23.01.2022

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08.09.17 / Blühende Landschaften / Flora in Höchstform – Nach dem verregneten Sommer läuft jetzt der Endspurt bei der Internationalen Gartenausstellung in Berlin

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 36-17 vom 08. September 2017

Blühende Landschaften
Flora in Höchstform – Nach dem verregneten Sommer läuft jetzt der Endspurt bei der Internationalen Gartenausstellung in Berlin
Barbara Eising

Plattenbauten, Arbeits- und Perspektivlosigkeit – der Berliner Stadtbezirk Marzahn-Hellersdorf hat nicht den besten Ruf. Doch viele Einwohner widersprechen diesem Klischeedenken vehement. Sie sind stolz auf ihren Kiez und vor allem auch auf die Internationale Gartenausstellung (IGA), die seit April Besucher aus aller Welt in ihren Bann zieht.

„Diese Pracht müssen Sie sich unbedingt ansehen“, erzählt mir eine Frau in der U-Bahnlinie 5 auf meine Frage, wo genau ich denn austeigen müsse, und fügt hinzu: „U-Bahnhof Kienberg, früher Neue Grottkauer Straße. Wenn ich die Zeit hätte, würde ich jeden Tag auf der IGA sein.“ Dann rät sie mir noch, erst einmal mit der Seilbahn übers Gelände zu schweben, um einen Eindruck zu bekommen.

Das mache ich auch. Knapp fünf Minuten schweben die 65 Gondeln mit Blick auf Eigenheime und die einst größte Plattenbausiedung der DDR über das 104 Hektar große IGA-Gelände im Osten Berlins. Doch ich steige an der Mittelstation Kienberg aus, um noch mehr Panoramablick zu erhaschen – auf der Aussichts­plattform Wolkenhain. Sie soll einer schwebenden Wolke nachempfunden sein. Rund 90 Stufen sind es hinauf. Wem das zu mühsam ist, der steigt in den Lift.

Oben angekommen, stehe ich 119,54 Meter über dem Meeresspiegel. Für Berliner Verhältnisse gar nicht so schlecht. Immerhin überragt der Wolkenhain damit die Müggelberge um etwa fünf Meter. Und der Blick auf Berlins höchste natürliche Erhebung ist ebenso phänomenal wie der Blick auf die Silhouette der Stadt mit dem Fernsehturm in Mitte und ins brandenburgische Umland.

Allerdings suchen viele Schaulustige vergebens nach Aussichtspunkt-Hinweisen. Einige stehen zwar auf dem Fußboden des 90 Meter langen Rundgangs, werden aber dort kaum wahrgenommen, ebenso wie die Informationen zur Plattform selbst. So wird die spektakuläre Konstruktion von 15 Stahlstützen getragen, 200 Tonnen Stahl wurden verbaut, 170 Stahlknoten halten die Verstrebungen zusammen, und umhüllt wird die Plattform von 750 Quadratmetern lichtdurchlässiger Membran. 

Ein Ehepaar aus Nordrhein-Westfalen bekommt „Seh-Hilfe“ von einem Besucher aus Brandenburg. „Da hinten sehen Sie das Zementwerk Rüdersdorf, da bin ich zu Hause“, sagt er und gibt gleich noch ein paar Ausflugs-Tipps. „Machen sie mal eine Jeeptour durch den Kalktagebau in Rüdersdorf und schauen Sie sich die Film-Ausstellung im Woltersdorfer Aussichtsturm an. Der Ort war nämlich vor 100 Jahren mal so was wie Hollywood.“

Mich aber zieht es vom Wolkenhain in die Gärten der Welt. Sie sind der IGA-Publikumsrenner. Denn wo kann man schon an einem Tag durch einen chinesischen, japanischen, koreanischen, balinesischen, orientalischen und italienischen Garten spazieren? Die Geschichte der Gärten der Welt reicht zurück bis ins Jahr 1987. Zum 750. Stadtjubiläum wurden sie als Berliner Gartenschau eröffnet. 1991 wurde daraus der Erholungspark Marzahn, und seit Eröffnung des Chinesischen Gartens im Oktober 2000 heißt der Park Gärten der Welt. Mit der IGA neu hinzugekommen ist ein englischer Garten aus Hecken, Mauern, Rosen und Kräutern, Taubenturm, reetgedecktem Cottage und natürlich typisch englischem Rasen. 

