15.04.2024

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
16.02.18 / Kalifat der dunklen Geheimnisse / Der Islamische Staat scheint am Ende – Ein Rückblick auf eine blutrünstige Terrororganisation, bei der nichts so ist, wie es scheint

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 07-18 vom 16. Februar 2018

Kalifat der dunklen Geheimnisse
Der Islamische Staat scheint am Ende – Ein Rückblick auf eine blutrünstige Terrororganisation, bei der nichts so ist, wie es scheint
Dirk Pelster

Seine Schergen mordeten von Berlin bis Ottawa, von Istanbul bis Paris. Wahllos wurden Männer, Frauen oder Kinder getötet. Der Islamische Staat ist ein abscheuliches Gebilde aus Glaubenswahn, Mordlust und Hass, Jetzt scheint er endlich am Ende. Die Fragen aber bleiben: Wer steht eigentlich wirklich hinter dieser Organisation?

Die Herrschaft des Islamischen Staates (IS) in Syrien und im Irak neigt sich ihrem Ende entgegen. Es sind nur noch wenige, meist dünn besiedelte Wüstengebiete, die seine Kämpfer kontrollieren. Zwar sind der IS und seine Ableger weiterhin in anderen Weltgegenden, wie etwa in Afghanistan, Nigeria und Libyen, aktiv. Offen bleibt nach dem militärischen Zusammenbruch im Herzland aber die Frage, ob und inwieweit die bewaffneten Dschihadisten noch zentral koordiniert und befehligt werden. 

Zudem wurden wichtige Anführer in den letzten Jahren getötet. Auch der selbsternannte Kalif des IS, Abu Bakr al-Baghdadi, soll nach iranischen und russischen Regierungsquellen im Mai 2017 bei einem Luftangriff getötet worden sein. Allerdings veröffentlichte der IS im September desselben Jahres eine Audiobotschaft, die von Al Baghdadi stammen soll. Der Sprecher geht auf aktuelle Ereignisse ein, die definitiv erst nach der vermeintlichen Tötung stattgefunden haben. Ob der Terrorkalif tot oder noch am leben ist, bleibt ungewiss wie so vieles in der Geschichte dieser merkwürdigen  staatsähnlichen Terrororganisation.

Ein Blick zurück: Im Oktober 2006 schließen sich im Irak verschiedene dschihadistische Gruppen zum Islamischen Staat zusammen. Die Schwäche der irakischen Zentralregierung unter Ministerpräsident Nuri al-Maliki lässt sie immer weiter erstarken. Als 2011 der Bürgerkrieg im Nachbarland Syrien ausbricht, verliert dort die Regierung von Präsident Baschar al-Assad ebenfalls relativ rasch den Einfluss auf große Teile ihres Staatsgebietes. Hauptgegner ist zunächst die vom Westen unterstützte Freie Syrische Armee (FSA). Sie setzt sich überwiegend aus Deserteuren der regulären Streitkräfte zusammen. Da die FSA und andere bewaffnete Oppositionskräfte die Auseinandersetzung mit der Regierung rein militärisch führen, vernachlässigen sie die Versorgung der Bevölkerung in den von ihnen besetzten Provinzen. In diese Lücke stoßen dschihadistische Gruppen vor, die sich wenig später dem IS anschließen.

Sie beschränken sich nicht auf den Einsatz von Gewalt, sondern üben dort, wo sie die Macht haben, eine ordnende Funktion aus. Tatsächlich wird der IS damit zu einer Art Staat. Im Juni 2014 proklamieren seine Führer schließlich auch offiziell ihr Kalifat – verhalten sich aber völlig kontraproduktiv. Obwohl die Rahmenbedingungen angesichts der damaligen Schwäche der irakischen und syrischen Regierung sowie der sonstigen geopolitischen Lage ausgesprochen günstig sind, scheint die Führung des IS merkwürdigerweise nicht besonders interessiert, ihre Herrschaft zu konsolidieren. Die allahgläubige Terrortruppe veröffentlicht weltweit Videos, die bestialische Morde an der im „Kalifat“ lebenden Bevölkerung, aber auch an ausländischen Geiseln zeigen.

Dies muss zwangsläufig die relevanten Großmächte auf den Plan rufen. Besonders bekannt wird ein Video, das angeblich die Enthauptung des US-Journalisten James Foley zeigen soll. Die Echtheit der Aufnahmen wird nicht nur im Internet kontrovers diskutiert, auch britische Forensiker kommen zu dem Schluss, dass es sich hier um eine Fälschung handelte. 

