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16.02.18 / Wie Neutronen im Kopf Glücksgefühle beeinflussen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 07-18 vom 16. Februar 2018

Wie Neutronen im Kopf Glücksgefühle beeinflussen
Dagmar Jestrzemski

Es ist bemerkenswert, dass die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776 das „gottgegebene Streben des Menschen nach Glück“ erwähnt. An dieses Streben knüpft die Werbeindustrie seit über 100 Jahren mit ihren Glücksversprechen an. Im Gehirn befindet sich bekanntlich die biochemische Fabrik für unsere Gefühle. Welches Zusammenspiel von Hormonen und Neuronen im Gehirn in Gang gesetzt wird, wenn man sich mit dem Kauf eines Produktes einen Wunsch erfüllt, erklärt der klinische Neurologe und Sachbuchautor Christof Kessler anschaulich in seinem Buch „Glücksgefühle. Wie Glück im Gehirn entsteht und andere erstaunliche Erkenntnisse der Hirnforschung“. Anhand von Fallgeschichten bringt der Autor dem Leser die Grundlagen der neurologischen Glücksforschung auf unterhaltsame Weise nahe. 

Im Hirnstamm finden die ausschlaggebenden biochemischen Vorgänge statt, denn dort befinden sich Kerngebiete, die für unser seelisches Gleichgewicht außerordentlich wichtig sind. So steht hinter der Jagd nach Schnäppchen der unbewusste Drang, immer wieder eine Ausschüttung des Glückshormons Dopamin im Nucleus accumbus auszulösen, einem Areal im unteren Vorderhirn. 

Vererbung spiele im Hinblick darauf, ob bei einem Menschen das Glas eher halbvoll oder halbleer ist, durchaus eine Rolle, so Kessler. Studien hätten aber gezeigt, dass es immer auch in der Hand des Einzelnen liege, bestimmte Verhaltensstrategien zu entwickeln, um angestauten Stress abzubauen. Was überaus sinnvoll ist, denn Stress und Ärger verhindern die Ausschüttung der Glückshormone Serotonin und Dopamin. Letzteres gilt auch für ungesunde Ernährung. Übersüßte und fettreiche Fertignahrung mache nicht nur dick, sondern auch depressiv und könne sogar zum Untergang von Hirnzellen führen. Wie immer und überall komme es auf die Dosis an, betont der Autor. 

Drogen bezeichnet er als 

„Glücksfälscher“, denn sie wirken vieltausendfach stärker auf unser Belohnungs- und Motivationssystem als „normale“ Auslöser wie beispielsweise Sex. Die euphorischen Zustände des Rausches nehmen Drogenkonsumenten als „ultimative Glücksgaranten“ wahr, und genau das sei die Krux. Außerdem müsse die Menge des Rauschmittels immer weiter erhöht werden, um die erhoffte Wirkung zu erzielen. So werde die Gesundheit zerstört. 

Am besten sei es, einen kontinuierlichen Zustand von Zufriedenheit zu erreichen, meint der Fachmann und liegt damit auf einer Linie mit Phi-losophen und Psychologen. Körperliche Ertüchtigung, gesunde Ernährung und auch Meditation nennt Kessler in diesem Zusammenhang als wichtige Komponenten. Soziologische Aspekte werden in dem Buch nicht behandelt, und auch als Ratgeber im engeren Sinne ist es nicht geeignet. Spannend ist dieser Blick in die Welt der 80 Milliarden Neuronen im Kopf jedoch allemal. Schließlich ist das Streben nach Glück eines der großen Menschheitsthemen. 

Christof Kessler: „Glücksgefühle. Wie Glück im Gehirn entsteht und andere erstaunliche Erkenntnisse der Hirnforschung“, C. Bertelsmann Verlag, München 2017, gebunden, 384 Seiten, 22 Euro