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27.10.17 / Donnerschlag der Geschichte / Was ein paar Hammerschläge alles auslösen können – Luther und seine Welt in Wittenberg und auf der Wartburg

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 43-17 vom 27. Oktober 2017

Donnerschlag der Geschichte
Was ein paar Hammerschläge alles auslösen können – Luther und seine Welt in Wittenberg und auf der Wartburg
Veit-Mario Thiede

Am 31. Oktober 1517 richtete ein bis dahin nicht groß in Erscheinung getretener Wittenberger Mönch einen Brief an Kardinal Albrecht von Brandenburg. Anlass des Schreibens waren die im Namen des Kardinals vertriebenen Ablassbriefe. Der Absender beklagte „das grundfalsche Verständnis, dass die unglücklichen Seelen glauben, wenn sie Ablassbriefe lösen, seien sie ihres Heils sicher“. Dem Schreiben legte er seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel bei und unterschrieb mit „Euer unwürdiger Sohn Martinus Luther, Augustiner, berufener Doktor der heiligen Theologie“.

Sein tatsächlicher Familienname aber war „Luder“. Mit „Luther“ unterzeichnete er nun erstmals, abgeleitet vom griechischen Wort „eleutheros“ – „der durch das Evangelium frei Gewordene“.

Luthers 95 Thesen lösten bekanntlich die Reformation aus. Deren 500. Jubiläum begeht Wittenberg, wo der Reformator 35 Jahre lang lebte, mit einer Ausstellung im Augusteum. Der erste Teil präsentiert „95 Schätze“. Zu ihnen gehören Objekte, die Lu­ther besessen, benutzt oder gesehen hat. Der zweite Teil belegt mit Zitaten und Gegenständen von „95 Menschen“ die Wirkungsgeschichte Luthers bis heute. An­hänger wie der Künstler Albrecht Dürer und Gegner wie der Autor Thomas Mann kommen zu Wort.

Den dramaturgischen Höhepunkt der Schau bildet die Abfolge dreier Schriftstücke. Neben einem Exemplar der Ablassbriefe liegt Luthers Beschwerdebrief an Kardinal Albrecht. Auf sie folgt Luthers Handexemplar des Neuen Testaments (um 1544). Aufgeschlagen ist die Seite mit einer Notiz seines Privatsekretärs Georg Rörer. Die legt nahe, dass Luthers so berühmter wie bezweifelter Thesenanschlag an die Tür der Wittenberger Schlosskirche tatsächlich stattgefunden hat. 

Rörers lateinischer Eintrag lautet: „Im Jahr 1517 am Vorabend von Allerheiligen (31. Oktober) sind in Wittenberg an die Türen der Kirchen Martin Luthers Thesen über den Ablass öffentlich angeheftet worden.“ Stefan Mi­chel wendet jedoch im Katalog ein: „Als problematisch an diesem historischen Datum stellt sich dar, dass keiner der späteren Bericht­erstatter persönlich dabei gewesen war.“ Also auch Rörer nicht.

Gemälde und Objekte machen auf Luthers Mitreformatoren wie Philipp Melanchthon, Beschützer wie die Kurfürsten von Sachsen und Gegner wie Kaiser Karl V. und Papst Leo X. aufmerksam. Ein Bild aus der Werkstatt des älteren Cranach zeigt Luthers Ehefrau Katharina von Bora (um 1525). Die aus Sicht der Papstkirche skandalöse Priesterehe verlief harmonisch. Das bezeugt Luthers Testament vom 6. Januar 1542. Entgegen der gängigen Rechtspraxis setzte er seine Ehefrau als alleinige Erbin und Vormund der Kinder ein. Darüber hinaus be­scheinigt er sich in seinem Testament, „Lehrer der Wahrheit“ so­wie „Gottes Notarius und Zeuge“ zu sein.

