28.01.2022

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08.09.17 / Der Historiker Philipp Blom sieht die Entstehung der Welt in der »Kleinen Eiszeit«

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 36-17 vom 08. September 2017

Der Historiker Philipp Blom sieht die Entstehung der Welt in der »Kleinen Eiszeit«
W. Thüne

Historiker haben ein Höchstmaß an wissenschaftlicher Freiheit, denn so vielfältig ist das Geschehen und so unerschöpflich sind die Quellen. Die Versuchung ist groß, die Bestätigung der eigenen vorgefassten Meinung zu Papier zu bringen. Philipp Blom hatte die Idee, die Kleine Eiszeit mit ihren Wetterkapriolen zum „Kulturfaktor“ zu erheben, dem die moderne Welt ihre Entstehung verdanke. Im Eifer des Gefechts vergaß er sein eigenes Urteil, dass „nur sehr wenig direkt und kausal aus einem einzigen Grund wie dem Temperatursturz zwischen der mittelalterlichen Warmperiode und der sogenannten Kleinen Eiszeit hergeleitet werden“ könne. Wenige Zeilen später weicht er davon ab und spricht von „einer kausalen Kette von Ereignissen“, die zu unserer Gegenwart geführt haben.

Blom beginnt damit, dass er die „Kleine Eiszeit“, deren Dauer allgemein von 1300 bis 1850 angegeben wird, auf die Zeit von „1570 bis 1700“ reduziert. Wenn auch die Ursachen der Kleinen Eiszeit weiter unklar sind, so vermutet man ihn im Rückgang der Sonnenflecken. 

Der Hauptteil des Buches gliedert sich in die Kapitel „Gott hat uns verlassen – Europa 1570–1600“, „Das eherne Zeitalter“ und „Über Kometen und andere Himmelslichter“. Die Fakten sind interessant, so wie der Hinweis, dass von 1400 bis 1550 die Themse fünf und bis 1700 zwölf Mal zugefroren war. Natürlich nahmen sich auch die Geister der Zeit wie Shakespeare oder Francis Bacon der „Wechselhaftigkeit des Wetters“ an, zumal schlechte Ernten und Hunger zu sozialen Unruhen führten. Die „offizielle Interpretation natürlicher Ereignisse“ lag in den Händen von Theologen, um „Gottes strafende Gerechtigkeit“ zu erkennen. 

Außenseiterfiguren erregten immer stärker die Aufmerksamkeit des Publikums: „Heilsbringer und Scharlatane, Hexen und Okkultisten zogen enormes Interesse auf sich.“ Die englische Königin Elisabeth I. und der Habsburger Kaiser Rudolf II. zogen Magier zu Rate. 

Wurden Unwetter als „Ausdruck des göttlichen Willens verstanden“, so begannen die astronomischen Theorien von Copernicus bis Kepler die „biblische Grundlage allen Wissens“ zunehmend infrage zu stellen. Als „Schlüsselwerk des säkularen Denkens“ bezeichnet Blom die 1417 in einem deutschen Kloster gefundene Schrift „De rerum natura“ von Lukrez, einem römischen Philosophen, der die Meinung vertrat: „Alles in der Natur läuft nach ihren eigenen Gesetzen ab, ohne Intervention der Götter.“  Mit der Renaissance gewannen die „empirische Beobachtung“ wie der „Experimentelle Zugang zur Natur“ eine immer wichtigere Bedeutung. Der „Doktor Faustus“ wurde Mode. Die Folge war „eine stetig wachsende Zahl von Gelehrten, Künstlern, Juristen und Ingenieuren, die auf der Suche nach Jobs und mächtigen Gönnern ... ganz Europa durchreisten und überall, wo sie hinkamen, neue Schriften und Ideen hinterließen“. Ähnlichkeiten mit dem heutigen Wissenschaftsbetrieb mit der engen Kopplung von Wissenschaft mit Macht und Politik sind nicht von der Hand zu weisen. 

Es ist sehr spannend, dem Autor zu folgen und nachzuvollziehen, wie sich im Laufe der Zeit das „Bild der Welt“ veränderte, insbesondere nach Erfindung des Buchdrucks. Man kann aus diesem Buch sehr viel lernen, wenn man eine gewisse kritische Distanz wahrt. Ein entscheidender Satz lautet: „Man kann glauben, was man will, wissen kann man aber nur, was erfahrbar ist.“ 

Und damit macht der Rezensent einen Sprung zum Epilog, in dem Blom die „Bienenfabel“ von Mandeville bemüht und meint, die Menschen verhielten sich „wie ein ganzes Volk im nihilistischen Überlebenskampf“. Er nennt die modernen politischen Metaphern „Träume, weil sie reine Fiktionen sind, Geschöpfe unserer blühenden Fantasie, die zwar keine Entsprechung in der empirischen Wirklichkeit haben, als leitende Ideale und als kulturelle Intuition aber Wirklichkeit schaffen“.

Auch er selbst verfällt dem autoritären Traum vom „Klimaschutz“, wissend, dass „Klima“ keine „empirische Wirklichkeit“ hat, sondern erst mühsam von der Wirklichkeit Wetter abgeleitet werden muss. Wenn er einen „Transformationsdruck“ ob des „Klimawandels“ verspürt, dann verwechselt er die natürliche mit der sozialen Wirklichkeit. Auch kluge Historiker können irren.

Philipp Blom: „Die Welt aus den Angeln. Eine Geschichte der Kleinen Eiszeit von 1570 bis 1700 sowie die Entstehung der modernen Welt, verbunden mit einigen Überlegungen zum Klima der Gegenwart“, Carl Hanser, Verlag, München 2017, gebunden, 302 Seiten, 24 Euro