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08.09.17 / Grüner Hut fürs Haus / Hübsche Alternative zu Solarkollektoren: Die Natur auf dem Dach des Wohnhauses

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 36-17 vom 08. September 2017

Grüner Hut fürs Haus
Hübsche Alternative zu Solarkollektoren: Die Natur auf dem Dach des Wohnhauses
Kai Althoetmar

Eines der antiken Sieben Weltwunder waren „Die hän­genden Gärten der Semiramis“ in Babylon. Heute kommen sie wieder in Mode: Be­grünte Dächer. Häuser mit „grünem Hut“ sammeln Regenwasser, wobei 50 bis 90 Prozent des Niederschlags gespeichert werden. Dagegen speichern mit Teer und Beton versiegelte Flächen kein Wasser, sodass der Regen schnurstracks in Kanäle und Flüsse abfließt. Gründächer vermindern die Abwasserspitzen und da­mit die Hochwassergefahr.

Gründächer bieten auch Ausgleich für verlorengegangene Grünflächen, binden Staub und Schadstoffe. Außerdem schlucken sie Lärm. In heißen Sommern bleiben die Räume etwas kühler, weil das bepflanzte Dach die Hitze besser abschirmt. Außerdem schützt das Pflanzenpolster die Dachabdichtung vor UV-Strahlung.

Ob flach, rund oder schräg, heutzutage lassen sich viele Dächer begrünen. „Derzeit wird et­wa jedes siebte Flachdach be­grünt, das neu gebaut oder saniert wird“, schätzt Wolfgang Ansel vom Deutschen Dachgärtner Verband (DDV). Die Begrünung erfolgt nicht immer freiwillig. Vor allem in Ballungsgebieten mit hoher Versiegelungsdichte wie dem Ruhrgebiet oder dem mittleren Neckar-Raum ist Dachbegrünung in Bebauungsplänen vorgeschrieben. Der Verband sieht noch viel Potenzial in Deutschland: Etwa zwei Milliarden Quadratmeter Flachdächer seien unbegrünt. Die brachliegende Fläche sei zehnfach größer als der Nationalpark „Bayerischer Wald“.

Wer sein Dach begrünt, hat die Wahl zwischen intensiver Begrünung, zum Beispiel einem japanischen Garten, und extensiver Begrünung mit einer anspruchslosen, niedrigwüchsigen Bepflanzung. Extensiv heißt: Alles wächst von allein. Nur in der ersten Saison kümmert man sich um Be­wässerung. „Später reichen ein bis zwei Pflegegänge pro Jahr, um unerwünschten Fremdwuchs zu entfernen“, sagt Ansel. Vor allem Pioniergehölze sollten entfernt werden. Ansel: „Schließlich wachsen Pappeln oder Birken zwei Meter im Jahr.“

Nicht nur für Flachdächer kommt eine Begrünung in Frage, auch für leicht geneigte Dächer. Dabei können bis zu einer Dachneigung von 15 Grad normale Begrünungssysteme für Flachdächer verwendet werden. Ob Flach- oder Schrägdach: Die Statik des Hauses sollte man nicht überstrapazieren. Jeder Quadratmeter Dachgrün bedeutet eine Zusatzlast von 80 bis 100 Kilogramm. Was ein Dach verträgt, wissen Statiker und Architekten. „Gegen kleine Gehölzgruppen in Kübeln gibt es keine Einwände, zumal Dachgärten und Balkone problemlos mit etwa 250 Kilogramm pro Quadratmeter belastbar sind“, schreibt Dachpflanzen-Experte Peter Himmelhuber in seinem Ratgeber „Selbst Fassaden und Dächer begrünen“. Sattel- und Pultdächer hingegen vertragen „nur die Belastung mit krautigen Pflanzen, die wenig Substrat zum Wachsen brauchen“.

Der Vegetationsaufbau extensiven Dachgrüns ist einfach. Zu­nächst wird eine nährstoffarme, mineralische Substratschicht aufgebracht. Die Aufbauhöhe beträgt acht bis 15 Zentimeter. Gepflanzt werden anspruchslose, niedrigwüchsige Pflanzengesellschaften, und zwar verschiedenfarbig blühende Sedumarten, die das Substrat schnell durchwurzeln. Ideal sind robuste Pflanzen, die große Wassermengen speichern.

Eine alternative Bepflanzung erlauben vorkultivierte Vegetationsmatten mit jungen Sedumpflanzen. Bei schwierigen Dachformen wie Tonnendächern bieten die Matten Abrutschsicherheit. Matten auf Flachdächern sieht Dachgrün-Experte Ansel aber skeptisch: „Die Matten sind sehr teuer. Weil dann oft am Substrat und Unterbau gespart wird, sind sie schnell hinüber.“

Problematisch wird es, wenn durch das Wurzelwerk in der Dachhaut ein Leck entsteht. Dann muss die über Jahre gewachsene Vegetation abgetragen werden, um die Schadensstelle zu finden. „Eine solche Durchwurzelung verhindert man mit einer Wurzelschutzfolie“, sagt Dachgärtner Ansel. Ohne Folie darf ein Dach nicht begrünt werden. 

Die Kosten extensiver Begrünung liegen bei 30 bis 60 Euro je Quadratmeter. 40 Jahre sollte solch eine Bepflanzung halten. Weit teurer kommen Nutz- und Freizeitgärten auf dem Dach. Hier ist mit 100 bis 200 Euro pro Quadratmeter zu rechnen.