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27.10.17 / Nachdenklich stimmender Roman zum Thema Justiz

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 43-17 vom 27. Oktober 2017

Nachdenklich stimmender Roman zum Thema Justiz
Nike U. Breyer

Das Genre des Gerichtsdramas ist alles andere als neu. Kleists „Der zerbrochene Krug“ und sein „Michael Kohlhaas“ mit den darin gespiegelten Erfahrungen des Verfassers mit Recht und Gericht sind einschlägige Klassiker, ebenso das Königlich Bayerische Amtsgericht, das keineswegs immer so liebevoll lebensnah agierte, wie die Fernsehserie glauben machen möchte. 

Unzählige TV-Gerichtsserien und Krimis markieren ein dramatisch ausgiebig beackertes Feld. Aber ein Roman? Von Ingo Schulze stammt die Aussage über die „Buddenbrooks“ von Thomas Mann: „Wenn ich 600 Seiten als Schriftsteller zur Verfügung habe und der Leser danach immer noch nicht weiß, wie das Kaufmännische funktioniert, da bin ich als Schriftsteller gescheitert.“

Nehmen wir also mit Schulze das intime Kennenlernen eines gesellschaftlichen Subsystems als Qualitätskriterium, so ist der neue Roman „Justizpalast“ von Petra Morsbach ein literarisches Klein-od. Denn der Leser erfährt viel Grundsätzliches: Wie funktioniert das Gerichtswesen, was sind die Regeln – die geschriebenen und die ungeschriebenen –, was macht der jahrzehntelange Job mit dem Richter in der Gerechtigkeitsfabrik? Auch Richter fangen unerfahren an, haben Liebeskummer, durchleben Scheidungen, eine nicht ideale Kindheit, sind voreingenommen, müssen Rücksicht untereinander walten lassen, weil sie in unterschiedlichsten Funktionen immer wieder aufeinander treffen. Zudem gibt es fleißige und weniger emsige, begabtere und eher uninspirierte, dafür intrigante Exemplare. 

Morsbach porträtiert sie alle anhand einer Fülle von skizzierten Gerichtsfällen aus allen Lebensbereichen. Die Protagonistin Thirza ist Richterin in München. Die Eltern, ein Künstlerpaar, lassen sich früh scheiden und Thirza wächst bei heimatvertriebenen ostpreußischen Verwandten auf. Fleißig im Jurastudium baut sie das obligatorische Prädikatsexamen, um dann im Justizpalast die verschiedenen Kammern im Laufe der Berufsjahre kennenzulernen, nur kurz unterbrochen von einer Verwaltungstätigkeit im Justizministerium. Mit den Männern klappt es anfangs nicht so recht. Erst als sie einen eher unscheinbaren Rechtsanwalt trifft – als Schadensachbearbeiter in einer Versicherung eigentlich unter ihrem Niveau –, nimmt ihr Privatleben einen erfreulicheren Verlauf.

Stilistisch flott und leichtfüßig, mitunter ironisch und vor allen Dingen spannend setzt Morsbach das so leicht als dröge abgetane Thema in Szene. Selbst derbe Späße, von denen man nicht glaubte, dass vorsichtige Juristen dazu imstande seien, fehlen nicht. So wird einem lustlosen Richter, der nur noch Unterschriften leistet, von seinen Kollegen ein Todesurteil mit Begründung untergeschoben. Der lustlose Richter tappt in die Falle. Tröstlich immerhin, im Gericht hat die innere Kündigung auch ihre Grenzen. 

Grenzen erleben aber auch diejenigen, die bisher Glück hatten oder deren Vertrauen in die Rechtsschutzversicherung unbegrenzt war. Gerechtigkeit ist nicht Recht, und der Rechtsstaat, nun ja, klingt erst einmal gut. Überhaupt: Gibt es eigentlich Unrechtsstaaten? Motto: Wir haben einen Unrechtsstaat, und das ist gut so. Hier sind die Grenzen offenbar fließend. 

Noch so ein Erlebnis: Eine „Betrügerpersönlichkeit“ (Morsbach) intrigiert als Richter gegen Thirza, meldet sich dann krank und lässt sie mit einem angeklagten Betrüger allein. Da wird dem Leser schwindelig. Allein die schiere, ständig wachsende Masse immer komplexerer Rechtsauseinandersetzungen bedeutet eine schleichende Aushöhlung des Rechtsstaates, weil die Justiz keineswegs gewillt ist, das Personal anzupassen. Eher das Gegenteil ist der Fall. Der massive politische Einfluss auf Gerichtsverfahren, so sie „die ganz oben“ treffen, ist damit noch nicht einmal gemeint. 

Lehrreich auch das Porträt des „Magic Circle“, eine Handvoll englischer Spitzenkanzleien, die im Jahr jeweils über zwei Milliarden Umsatz machen und deren Spezialität darin zu bestehen scheint, mittels geschickter Ausnutzung nationalen, internationalen und EU-Rechts solche Rechts­ungetüme aufzubauen, dass schlechterdings vor Gericht nur noch Vergleiche möglich erscheinen – berechnend bereits auch so konzipiert, Verschleppung inklusive. Ein atemberaubender, nachdenklich stimmender Roman.

Petra Morsbach: „Justizpalast“, Knaus Verlag, München 2017, gebunden, 479 Seiten, 25 Euro