Nebenan weiden Coburger Fuchsschafe und ostpreußische Skudden. Die Schafe haben sich vor der Sonne unter einem schattigen Dach versteckt, was ihnen viele IGA-Besucher gleichtun, denn zum Entspannen und Ausruhen bietet das Gartenareal viel Raum. Unter Bäumen und Sonnensegeln stehen Stühle und Liegen, und so manche Familie macht Picknick auf der Wiese. Bei den happigen Eintrittspreisen (20 Euro je Erwachsener, 5 Euro fürs Kind ab sieben Jahren), 3,50 Euro für eine Bratwurst und drei Euro für eine Limo ist das eine durchaus verständliche Alternative. 

Ein älteres Ehepaar aus Berlin-Rudow erzählt, dass es mit seiner Enkelin trotzdem schon zum dritten Mal die IGA besucht. Es sei so erholsam, und Kinder hätten viel Freiraum zum Toben. Besonders vom Wasserspielplatz „Konrads Reise in die Südsee“ sei die Kleine nicht wegzubekommen. Auch nicht von der Naturrodelbahn am Kienberg. Mit bis zu 40 Stundenkilometer geht es dort 500 Meter hinab ins Tal. Allerdings ist die Tour nicht kostenlos. Hier müssen Erwachsene 3 Euro, Kinder von sechs bis 14 Jahren 2 Euro zahlen. Aber das tollste Erlebnis für Enkeltochter Maria war ein Frosch, den sie behutsam auf einem Blatt vom Spazierweg zu­rück zu einem Seerosenteich getragen hat. 

Die Großeltern wiederum sind begeistert vom vielen Grün und der wunderschönen Pflanzenpracht. Kein Wunder, ist doch das Motto der Gartenausstellung „Ein Meer aus Farben“. Und das ist sie wirklich! Je nach Jahreszeit blüht und leuchtet es auf dem 104 Hektar großen Gelände anders. Mo­mentan lassen die Gärtner den Herbst einziehen, sowohl im Freien als auch in der Blumenhalle, wo sich das Blumenmeer wö­chentlich ändert und sich Gärtner aus allen Bundesländern präsentieren. Tipps für den heimischen Garten gibt es gleich nebenan im i-Punkt-Grün an der Seilbahnstation Gärten der Welt.

Nach rund fünf Stunden bin ich platt von der Fülle an Eindrücken und beschließe, trotz langer Warteschlange mit der Seilbahn zum Kienbergpark zurückzuschweben. Doch es geht zügig voran. Hinter mir sagt ein Vater zu seinem Sohn: „Das geht ja hier schneller als vorhin an der Bratwurstbude“. Ich muss schmunzeln, und als ich einen Platz in einer Gondel ergattert habe, entscheide ich mich kurzerhand, doch wieder auf dem Kienberg auszusteigen – um fernab vom Trubel in den Gärten der Welt ganz in Ruhe durch die ursprüngliche Natur der IGA-Areale Kienbaum und Wuhletal zu spazieren und den Tag auf der Gartenausstellung entspannt ausklingen zu lassen.

Am 15. Oktober schließt die IGA ihre Pforten. Rund zwei Millionen Besucher sollen dann die Gartenausstellung besucht haben. Bisher sind es rund 1,2 Millionen. Bleibt zu hoffen, dass ein goldener Herbst den Endspurt der IGA bestimmt.

Internet: www.iga-berlin-2017.de