29.01.2022

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08.09.17 / Opulent und virtuos

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 36-17 vom 08. September 2017

Opulent und virtuos
Manuela Rosenthal-Kappi

Um es gleich vorwegzunehmen: Michail Schischkins Roman „Die Eroberung von Ismail“ ist keine leichte Kost, wenngleich der Stil von einer virtuosen Sprachgewalt geprägt ist.

Ausgehend vom Provinzadvokat Alexander Wassiljewitsch, der seinen Lebenslauf für das Kompendium der Gerichtsrede schreiben soll, entwickelt Schischkin eine Abrechnung nicht nur mit Russland und seiner Geschichte, sondern mit dem Menschen. Im Verlauf der Erzählung fließen Tausende Zitate aus der Weltliteratur mit ein, vor allem aber aus Tolstojs „Auferstehung“ und Dostojewskijs „Verbrechen und Strafe“ (in Deutschland bekannt als „Schuld und Sühne“). Wassiljewitsch ist ein Anwalt der Erniedrigten und Beleidigten. Seine Überlegungen zu Schuld und Unschuld der Täter erinnern an Dostojewskijs Protagonisten Rodion Romanowitsch Raskolnikow. 

Zwischen die Geschichten der Frauen Olga, Katja, Mascha und Larissa mischen sich immer wieder autobiografische Elemente des jungen Moskauer Linguisten und Deutschlehrers Michail Schischkin. Ihre Erlebnisse werden in einer Fülle von Stilen, Erzählstimmen und 

-zeiten erzählt. Archaisches wird in der deutschen Übersetzung in Frühneuhochdeutsch wiedergegeben, was den Lesefluss zuweilen stört.

Der Originalroman entstand Mitte der 90er Jahre, einer Umbruchzeit in Russland, die für Schischkin, der heute in der Schweiz lebt, zugleich eine Phase des Abschieds war. Obwohl Schischkin sich regimekritisch äußert, haben seine Werke in Russland renommierte Literaturpreise abgeräumt. Hochachtung gilt dem Übersetzer Andreas Tretner, der das virtuose Sprachfeuerwerk auf äußerst gelungene Weise ins Deutsche übertragen hat. 

Michail Schischkin: „Die Eroberung von Ismail”, DVA, München 2017, gebunden, 512 Seiten, 26,99 Euro