlichen Anteilnahme für die Menschen erlebt, die hier eigentlich zu Hause sind und gehen mussten“, schreibt unser Wanderer in seinem neuen Bericht, den wir in einer der nächsten Folgen in voller Länge bringen werden, weil er mit wachem Blick viel Verändertes und Neues entdecken konnte.

Heute setzt aber eine Suchfrage den Schlusspunkt unserer Kolumne. Und damit kommen wir auch auf den Anfang zurück, denn sie zeigt die enge Verknüpfung unserer Familienfreunde untereinander. Da schreibt Herr Rüdiger Schaub aus Herscheid: „Ich habe Ihre Adresse von Herrn Jörn Pekrul, einem Nachfahren von Königsberg-Vertriebenen. Dieser ist wiederum über das Patenschaftsbüro und die Stadtgemeinschaft Königsberg an mich herangetreten. Er hat sich auf meine Suchfrage bei mir gemeldet und versucht seit geraumer Zeit mir weiterzuhelfen. Vielleicht gibt es aber noch über Sie eine weitere Möglichkeit.“ Und die wollen wir nun ausloten. Rüdiger Schaub versucht, das Schicksal seiner Tante Ursula Kowski, auch „Ulla“ genannt, zu klären. Die am 15. Oktober 1927 in Königsberg Geborene wohnte mit ihrer Familie in der Selkestraße 13 in der ersten Etage, rechts. Die Wohnung war auf den Namen Henriette Eisenblätter gemietet, das Haus gehörte einer verwitweten Frau Prang. Aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit als Apothekenhelferin, und ihres Einsatzes im Krieg beim Roten Kreuz durfte sie die Stadt nicht verlassen, konnte aber auch nach der Russeninvasion in ihrer Wohnung bleiben. 1946 wurde sie von einer anderen Königsbergerin noch in der Selkestraße 13 gesehen. Sie sah sehr krank aus, hatte kaum noch Haare. Die Großeltern von Herrn Schaub sollen später einen Brief bekommen haben, in dem ihnen mitgeteilt wurde, dass Ursula Kowski Anfang 1947 verstorben sei. Zwischenzeitlich soll sie in einem Heim gelebt haben, das von einem Deutschen geleitet wurde. „Vielleicht gibt es in der Ostpreußischen Familie noch irgendjemanden, der Angaben zum Verbleib meiner Tante machen kann, der sie beruflich oder privat gekannt hat, vielleicht sogar mit ihr in einem Krankenhaus war?“, fragt nun Herr Schaub. Angesprochen sind damit vor allem die Königsberger, die noch bis 1947 in der zerstörten Stadt oder in ihrer Umgebung lebten. Vielleicht geschieht ja auch hier ein kleines Wunder? (Rüdiger Schaub, Niederholte 7 in 58849 Herscheid, E-Mail: niederholte@web.de)

Eure Ruth Geede