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15.12.17 / Preis für Inklusion und Immigration / Deutsche Viertklässler fallen bei den Leseleistungen im internationalen Vergleich zurück

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 50-17 vom 15. Dezember 2017

Preis für Inklusion und Immigration
Deutsche Viertklässler fallen bei den Leseleistungen im internationalen Vergleich zurück
Peter Entinger

Die Leseleistungen deutscher Viertklässler sind im internationalen Vergleich nur mittelmäßig. Beinahe jeder fünfte Grundschüler hat massive Probleme. Es gibt zwar mittlerweile mehr leistungsstarke, aber auch mehr leistungsschwache Schüler. Das geht aus der vierten Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) hervor, die in der vergangenen Woche vorgestellt wurde. 

Seit 2001 werden mit der Erhebung alle fünf Jahre die Leseleistungen von Viertklässlern gemessen: „Die Leistungen der Kinder hängen stark von ihrem Elternhaus ab, diese Zusammenhänge sind ja schon seit Längerem bekannt. Aber ich finde es bemerkenswert und auch tragisch, dass sich seit 2002 nichts daran geändert hat. Hier besteht doch dringend Handlungsbedarf“, erklärte die Studienautorin Heike Wendt vom Institut für Schulentwicklungsforschung der TU Dortmund gegenüber „Spiegel Online“. 

Mit der IGLU werden im Fünfjahresabstand das Leseverständnis der Schüler, ihre Einstellung zum Lesen und ihre Lesegewohnheiten un­tersucht. Im vergangenen Jahr nahmen insgesamt 47 Staaten und zehn Regionen teil. In Deutschland wurden knapp 4300 Schüler einbezogen. 

„Wir haben immer noch eine zu starke Abhängigkeit zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg. Darauf haben wir noch keine Antwort gefunden“, sagte Co-Autor Wilfried Bos gegenüber der Tageszeitung „Die Welt“ und fügte hinzu: „Es ist eine einzige Schande, dass wir unsere Kinder nicht zu dem Erfolg führen, der ihnen eigentlich angeboren ist.“ 

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) forderte mit Blick auf die Ergebnisse, deutlich mehr Geld in die Grundschulen und in gezielte Leseförderprogramme zu investieren. Zudem seien die Ganztagsangebote auszubauen. „Es ist alarmierend, wenn die Grundschule ihrem Anspruch, eine Schule für alle Kinder zu sein und Bildungsungerechtigkeiten abzubauen, immer weniger gerecht werden kann“, sagte das zuständige Vorstandsmitglied Ilka Hoffmann. Im EU-Durchschnitt investiere Deutschland besonders wenig Mittel in die Leseförderung, so moniert die GEW.

Kritik kam auch vom VBE-Verband Bildung und Erziehung, einem weiteren Lehrerverband. „Die Politik lenkt von ihrer Verantwortung ab, wenn sie sich nach internationalen Untersuchungen in pauschale Forderungen flüchtet, Deutschland müsse sich mehr anstrengen. Es ist unehrlich, wenn Politik sich hinstellt und die Ergebnisse beklagt, für die sie letztlich selbst verantwortlich ist. Solange wir in Deutschland nicht bereit sind, die Investitionen in den Bildungsbereich und insbesondere in den Primarbereich zu tätigen, die erforderlich sind, wird sich an den Ergebnissen nichts ändern“, erklärte der VBE-Vorsitzende Udo Beck-mann. 

Die nordrhein-westfälische Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) erklärte gegenüber den Zeitungen der Funke-Mediengruppe: „Deutschland befindet sich noch immer auf dem Standstreifen, und wir müssen noch einen Gang zulegen, um auf die Überholspur zu gelangen.“ Die FDP-Generalsekretärin Nicola Beer mahnte eine bessere Sprachförderung vor der Einschulung an. Kai Gehring, Bildungsexperte der Bundestagsfraktion der Grünen, schlug eine gemeinsame Bildungsoffensive von Bund, Ländern und Kommunen mit außerschulischen Partnern vor. „Die Leseförderung gehört im Land der Dichter und Denker endlich in den Mittelpunkt.“ Die Bundesvorsitzende der Linkspartei Katja Kipping führte die Ergebnisse auf eine vermeintliche soziale Ungleichheit zurück: „Statt alle Kinder so zu fördern, wie sie es brauchen, verschärft das Bildungssystem weiter die soziale Auslese“, sagte sie der Deutschen Presse Agentur. 

„In 2001 waren nur vier andere Länder besser als wir, mittlerweile sind es 20 Länder, die besser geworden sind als wir. Obwohl unsere Leistungen die gleichen sind. Wir müssen deswegen nicht in Sack und Asche tragen, 20 Länder sind aber an uns vorbeigezogen, das ist eine Menge und schwierig zu akzeptieren“, sagte Studienautor Bos. 

Bei den Leseleistungen erreichten die deutschen Viertklässler 2016 einen Mittelwert von 537 Punkten gegenüber 539 im Jahre 2001. Der internationale Mittelwert beträgt mit 521 Punkten 16 weniger. Die Studienautoren warnen daher auch vor Schwarzmalerei. „Vergleichbarkeit ist immer schwierig, das gilt ja schon für die einzelnen Bundesländer. Aber grundsätzlich sind unsere Standards hoch und sehr streng“, sagte Heike Wendt: „Die 20 Länder, die jetzt signifikant besser abgeschnitten haben als Deutschland, stehen einfach besser da, das kann man ohne schlechtes Gewissen sagen.“ 

Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Baden-Württembergs Ministerin für Kultus, Jugend und Sport Susanne Eisenmann, zeigte sich gegen­über dem Bayerischen Rundfunk „nicht vollkommen überrascht“. Andere Studien wie der IQB-Bildungstrend, bei dem die Leistungen der Bundesländer verglichen werden, kamen zuletzt zu ähnlichen Ergebnissen. „Insgesamt sind die Ergebnisse für Deutschland nicht wirklich positiv zu bewerten“, räumt Eisenmann ein. Angesichts dessen, dass andere Länder an Deutschland vorbeigezogen seien, sei Stagnation Rückschritt. Sowohl die fortschreitende Inklusion als auch die höhere Zahl von Kindern mit Immigrationshintergrund spiele bei den Ergebnissen eine Rolle.