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27.10.17 / Frei gedacht / Schöne Welt. Arme Welt

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 43-17 vom 27. Oktober 2017

Frei gedacht
Schöne Welt. Arme Welt
Eva Herman

Was könnte unsere Welt so schön sein, pflegte meine Großmutter früher öfter zu sagen. Während sie stets nach diesem Satz laut seufzte, dachte ich mir meist den Rest des niemals von ihr zu Ende geführten Gedanken: Doch wir Menschen sind einfach nicht in der Lage dazu! Als ich kürzlich auf einer Reise in die Neue Welt an einem Treffen zwischen dem US-deutschen Ethno-Botaniker und Kulturanthropologen Wolf-Dieter Storl und einem Oberhäuptling der kanadischen Mi:kmaki-Indianer teilhaben durfte, wurde mir unser schweres Dilemma, in dem wir, die sogenannte zivilisierte Welt, stecken, wieder einmal schmerzlich deutlich.

Storl, der nahezu die ganze Welt bereist hat, um Kultur und Tradition zahlreicher Völker zu erforschen, vornehmlich deren Verhältnis zu hei­mischer Pflanze und heimischem Tier, sprach von der Unfähigkeit des durchschnittlichen Homo Sapiens, sich heute noch mit der Natur verbinden zu können, um überhaupt je wieder zu sich zu gelangen. Enge, Stress, Hetze und allwährender Druck verbieten doch längst, den so notwendigen inneren Ausgleich, der in der Ruhe der Natur am besten zu entdecken wäre, zu finden, verbunden vorzugsweise mit einem dankbaren Gebet für all die herrlichen Gaben, die uns die Natur bislang verlässlich schenkte. Was meinte er damit?

Nun, der Naturwissenschaftler war eines Oktobertages mit uns durch die ostkanadische Landschaft gestreift, die im „Indian Summer“ gerade in ein herrlich goldgelbes wie auch flammenrotes Farbenmeer getaucht war. Manche Büsche und Bäume sprühten geradezu Feuer, wild loderte das Laub wie in leuchtend roter Glut einer untergehenden Abendsonne, übermütig changierten die gleißenden Farbtöne im Rhythmus des kräftigen Herbstwindes, während die Sonne dem unbeschreiblichen Szenario ihr prachtgoldenes Himmelslicht schenkte. Gerade gewachsene Zedern und wiegende Fichten, die das Bild immer wieder durchbrachen, hatten indes ihr vornehm grünes Kleid nicht verändert und boten angenehme Ruhepunkte in dem atemberaubenden Glanz. Welch ein Erlebnis! Ich war zutiefst gerührt. Es war, als hätte der Schöpfer alle Pracht und Schönheit aufgeboten, um uns, den Menschen, zu sagen: Schaut her. Schaut doch endlich genau hin! Nehmt diese Welt wahr, sie ist doch so schön!

Der Forscher führte uns an einen We­ges­rand, an dem etliche Kräuterlein warteten, an denen man zuvor schon oft achtlos vorübergegangen war. Sogleich kniete er am Feldboden, vorsichtig nahm er das Köpfchen eines zartblass blühenden Pflänzchens in die Hand. Wusste jemand etwa ihren Namen? Nein, leider nicht. Es war der Augentrost, so lernten wir. Hat jemand etwa entzündete Augen, vielleicht von der stundenlangen Computerarbeit, so konnte der Augentrost ihm ein feiner Freund werden. Ein Tee aus ihm gekocht, musste man nur die Augen öfter auswaschen damit, und schon konnte man das Ärgernis recht schnell loswerden. Ach, ja? Und so vieles andere berichtete er aus dem herrlichen Garten der Natur, vom treuen Wegerich zum Beispiel, der sich bei Insektenstichen und zur Wundheilung stets als guter Gefährte erweisen möchte, so man ihn doch nur endlich ließe. Und in Notzeiten: Ja, wer hätte es denn gedacht, dass man Wurzelwerk, Blätter, Blüten, Samen und Stiele als wunderbare Heilnahrung verwenden kann, und zwar beinahe sämtlicher Pflanzen und Büschlein. Kaum zu glauben, was er wusste, dieser weise Mann, und was alles für ihn so selbstverständlich war. Beschämt sahen einige von uns zur Erde. Tatsächlich, wir hatten viel verloren, sowohl beim Herunterschauen zur guten, alten Erde als auch beim Blick himmelwärts.

