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22.09.17 / Ambitionen auf das livische Erbe / Zum 800. Jahrestag der Matthäus-Schlacht: Riga erleichtert Einbürgerung von Letten und Liven aus dem Ausland

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 38-17 vom 22. September 2017

Ambitionen auf das livische Erbe
Zum 800. Jahrestag der Matthäus-Schlacht: Riga erleichtert Einbürgerung von Letten und Liven aus dem Ausland
Thomas W. Wyrwoll

Die lettische Regierung hat beschlossen, das Einbürgerungsverfahren für „im Ausland lebende Letten und Liven“ zu erleichtern. So soll vor allem der obligatorische lettische Sprachtest bei Nichtbestehen leichter wiederholt werden können. Bemerkenswert ist bei der Verordnung die besondere Betonung der Liven.

Das kleine finnougrische Volk wurde in den Grenzen Lettlands weitestgehend von den indogermanischen Letten aufgesogen und besteht in Resten nur mehr im äußersten Norden der westlettischen Provinz Kurland, wo die verbliebenen reinen Muttersprachler in den letzten Jahren alle verstarben. Nach Schätzungen bekennen sich hier noch zwischen 200 und 1000 Menschen zum Liventum - auch wenn sich zweifellos eine höhere Zahl an Letten ihrer livischen Wurzeln bewusst ist.

Das weitaus größere historische Livland im Osten gilt hingegen heute gemeinhin als „livenfrei“. Es ist seit Gründung der beiden Nationalstaaten Lettland und Estland im 20. Jahrhundert zwischen diesen aufgeteilt, wobei sich die hier in Fragmenten teils bis in diese Zeit überlebenden Ureinwohner unter dem Druck der neuen Führungsvölker ziemlich rasch assimilierten. Besonders ausgeprägt war dies in Estland der Fall, das bis heute die stammverwandten Völker im eigenen Land für sich vereinnahmen will. Zugleich trieb es in der Zwischenkriegszeit das Studium des Livischen und dessen Unterricht im lettischen Kurland voran, wo dies als Wahlfach möglich war – und hegte damit durchaus auch die Absicht, eigene Ansprüche anzumelden. Konsequenterweise haben es beide Länder unterlassen, den historischen Namen Livland für ihre jeweiligen Verwaltungseinheiten weiterzuverwenden. Die heute gerne als Livland übersetzte lettische Regionenbezeichnung Vidzeme für das auch Riga einschließende mittlere Drittel des Landes bedeutet schlichtweg Mittelland und hat nichts mit dem Volk der Liven zu tun. Erst das wiedererstandene Lettland hat die Liven 1992 als einheimische Volksgruppe formal anerkannt, sie 1995 als Teil des lettischen Kulturerbes gewürdigt und ihnen 1999 in der Verfassung den Schutz des Livischen als Ureinwohnersprache zugesagt. Parallel dazu wurde ein Staatsparksystem geschaffen, das bis heute fremdethnische Einflüsse im kurlandlivischen Kerngebiet beschränkt sowie die kulturellen Hinterlassenschaften der dortigen Liven umfassend dokumentiert und erforscht. In Estland ist nichts Vergleichbares geschehen.

Dass sich Lettland gerade jetzt seiner livischen Anteile erneut in besonderer Weise annimmt, ist kein Zufall: Die Verordnung datiert wenige Tage vor dem 800. Todestag des Livenfürsten Kaupo von Treiden, lettisch Turaida, der bis heute eine zentrale Figur im Verhältnis zwischen Letten, Liven und Esten darstellt. Kaupo hatte sich als erster bekannter Live zum christlichen Glauben bekehrt und damit gezielt Europa zugewandt. Zeit seines Lebens blieb er ein treuer Anhänger der „deutschen Partei“ im Baltikum und ein erbitterter Gegner der Esten. Er war ein enger Freund des ersten livländischen Bischofs Albert von Buxhoeveden, des Gründers von Riga und Anleiters der deutschen Siedlung im Baltikum, und reiste gemeinsam mit dessen Stellvertreter Theoderich, seinem Taufpriester, zum Papst nach Rom, bei dem er einen enormen Eindruck hinterließ. Als es später zu einem Aufstand der Liven kam, musste er ihn mit Hilfe des von Theoderich gegründeten Schwertbrüderordens niederschlagen und dabei die Zerstörung seiner Stammburg Treiden in Kauf nehmen. Bischof Albert hat sie dann in ihrer heute rekonstruiert zu sehenden Form als Steinburg wiederaufgebaut, um ein militärisches Gegengewicht zum Schloss des Ordens bei Segewold (lettisch Sigulda) zu bilden, das direkt auf dem gegenüberliegenden Ufer der Livländischen Aa liegt. Kaupo starb als Heerführer der deutsch-livisch-lettgallischen Truppen am 21. September 1217 in der bedeutenden Schlacht am Matthäus-Tag, ebenso wie auf der Gegenseite sein Erzfeind, der Estenfürst Lembit, den das unabhängige Estland wegen seiner damaligen Einigung der verfeindeten estnischen Stämme als Nationalheld verehrt.

