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16.02.18 / Vorlagenautor eines Antikriegsfilm-Klassikers / Zum Tode von Gregor Dorfmeister, Autor der Romane »Die Brücke«, »Das Urteil« und »Die Straße«

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 07-18 vom 16. Februar 2018

Vorlagenautor eines Antikriegsfilm-Klassikers
Zum Tode von Gregor Dorfmeister, Autor der Romane »Die Brücke«, »Das Urteil« und »Die Straße«
Jan Heitmann

Der Schriftsteller Gregor Dorfmeister ist am vorvergangenen Wochenende im Alter von 88 Jahren verstorben. Die wenigsten dürften mit seinem Namen oder mit seinem Pseudonym Manfred Gregor etwas anfangen können. Und nur wenigen mehr dürfte heute noch sein Hauptwerk, der autobiografische Roman „Die Brücke“, etwas sagen. Dessen Verfilmung aus dem Jahre 1959 hingegen kennen tatsächlich Millionen. Dieses cineastische Meisterwerk geht auch sechs Jahrzehnte nach seiner Entstehung unter die Haut.

April 1945: Deutschland in den letzten Kriegstagen. Eine Kleinstadt rüstet sich zum Endkampf. Sieben etwa 16 Jahre alte Schüler stehen kurz vor ihrer Einberufung zur Wehrmacht. Ganz im Geist der Zeit erzogen, können sie es kaum erwarten, ihren Beitrag zur Verteidigung des Vaterlandes zu leisten. Als die Einberufung schließlich kommt, sind die Jungen stolz, sich endlich wie ihre Väter, die an der Front oder bereits gefallen sind, „im Kampf bewähren“ zu können. Keiner der verzweifelten Erwachsenen traut sich, gegen den Einberufungsbefehl aufzubegehren. Nach einer nur eintägigen militärischen Ausbildung sollen die Freunde an die nahe Front geschickt werden.

Auf Bitten ihres Klassenlehrers kann der Kompaniechef den Bataillonskommandeur dazu bewegen, die Jungen aus dem Kampfgeschehen herauszuhalten. In der Annahme, dass es dort nie zu einem Gefecht kommen wird, gibt er ihnen den Befehl, unter der Führung eines väterlichen Unteroffiziers eine militärisch völlig unbedeutende und ohnehin zur Sprengung vorgesehene Brücke in ihrem Heimatort zur Verteidigung vorzubereiten.

Doch es kommt anders. Ihr Unteroffizier, der Verpflegung organisieren will, gerät mit der Feldgendarmerie aneinander und wird erschossen. Die Jungen sind auf sich allein gestellt. Vergeblich versuchen vorbeikommende Wehrmachtsoldaten, sie dazu zu bewegen, nach Hause zu gehen. Plötzlich tauchen feindliche Panzer an der Brücke auf. Obwohl sie keine Chance haben, nehmen die Jungen den Kampf gegen den in jeder Hinsicht überlegenen Gegner auf. Zunächst können sie sich behaupten, doch dann fällt einer nach dem anderen im feindlichen Feuer. Schließlich ziehen sich die US-Amerikaner zurück, und die Brücke wird von einem deutschen Sprengkommando planmäßig zerstört. Nur einer der Jungen überlebt das sinnlose Gefecht, vom grauenvollen Erlebten schwer gezeichnet.

Dieses Geschehen entspringt nicht Dorfmeisters Phantasie, sondern seinem eigenen Kriegserlebnis. Kurz vor Kriegsende wurde der am 7. März 1929 geborene Schüler zum Volkssturm eingezogen und gemeinsam mit Klassenkameraden nahe seiner oberbayerischen Heimatstadt Bad Tölz zur Verteidigung einer kleinen Brücke über die Loisach eingesetzt. Er überlebte als einziger. Was sich damals abspielte, schilderte er in seinem 1958 erschienenen Roman.