Wenig später kam er dann dazu, der Oberhäuptling des Stammes der Mi:kmaq vom Territorium der kanadischen Ostküste. Den Würdentitel hatte er von seinen Urvätern geerbt, generationenlang war es so Tradition gewesen. Der Chief, der auch als Professor und Kulturbeauftragter einer ostkanadischen Universität tätig war, trug ein farbenprächtiges Gewand und edelsten Federschmuck, der mit einem breiten Band, das sich quer über die Stirne zog, verbunden war. Gemessenen Schrittes trat er in stolzer, aufrechter Haltung vor und erzählte die Geschichte seiner Ahnen, die er schon als Kind gelernt hatte. So berichtete der Häuptling von sieben Schöpfungsebenen, die von Anbeginn aller Zeiten existierten. Wunderbar war, seine Rede anzuhören, waren seine Worte doch durchdrungen von Vornehmheit, Verantwortung und Nachhaltigkeit. Und von Liebe. Liebe zur Natur, Liebe zu Mutter Erde, Liebe auch zu Großvater Sonne, wie er sie nannte. Er sprach von dem geheiligten Adler, der als edelster Botschafter des Himmels betrachtet werde und uns Menschen immer wieder Nachrichten aus höheren Ebenen übermittele. Viele Mitglieder seines Volkes, so der Häuptling, das ja erheblich dezimiert worden war im Laufe der letzten zwei, drei Jahrhunderte, verstünden die Botschaft des Adlers selbst kaum noch, da Wurzeln und Erinnerungen von altem Glauben und Werten systematisch ausradiert worden seien von den europäischen Einwanderern. 

Man spürte den bitteren Verlust, den Schmerz, für den doch immer wieder nur wir Menschen verantwortlich sind, durch falsche Worte, falsches Tun. Durch Unwissenheit der Schöpfungsgesetze auch, die wir so sträflich ignorieren und uns selten nur um Verantwortung und Zukunft kümmern. Verlust, wohin man schaut: Verlust des Richtigen, des Wichtigen, Verlust der eigenen Identität, Verlust von Kultur und Tradition, Verlust auch der Verbindung mit dem Licht, dem Himmel und – der Liebe. Wer sich die Geschichte der indigenen Völker nicht nur in Nord- und Südamerika ansieht, dem kann es dabei nur schwindelig werden. Wer sich aber die derzeitige Geschichte einiger Völker ansieht, die heute offenbar zum Untergang verurteilt sind, so kommt ein schmerzliches Ahnen des Bevorstehenden.

Eine Friedenspfeife wurde schließlich geraucht im fernen Kanada. Der Häuptling hatte den Ethno-Botaniker zu der seltenen Zeremonie eingeladen. Süßgras, Salbei, Zeder und weitere Heilkräuter wurden gestopft, und während der wohlduftende Rauch emporstieg, besiegelten die beiden weisen Männer ihre Freundschaft. Diese Freundschaft basiert auf Respekt, Toleranz, Verantwortung und Nachhaltigkeit, damit man auch den nachfolgenden Generationen noch einen Lebensraum hinterließe, der sich als wirklich lebenswert erweise. 

Als der Häuptling die Zeremonie schließlich zu beenden gedachte, teilte er seinem neuen Bruder mit, dass die gemeinsam beschlossenen Werte für immer Gültigkeit behielten und beide sich ausnahmslos daran zu halten hätten. Würde man den Sinn der Worte zu einem späteren Zeitpunkt abändern wollen, so wäre dies erst möglich bei einem weiteren, gemeinsamen Ritual der Friedenspfeife. So und nicht anders hatten es einst auch die Ahnen gehalten, denen Treue, Verlässlichkeit und Verantwortung für den Nächsten an oberster Stelle standen.

Tja, diese Form der Politik könnte tatsächlich funktionieren. Was könnte unsere Welt so schön sein … Ich musste dann an die Koalitionsverhandlungen denken, die fern von Weisheit und Güte, fern auch vom Willen zu Nachhaltigkeit und Verantwortung für unsere Kinder, wie ein armseliges, trübes Kasperletheater derzeit in Deutschland aufgeführt werden.