Gegen Mitternacht vom 4. auf den 5. Mai 1521 fand der von Papst und Kaiser gesuchte Glaubensabweichler Martin Luther Zuflucht auf der Wartburg. Sie ehrt nun ihren ehemaligen Gast mit der Schau „Luther und die Deutschen“. Die Ausstellung geht den wechselvollen Beziehungen zwischen dem Reformator und „seinen“ Deutschen nach. Heute respektieren sich die unterschiedlichen Konfessionen in „versöhnter Verschiedenheit“. Bekanntlich war das nicht immer so. Das zeigen aufs Schönste zwei Gemälde. Egbert van Heemskerck malte um 1700 „Luthers Eintritt in die Hölle“. Johann Erdmann Hummel hingegen malte um 1806 die Verherrlichung des in den Himmel erhobenen „heiligen“ Luther. Das Hauptbild umziehen kleinformatige Szenen aus dem Leben des Reformators.

Hummels Gemälde veranschaulicht uns also auch, dass man zu seiner Zeit begann, nicht mehr nur den Theologen, sondern auch den Menschen Luther in den Blick zu nehmen. Der Philosoph Herder erhob ihn zum „kraftvoll inspirierenden Urbild der Deutschen“. Damit brachte er die dann besonders im wilhelminischen Kaiserreich in Blüte stehende Verehrung Luthers als Nationalheld auf den Weg. Die Nationalsozialisten schätzten seine antisemitischen Entgleisungen. In der Bun­desrepublik wurde er als unpolitisch „entnazifiziert“, während die DDR ihn zunächst als „Fürstenknecht“ abqualifizierte, dann aber zu einem der größten Söhne des deutschen Volkes erhob.

Die Stärken der Schau sind die dem Reformator selbst und der Wartburg gewidmeten Abteilungen. Zeitgenössische Dokumente veranschaulichen, wie und wa­rum es ihn auf die Wartburg verschlug. Am 17. und 18. April 1521 sollte er auf dem Reichstag zu Worms seine Schriften widerrufen. Präsentiert wird seine eigenhändig aufgezeichnete Verteidigungsrede. Mit Hinweis auf sein Gott verpflichtetes Gewissen verweigerte er den Widerruf. Nun musste der vogelfreie Luther um sein Leben fürchten. 

Luthers Landesherr Friedrich der Weise ließ ihn zu seinem Schutz auf die Wartburg „verschleppen“. Luthers dortige Großtat war die Übersetzung des lateinischen Neuen Testaments ins Deutsche. Ob „Herzenslust“ oder „Perlen vor die Säue werfen“: Wir verwenden noch immer viele Wortbildungen und Redewendungen, die von Luther stammen.

Am 1. März 1522 verließ Luther endgültig die Wartburg. Bald stellten sich die ersten Verehrer des Reformators hier ein, um seinen als „Lutherstube“ berühmt gewordenen Arbeitsraum zu besichtigen. Großherzog Carl Alexander ließ die verfallene Burg im 19. Jahrhundert zum überkonfessionellen Nationaldenkmal ausbauen.

„Letztendlich ist das authentische Lutherbild dasjenige des gelehrten Mönchs, der vor 500 Jahren ein aus seiner Sicht dringliches theologisches Problem zur Dis­kussion stellte und damit Ent­wicklungen auslöste, die die Welt verändert haben“, resümiert der Schweizer Kurator Marc Höchner. Es passierte eben wie so häufig: kleine Ursache, große Wirkung. Ein paar Hammerschläge lösten einen Donnerschlag der Ge­schichte aus.

Luther! 95 Schätze – 95 Menschen, bis 5. November im Augusteum, Collegienstraße 54, Wittenberg, geöffnet Montag bis Freitag 9 bis 18 Uhr, Sonnabend, Sonntag 10 bis 16 Uhr, Eintritt: 

8 Euro, inklusive Lutherhaus mit Lutherstube 12 Euro. Telefon (03491) 4203171, Internet: www.martinluther.de. Der Katalog aus dem Hirmer Verlag kostet in der Ausstellung 29,90 Euro, im Buchhandel 39,90 Euro. Luther und die Deutschen, bis 5. November auf der Wartburg, Eisenach, geöffnet täglich 8.30 bis 17.30 Uhr (letzter Einlass), Schließung des Burgtors 20 Uhr, Eintritt: 12 Euro. Telefon (03691) 250220, Internet: www.wartburg.de und www. 3xhammer.de. Der Katalog kostet 29,95 Euro.