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27.10.17 / Lehrreicher Gang zur Wartburg / Ein Ort mit Geschichte – Wo Luther die Bibel übersetzte, Studenten eine deutsche Nation forderten und ein Sängerkrieg tobte

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 43-17 vom 27. Oktober 2017

Lehrreicher Gang zur Wartburg
Ein Ort mit Geschichte – Wo Luther die Bibel übersetzte, Studenten eine deutsche Nation forderten und ein Sängerkrieg tobte
Harald Tews

Luther, Studententreffen und ne­benbei auch noch Sängerkrieg – auf die Wartburg kommt im Jubiläumsjahr von Reformation und Burschenschaft eine Menge zu. Aber erst einmal muss man zu ihr hinauf.

Dass die Wartburg hoch über Eisenach thront, lässt sich nicht gerade behaupten. Vom Markt im Zentrum der Stadt ist die Burg vielleicht nur knapp eineinhalb Kilometer Luftlinie entfernt, trotzdem liegt sie auf dem Berg hinter hohen Bäumen verborgen. Als die Studenten vor 200 Jahren zum Wartburgfest kamen (siehe auch Seite 2), standen sie wohl auch vor der Frage: Wo bitte geht es zur Wartburg? 

Wie die meisten Besucher heutzutage haben die Studenten da­mals die Burg über einen Weg erobert, der sich jetzt Wartburg­allee nennt und der sich auf vier Kilometern den Berg hinaufwindet. Es gibt aber auch einen direkteren Weg, die 200 Höhenmeter von Eisenach aus zu überwinden. Auf fast gerader Linie führt von der Stadt ein sogenannter Luthererlebnispfad zur Burg hinauf. Damit Wanderer vom anstrengenden Aufstieg ein wenig verschnaufen können, sind alle paar Meter lehrreiche Schautafeln aufgestellt, die auf einer Zeitleiste über geschichtliche Ereignisse aus der Lebenszeit des Reformators informieren.

Schritt für Schritt – so die Botschaft während des Aufstiegs – kommt man Luther näher. Auch er kam ja 1521 auf dubiose Weise auf die Wartburg, wo er in einem spartanisch eingerichteten Zimmer das Neue Testament übersetzte. Nicht nur seinetwegen wurde die Wartburg zu einem der geschichtsträchtigsten Orte in Deutschland. 

Gegen Ende des Lutherpfades taucht die Burg dann hinter den Baumwipfeln auf. Vom Besucherparkplatz erfolgt ein letzter, kurzer steiler Anstieg, ehe man von der Nordseite aus über die Zugbrücke in den Burghof gelangt. 

Hier trennt sich bei den Besuchern die Spreu vom Weizen. Die einen fragen nach der Lutherausstellung (siehe Artikel unten), die Geschichtsinteressierten kommen wegen des Burschenschafttreffens vor 200 Jahren und die Kulturbeflissenen wegen Goethe, der mehrmals auf der Burg weilte, oder wegen Wagner, der niemals hier war, dessen Oper „Tannhäuser“ aber hier spielt. Im Untertitel heißt sie ja auch „Sängerkrieg auf der Wartburg“.

Die Lutherstube befindet sich unmittelbar am Eingang an der Westseite der Burg. Als Luther beim Reichstag zu Worms für vogelfrei erklärt wurde, ließ ihn sein Gönner, der Kurfürst Fried­rich der Weise von Sachsen, zur eigenen Sicherheit des Geächteten „entführen“. Als „Juncker Jörg“ lebte Luther knapp ein Jahr inkognito auf der Wartburg. In dem kleinen Raum, in dem er die Bibel übersetzte, ist heute wenig mehr zu sehen als ein Tisch, ein Schemel, ein Porträt, ein Ofen und eine abgekratzte Wand.

Luther soll hier ein Tintenfass gegen den Teufel geschleudert ha­ben, der ihm wo­möglich in seinen einsamen Träumen erschienen war. Um sich ein Souvenir zu si­chern, kratzten Besucher im 19. Jahrhundert den Tintenfleck ab, sodass an der Wand ein unverputzter Teil zu­rückblieb.