Dem Regisseur und Schauspieler Bernhard Wicki ist es gelungen, das darin geschilderte Geschehen im Jahr darauf mit beklemmender Eindringlichkeit auf die Leinwand zu bringen. Die Filmkritik ist sich bis heute einig, dass er einen der kompromisslosesten, härtesten und bittersten Antikriegsfilme geschaffen hat. In 105 Minuten zeigt er mit einer beeindruckenden Dramaturgie sowie stark affektiven Bildern den Wahnsinn und die Realität des Krieges und die Folgen eines durch die nationalsozialistische Erziehung fehlgeleiteten jugendlichen Idealismus. Dabei verzichtet er auf jedes Moralisieren und jegliche Heldenverklärung.

Drehort war der oberpfälzische Ort Cham. Um dem Film einen dokumentarischen Charakter zu verleihen, scheute Wicki bei der Ausstattung weder Kosten noch Mühen. Seine jugendlichen Schauspieler brachte er während der sechsmonatigen Drehzeit gelegentlich bis an den Rand der physischen und psychischen Erschöpfung. Mit harter Hand trieb er sie zu darstellerischer Perfektion und trug so zur hohen Authentizität des Films bei. Beispielsweise verteilte er Ohrfeigen, damit ihre Tränen echt wirkten, um sie anschließend zu loben und zu trösten.

Wicki verschaffte der Film mit einem Schlag internationale Anerkennung. Einige der Schauspieler wie Volker Lechtenbrink und Michael Hinz hatten in dem Film ihre erste Rolle überhaupt und legten mit ihm die Grundlage für ihre Karrieren. Für dieses leidenschaftliche Manifest gegen den Krieg wurden der Film und die Mitwirkenden mit allen bedeutenden nationalen Filmpreisen, dem Golden Globe Award und einer Oscar-Nominierung ausgezeichnet. „Die Brücke“ ist einer der mit Preisen meistdekorierten deutschen Spielfilme überhaupt. An Dorfmeister selbst ging das Rampenlicht allerdings vorbei, obwohl sein Roman die einzige Vorlage für das Drehbuch gewesen war und er auch daran mitgewirkt hatte. Finanziell fielen nur einige Tausend Mark für ihn ab.

Im Jahre 2008 wurde Dorfmeisters Roman ein zweites Mal verfilmt. Der Regisseur Wolfgang Panzer schuf jedoch kein Meisterstück, sondern ein hektisches Kriegsspektakel, das nicht einmal ansatzweise an Wickis Klassiker des cineastischen Pazifismus heranreichte und bei den Kritikern nur wenig Gnade fand. Das dürfte Dorfmeister jedoch ebenso wenig zu schaffen gemacht haben wie der von dem umtriebigen Vergangenheitsbewältiger Jan Philipp Reemtsma erhobene Vorwurf der Heroisierung der Wehrmacht. In Dorfmeisters Roman war eben nicht jeder deutsche Uniformierte ein Verbrecher, sondern er bemühte sich um eine differenzierte Darstellung der Charaktere.

Der studierte Theaterwissenschaftler und Journalist blieb seiner Heimatstadt sein Leben lang treu. Fast 30 Jahre lang war er Redaktionsleiter des „Tölzer Kurier“, einer Lokalausgabe der Tageszeitung „Münchner Merkur“. In seiner Freizeit engagierte er sich bis zuletzt in der Behindertenarbeit, was er noch kurz vor seinem Tod als seinen wahren Lebensinhalt bezeichnete. Daneben schrieb er noch die beiden Romane „Die Straße“ und „Das Urteil“. „Das Urteil“ handelt von einem Vergewaltigungsprozess gegen einen Soldaten der amerikanischen Besatzungstruppen in einer süddeutschen Kleinstadt und wurde unter dem Titel „Stadt ohne Mitleid“ mit vielen bekannten Schauspielern, darunter den Weltstars Kirk Douglas und Christine Kaufmann, verfilmt. Der große Durchbruch als Schriftsteller blieb Dorfmeister allerdings verwehrt, obwohl allein „Die Brücke“ nach der ersten Verfilmung eine Millionenauflage erzielte und in über 20 Sprachen übersetzt wurde.