Dem als Falke geltenden US-Senator John McCain kommen die Aufnahmen aber gerade recht. Er fordert umgehend militärische Schläge gegen den IS. Die Obama-Regierung kommt dem nach und reagiert mit Luftangriffen. Zum ersten Mal nach dem Abzug ihrer Truppen aus dem Irak sind die USA damit in der Region wieder militärisch engagiert. Kaum ein Jahr später bereist McCain die Ukraine. Dabei soll einem seiner Mitarbeiter ein USB-Stick entwendet worden sein, auf dem sich verstörende Bilder befinden. Das schließlich von der russischen Hackergruppe „Cyber Berkut“ veröffentlichte Video zeigte ein professionelles Filmset, auf dem die Hinrichtung Foleys durch einen Schauspieler offensichtlich nur inszeniert wurde.

Ein weiterer undurchsichtiger Akteur in dem Konflikt ist Israel. Schon 2015 gibt es verschiedene Medienberichte, dass in dem auf Kriegsverletzungen spezialisierten Ziv Medical Center im nordisraelischen Safed insgesamt mehrere tausend Aufständische, darunter auch IS-Kämpfer, ärztlich versorgt werden. An der 2014 gegründeten Internationalen Allianz gegen den IS hat die Regierung Netanjahu sich nie beteiligt, obwohl ihr mittlerweile auch Staaten wie die Türkei oder Saudi-Arabien, angehören, die lange im Verdacht standen, die Aktivitäten des IS unterstützt oder zumindest geduldet zu haben. Ein bemerkenswerter Umstand ist auch, dass der IS sich in seinen offiziellen Verlautbarungen einer dezidiert antiisraelischen Rhetorik stets enthoben hat, obwohl dies bei islamischen Fundamentalisten ansonsten seit jeher zum guten Ton gehört.

Ungeklärt ist zudem nach wie vor die Finanzierung des Terroristenstaates. Der ihm unterstellte Verkauf von erbeutetem Rohöl mag möglicherweise ausgereicht haben, sich für einige Wochen über Wasser halten zu können, jedoch konnte der IS die entsprechenden Förderanlagen sowie die notwendige Transportinfrastruktur nicht lange aus eigener Kraft aufrechterhalten. Die ihm zugeschriebenen wohlhabenden Gönner aus der Golfregion können für seinen Reichtum ebenso keine hinreichende Erklärung bieten, denn selbst, wenn der IS über die ihm angedichteten sagenhaften Geldmittel verfügt hat, so hätte er aufgrund seiner isolierten Lage und ohne die Mitwirkung anderer Staaten hiervon kaum in nennenswertem Umfang die erforderlichen Anschaffungen tätigen können. 

Ähnliches gilt für seine Kommunikation. Aufgrund der gekappten Telefonleitungen und des unterbrochenen Mobilfunknetzes im IS-Gebiet wäre eine zeitnahe Kontaktaufnahme mit der Außenwelt eigentlich kaum möglich gewesen. Insbesondere hätten sich die dem IS zugerechneten Anschläge in aller Welt auf diesem Wege nur schwer koordinieren lassen. 

Irritierend ist weiterhin der Fakt, dass er einerseits mehrfach sämtliche Muslime der Erde dazu aufgefordert hat, sich innerhalb seiner Grenzen niederzulassen, um beim Aufbau des Kalifats zu helfen und um dringend benötigte Kämpfer rekrutieren zu können. Andererseits soll er hunderte Schläfer über den gesamten Globus gesandt haben, die ihm bei der Verteidigung seines Herzlandes fehlen und die durch ihre Attacken nur noch zusätzliche Staaten gegen ihn aufbringen. Dieses irrationale Verhalten erscheint selbst mit einem – zweifelsohne vorhandenen – hohen Maß an religiösem Fanatismus kaum noch zu erklären sein. Diese und viele weitere Fragen harren nach wie vor ihrer Klärung.



Was Donald Trump vermutete

Schon im Sommer 2016 beschuldigte der damalige Präsidentschafskandidat Donald Trump den amtierenden US-Präsidenten Obama und seine demokratische Gegenkandidatin Hillary Clinton den IS absichtlich erschaffen zu haben. Trump nahestehende Berater und Medien stützten sich auf diese Fakten: 

– Im Dezember 2012 erklärte Obama, dass er allein die syrischepposition und nicht mehr die Regierung Assad als legitimen Repräsentanten des syrischen Volkes betrachte.

– Bereits im August 2012 lag der US-Regierung ein mittlerweile veröffentlichter Geheimdienstbericht vor, der klar zu der Einschätzung kam, dass der Aufstand gegen die syrische Regierung mittlerweile überwiegend von der Vorläuferorganisation des IS getragen wird.

– Ebenfalls im August 2012 deckten die USA Waffenlieferungen aus ehemaligen Beständen des Gaddafi-Regimes an die syrische Opposition, anscheinend also wohl wissend, dass sie extremstische Moslems aufrüsteten.

– Nach einem angeblichen Giftgasangriff durch die syrische Regierung in Ghuta im August 2013 lieferten die USA nun auch eigene Waffen an die Rebellen.