Solche Anekdoten bekommt man von einem der Angestellten erzählt, der die Besuchergruppen durch die Burg führt. Dabei er­fährt man auch die Sage, wonach sich der Erbauer der Burg, Ludwig der Springer, im Jahr 1067 während der Jagd verlaufen haben soll und auf der Hügelspitze, wo er nach Orientierung suchte, ausrief: „Wart! Berg, du sollst mir eine Burg werden!“ Daher der Name.

Das Mittelalter hat die Burg längst verlassen. Beim Wartburgfest im Jahr 1817 erlebten die Studenten nur eine kleine, verfallene Feste. Ihr heutiges Aussehen verdankt die Burg Großherzog Carl Alexander, der sie von 1838 an aufwendig renovieren und erweitern ließ. Im Inneren trägt sie jetzt ein spätromantisches Gewand. Wo zu Luthers Zeiten von Motten zerfressene Wandteppiche hingen, sind jetzt Wandfresken des Ro­mantikers Moritz von Schwind zu sehen, welcher die Teppichornamentik nachgeahmt hat. Und jene Mosaiken aus zehntausenden Steinen, die in einem kleinem Raum das Leben der Heiligen Elisabeth von Thüringen erzählen – ihr Mann Ludwig baute die Wartburg ab 1211 zu einer repräsentativen Burg aus –, entstanden erst zu Anfang des 20. Jahrhunderts.

Höhepunkt der Romantikverehrer ist der 40 Meter lange Festsaal. Hier soll im Mittelalter der Sängerkrieg stattgefunden haben, den Wagner in seiner Oper „Tannhäuser“ thematisiert. Anders als in der Oper, wo sich der entjungferte Held als Kenner eines wahren Minnesangs in Rage singt, soll der damalige Burgherr dem Verlierer des Sängerwettstreits mit dem Beil gedroht haben. Weil sich keiner um Kopf und Kragen singen wollte und jeder sein Bestes aus den Stimmbändern holte, gab es keinen Verlierer.

Der Verlierer war im Mittelalter die Dienerschaft, die auch im Winter das Essen quer über den Hof zum Speisesaal der Ritter tragen musste. Wegen der Feuergefahr, die früher oft von der Küche ausging, war diese getrennt von den Herrschaftsgemächern. Das Essen wurde samt Geschirr auf Holzplatten hineingetragen und auf den Tisch gelegt. Beim nächsten Gang wurde die Platte einfach durch die nächste ersetzt.

Schaut man vom Südturm auf die Wartburg hinab, kommt sie einem recht klein vor. Als sich vor 200 Jahren hier 600 Studenten und Professoren zum Wartburgfest versammelt hatten, um gegen reaktionäre Kleinstaaterei und für eine fortschrittliche deutsche Nation zu demonstrieren, muss es ziemlich eng zugegangen sein. In der Geschichte haben sie sich aber ebenso einen Platz verschafft wie der Schriftsteller Fritz Reuter unterhalb der Wartburg. 

Um der sozialen Enge seiner niederdeutschen Heimat zu entfliehen, zog der Autor biografisch gefärbter niederdeutscher Ro­manklassiker wie „Ut mine Stromtid“ oder „Ut mine Fe­stungstid“ von Mecklenburg aus nach Eisenach. Hier ließ er sich 1863 kurz vorm Aufstieg zur Burg unweit der Wartburgallee eine prächtige Villa bauen, für die aus Platzgründen der Teil einer nahen Felswand weggesprengt wurde. 

Heute beherbergt die Villa ein sehenswertes Museum, das nicht nur Reuter gewidmet ist – sondern auch Wagner. 1897 erwarb die Stadt Eisenach die Sammlung des leidenschaftlichen Wiener Wagnerianers Nicolaus Oesterlein und integrierte sie in das Reuter-Haus. Zu sehen ist die wohl größte Wagner-Sammlung außerhalb Bayreuths, die auch viele Originalpartituren und Handschriften des Komponisten enthält. Der „Sängerkrieg“ tobt seitdem auch unterhalb der Wartburg im Hause Fritz Reuters.