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27.10.17 / »Genossen, wir müssen alles wissen!« / Vor 60 Jahren wurde Erich Mielke vom DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl zum Minister für Staatssicherheit ernannt

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 43-17 vom 27. Oktober 2017

»Genossen, wir müssen alles wissen!«
Vor 60 Jahren wurde Erich Mielke vom DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl zum Minister für Staatssicherheit ernannt
Wolfgang Kaufmann

Vor 60 Jahren wurde Erich Mielke zum Minister für Staatssicherheit ernannt. Anschließend verwandelte er die DDR in einen weltweit einzigartigen Überwachungsstaat. Hierdurch sicherte er 32 Jahre lang die Herrschaft der SED-Führung in Ost-Berlin.

Im Juni 1945 kehrte der fanatische Kommunist und Polizistenmörder Mielke nach 14-jährigem Exil in seine Geburtsstadt Berlin zurück. Kurz darauf ernannte Walter Ulbricht, der Statthalter Moskaus in der Sowjetischen Besatzungszone, ihn zum Leiter der Polizei-Inspektion Lichtenberg. Dem folgte ein Karriereschub ohnegleichen. Innerhalb nur eines Jahres reüssierte der gelernte Speditionskaufmann zum Vizepräsidenten der Deutschen Verwaltung des Innern sowie Abteilungsleiter für Polizei und Justiz im Zentralkomitee der KPD. In dieser Position arbeitete Mielke mit aller Macht darauf hin, einen eigenständigen Geheimdienst auf mitteldeutschem Boden aufzubauen. Die entscheidendste Weichenstellung hierzu erfolgte am 28. Dezember 1948, seinem 41. Geburtstag, als das Politbüro des ZK der KPdSU in Moskau die diesbezüglichen Pläne absegnete.

Als Keimzelle der späteren Stasi dienten zunächst Mielkes Kommissariat 5 sowie die ihm unterstehende Hauptverwaltung zum Schutze der Volkswirtschaft, die am 12. Oktober 1949 gegründet wurde. Wenig später, am 18. Februar 1950, wertete der DDR-Präsident Wilhelm Pieck letztere per Gesetz zum „Ministerium für Staatssicherheit“ (MfS) auf. Damit wäre Mielke eigentlich der logischste Kandidat für den Posten des Ministers gewesen. Doch den erhielt überraschend der Quer­einsteiger Wilhelm Zaisser. Denn dieser hatte mehr Fürsprecher im Kreml, weil er früher gleich für zwei sowjetische Geheimdienste, den militärischen Nachrichtendienst GRU und den Kurier- und Nachrichtendienst der Komintern OMS, spioniert hatte. Wenigstens wurde Mielke Staatssekretär und Stellvertreter Zaissers. Als solcher zeichnete er sowohl für die operative Tätigkeit des MfS als auch dessen systematischen Ausbau verantwortlich. Dabei hoffte der ehrgeizige Vollblut-„Tschekist“ auf den Aufstieg an die Spitze des Stasi-Imperiums. Und der schien dann tatsächlich zum Greifen nahe, als Zaisser wegen seines angeblichen Versagens im Vorfeld des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 abgesetzt wurde. Sein Ministerium wurde zu einem Staatssekretariat (SfS) herabgestuft und dem Innenministerium unterstellt.

Doch wiederum erhielt mit Ernst Wollweber ein ehemaliger Agent der Sowjets den Vorzug. Der Ex-NKWD-Mann stand jedoch auf ziemlich verlorenem Posten, weil Ul­bricht nicht ganz zu Unrecht vermutete, dass er wie sein Vorgänger große eigene Machtambitionen verfolgte. Und dann erlitt Wollweber auch noch einen Herzinfarkt, von dem er sich nie wirklich erholte. Damit schlug nun endlich die Stunde von Erich Mielke. Im Sommer 1957 übernahm er die Amtsgeschäfte Wollwebers. Allerdings fehlte ihm noch der Segen Moskaus. Den erlangte er kurz darauf während einer Visite des KGB-Chefs Iwan Serow in Ost-Berlin. Dem Vernehmen nach soll Mielke seinen Amtskollegen damals förmlich mit Geschenken überhäuft haben. 