Kurioserweise sahen die lettischen Nationalisten des 19. Jahrhunderts Kaupo noch als „Verräter“ ihrer Sache, ohne dabei auf die banale Idee zu kommen, dass ein mittelalterlicher Live kaum Veranlassung gehabt haben dürfte, für den späteren Nationalstaat eines anderen Volkes zu streiten, und übersahen völlig, dass die seinerzeitigen Letten Kaupo fast durchgehend unterstützten, ohne dass man sie im Nachhinein des Verrats an ihrem Volk bezichtigt hätte. Eine derart instrumentalisierte Interpretation der Geschichte verbietet sich für den besagten Zeitraum schon allein deshalb, weil die damaligen Konfliktlinien kaum nach rein nationaler Zugehörigkeit verliefen und sich Angehörige verschiedener Völker bei den meisten Auseinandersetzungen in oftmals wechselnden Koalitionen auf beiden Seiten befanden. Beinahe konstant auf der Gegnerseite Kaupos befanden sich allerdings die Esten, deren Nachfahren es ihrem entfernten livischen Verwandten oftmals bis heute verübeln, sein Volk zum damaligen Europa orientiert und damit eine denkbare vollständige Angliederung Livlands an Estland bereits vorab verhindert zu haben.

Die Treidener Burg Kaupos bildet seit langem eine der Hauptattraktionen Lettlands. Der lettische Staat stellt im dortigen Turaida-Museum gerade in jüngster Zeit das kulturelle Erbe der „Gauja-Liven“ - „Gauja“ ist der lettische Name der Livländischen Aa - heraus, deren Verschmelzung mit den Letten geradezu als Grundlage des heutigen Lettentums beschworen wird. Diese sei, wie es in einem Text des Museums heißt, „ab dem 16. und 17. Jahrhundert“ erfolgt, dürfte aber tatsächlich eher auf die Verheerungen des Großen Nordischen Krieges und einer Pestepidemie Anfang des 18. Jahrhunderts zurückzuführen sein, also weniger die Folge einer „natürlichen Akkulturation“ als einer multiplen menschgemachten Ka­tastrophe darstellen. Dennoch haben sich eine beachtliche Fülle an Relikten der Livland-livischen Kultur unter den Letten erhalten. Es wurde also die vollständige Lebenswelt des Kernlandes der Liven in das Lettentum aufgesogen. Zudem übernahmen die lettischen Sprachvarianten in beiden Livengebieten die auffällige Grundbetonung der Ureinwohner, ähnlich wie die Ost- und Westpreußen die Sprachmelodie der Prussen. 

Somit haben die Letten also durchaus jedes Recht, das Erbe der Liven für sich zu vereinnahmen. Dies wird durch die jetzt erlassene Regierungsverordnung zum ersten Mal gezielt ins Ausland getragen. Zwar gibt es tatsächlich emigrierte Auslands-Liven in Übersee, darunter die letzte echte Muttersprachlerin, die 2013 im Alter von 103 Jahren in Kanada verstarb. Diese dürften aber kaum das Ziel der hier geübten besonderen Herausstellung sein. Gerade im Zusammenhang mit dem Jahrestag deutet sich an, dass der Regierung in Riga vor allem um das Einschlagen eines historisch-kulturellen Pflocks bei den estnischen Nachbarn gelegen sein dürfte, deren südliche Staatshälfte ja ebenfalls altes Livenland ist. Theoretisch könnten sich von nun an estnische Bürger, die sich als Liven fühlen, leichter um die lettische Staatsbürgerschaft bewerben – das ethnische Bekenntnis obliegt im modernen Europa im Prinzip der freien Entscheidung, eine Anerkennung der Minderheit vorausgesetzt. Auch wenn dies momentan selten der Fall sein wird, steht damit grundsätzliche eine Art informale Einladung im Raum. Sollte sie eines Tages vermehrt angenommen werden, würde dies bei entsprechendem Zulauf selbst eine innerbaltische Grenzrevision nicht ausschließen.