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22.12.17 / Ab in den Urlaub! / Proppenvolle Strände, ein schillerndes Nachtleben ­– Das Bild vom total zerstörten Bürgerkriegsland Syrien ist falsch

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 51/52-17 vom 22. Dezember 2017

Ab in den Urlaub!
Proppenvolle Strände, ein schillerndes Nachtleben ­– Das Bild vom total zerstörten Bürgerkriegsland Syrien ist falsch
Ulrike Dobberthien

Nicht nur syrische Bürgerkriegsflüchtlinge entspannen regelmäßig in der Heimat, die sie doch angeblich in höchster Not verlassen mussten. Auch europäische Urlauber berichten aus Damaskus, Homs, Latakia oder Aleppo von geöffneten Museen, vollen Bars und Basaren.

Suchen Sie ein Ziel für den nächsten Urlaub? Einen weiten Sandstrand, flaches Wasser, entspanntes Sonnen im Bikini? Oder Bummeln durch eine der ältesten Städte der Welt? Dann machen Sie es wie die Syrer in Deutschland: Fliegen Sie nach Syrien in den Urlaub. Was unglaublich klingt, stellte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) bereits im September 2016 fest: Als „Flüchtling“ durch mindestens sechs sichere Länder nach Deutschland gereiste Syrer, inzwischen als Asylbewerber anerkannt, erholen sich regelmäßig in der Heimat, während sie in Deutschland Arbeitslosengeld II, also Hartz IV beziehen. Eine Sprecherin der Bundesagentur für Arbeit bestätigte: „Es gibt solche Fälle, aber wir führen keine Auswertung oder Statistik zu diesem Thema.“ Es wird noch unglaublicher: „Sollte ein Betreuer im Jobcenter von einer Reise etwa nach Syrien erfahren, darf er diese Information aufgrund des Datenschutzes nicht weitergeben, auch nicht an andere Behörden wie zum Beispiel die Ausländerbehörde.“ Der Obmann der Unionsfraktion im Innenausschuss des Bundestages, Armin Schuster (CDU), war damals wütend: „Wenn das stimmt, verschlägt es einem fast die Sprache.“ Ein Recht auf Asyl sei für solche Leute kaum vorstellbar, da die vorgebrachten Gründe offensichtlich gelogen seien. „Das muss Konsequenzen für den Aufenthalt nach sich ziehen.“

Das war 2016. Passiert ist seither – nichts. Ach doch: Westliche Journalisten machen sich auf, um mal vor Ort zu schauen, wie es denn in Syrien so aussieht. Einer von ihnen ist Frederik Pleitgen, Sohn des früheren WDR-Intendanten Fritz Pleitgen, der in diesem Jahr für den amerikanischen Fernsehsender CNN in einer Zwei-Minuten-Reportage über das Leben in der syrischen Mittelmeerstadt Latakia berichtete. Die Bilder waren unglaublich – und erinnerten so gar nicht daran, dass man in einem angeblich orientalischen, plattgebombten Land voller Lebensgefahr war: Gutgelaunte Syrer am proppenvollen Strand, die Männer in knappen Badehosen, die Frauen in Bikini oder Badeanzug, die Kinder mit Sonnenhütchen und Schwimmflügeln. Weit und breit weder Kopftücher noch Burkas noch „Burkinis“, also Ganzkörperpellen, die in Deutschlands Schwimmbädern neuerdings als Extrawurst für Moslems erlaubt sind. Sonnenbaden, plantschen im flachen Wasser, weiter draußen auf dem Meer vergnügte Jugendliche, die mit Jetskis durch die kabbeligen Wellen preschen.

„It’s a bizzare thing“, „es ist bizarr“, konstatiert dann auch Pleitgen, der zuvor aus den Regionen berichtet hatte, in denen der Islamische Staat von Syrien in Kooperation mit Russland systematisch bekämpft und vertrieben wurde. Nachts haben in Latakia die Clubs geöffnet. Frauen in knappen Minis, Männer in lässigen Hemden. Alle tanzen ausgelassen, ziehen an Wasserpfeifen, Drinks in der Hand. „Wir haben den Krieg satt. Wir wollen einfach unser Leben leben“, sagt Manaf Qadur, Eigentümer eines Clubs. „Es gibt einen Bedarf an Fröhlichkeit in diesem Land.” Fröhlich ist es. Und sicher. Keine Spur von bulligen Wachleuten, die inzwischen in Deutschland jede Disko vor zudringlichen Männern aus Syrien, Afghanistan, dem Irak oder Afrika schützen müssen, die stets Messer dabei haben und Frauen nur als Gegenstände zum Belästigen kennen.

Die syrische Reiseagentur „Syrian Travel“ wirbt mit Komplettpaketen für das „immer wunderschöne Syrien“; über das deutsche Reiseportal Holiday Check kann man Zimmer im Hotel Dar Al Kanadil in der Altstadt von Aleppo sowie im Almadinah City Hotel in Damaskus buchen. 

Dass auch für Individualtouristen Syrien wieder sicher und faszinierend ist, hat der Norweger Christian Lindgren erfahren, der im Internet den Blog „Unusual traveller“ (http://unusualtraveler.com /damascus/#) betreibt. Im Oktober dieses Jahres erhielt er ein Zehn-Tage-Touristenvisum für Syrien und besuchte auf eigene Faust, unterwegs per Bus und Taxi, Damaskus, Aleppo, Homs und die syrische Mittelmeerküste. Seine unzähligen Fotos und sein Syrien-Bericht sind faszinierend: Volle Straßen, gepflegte Plätze, dichtgepackte Basare; überall Menschen, Menschen, Menschen, Familien, Kinder, Singles; viele lässig westlich gekleidet, einige verschleierte Frauen. Die Bars sind voll, die Museen haben geöffnet, Ladenbesitzer freuen sich, dass der Tourismus wieder anläuft. Im ganzen Land gibt es Unmengen an Läden, die jeden Alkohol der Welt führen. „Als ich durch Damaskus streifte, konnte ich nicht glauben, dass in diesem Land mal Krieg geherrscht hat“, schreibt Lindgren. „In Homs läuft der Wiederaufbau auf Hochtouren. Ab und zu gibt es mal einen Checkpunkt mit Soldaten, aber man bemerkt ihn kaum. Ich habe mich zu jeder Tages- und Nachtzeit vollkommen sicher gefühlt; die Leute sind freundlich und herzlich.“

Ähnliches berichtet der Hamburger Schneidermeister Marco Glowatzki, der nach Syrien ausgewandert ist und von dort regelmäßig Videos über das Internet verbreitet. Er flaniert durch die Küstenstadt Tartous und erzählt von den dort in rasender Eile hochgezogenen Wohnblöcken für die syrischen Binnenflüchtlinge aus den einst vom IS kontrollierten Gebieten; von den zinslosen Krediten für den Wiederaufbau, die Assads Regierung denjenigen zur Verfügung stellt, deren Existenz vernichtet wurde; vom kostenlosen Gesundheitssystem für Krebspatienten.

Niemand in Syrien versteht, warum Syrer in Deutschland nicht zurückkehren. Und niemand in Syrien versteht, warum die deutsche Innenministerkonferenz gerade den Abschiebestopp nach Syrien bis Ende 2018 verlängert hat. Dafür hat Facebook reagiert: Es sperrte am 19. November das Konto von Glowatzki. Soll niemand merken, wie es wirklich in Syrien aussieht?