Nach dem Plazet der Sowjets fand zum 1. November 1957 die formelle Ernennung durch den Ministerpräsidenten Otto Grotewohl zum Chef der Staatssicherheit statt, die seit 1955 wieder ein Ministerium war. Im Gegensatz zu seinen glücklosen Vorgängern sollte es Mielke gelingen, 32 Jahre an dessen Spitze zu verbleiben und dabei den Rang eines Armeegenerals zu erreichen, weil er anders als seine Vorgänger strikt nach dem Prinzip verfuhr, dass das MfS das macht, „was die Partei von der Staatssicherheit fordert und gar nichts anderes“. Die Stasi mutierte dadurch nun tatsächlich ohne Wenn und Aber zum „Schild und Schwert“ der SED, zur entscheidenden Stütze des Regimes in Ost-Berlin.

Um diese Aufgabe in jeder Situation erfüllen zu können und keine Neuauflage des 17. Juni zu erleben, die ihn bestimmt das Ministeramt gekostet hätte, baute Mielke den geheimen Sicherheitsapparat der DDR in einem solchen Maße aus, dass die Überwachungsdichte am Ende größer war als in jedem anderen Staat der Welt, die Sowjetunion und das Dritte Reich eingeschlossen. Auf 180 Bürger kam ein Geheimdienstler. Bis zu seinem erzwungenen Rücktritt am 7. November 1989 stockte Mielke die Zahl der hauptamtlichen Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit von 14000 auf 91000 auf. Dazu kamen rund 180000 Inoffizielle Mitarbeiter (IM). Gleichzeitig expandierte der zentrale Dienstsitz des MfS in der Berliner Normannenstraße, bis er sich zuletzt über zwei Quadratkilometer erstreckte.

Mielkes Credo lautete: „Genossen, wir müssen alles wissen!“ Als Resultat dieser paranoiden Kontrollsucht gegenüber der eigenen Bevölkerung entstand eine gigantische Anzahl von Akten, von denen heute trotz umfangreicher Vernichtungsmaßnahmen zur Zeit der sogenannten Wende immer noch 180 laufende Kilometer existieren.

Während seiner Zeit als Minister legte der nur 1,63 Meter große Mann, der von seinen ehemaligen Mitarbeitern als pedantischer, ungehobelter und wenig gebildeter Misanthrop charakterisiert wurde, einen bemerkenswerten Aufstieg in der DDR-Hierarchie hin. Wichtige Meilensteine desselben waren  die Ernennung zum Mitglied des Nationalen Verteidigungsrates 1960 und zum Vollmitglied des Politbüros des Zentralkomitees der SED 1976.

Da Mielkes Loyalität stets dem Amt und nicht der Person des Staats- und Parteichefs galt, hatte er kein Problem damit, dass Erich Honecker 1971 an die Stelle seines alten Förderers Ulbricht trat. Allerdings kritisierte Mielke später Honeckers Kurs der Öffnung nach Westen, weil diese der „politisch-ideologischen Diversion“ Tür und Tor zu öffnen schien. Ebenso wetterte der mit vier Lenin-Orden dekorierte „Held der Sowjetunion“ heftig gegen Michail Gorbatschows Politik der Perestroika, weil er beizeiten ahnte, welche Folgen diese haben würde. Davon zeugt beispielsweise seine eindringliche Warnung an die Adresse des KGB-Generals Sergej Kondraschow: „Gorbatschow und eure Führung sollten begreifen, dass damit die Deutsche Demokratische Republik zerschmettert wird.“ Und genauso kam es ja dann auch.