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23.02.18 / Steindamm erstrahlt im »Hansestil« / Königsberg ist auf die Fußball-WM vorbereitet – Viele Bürger fühlen sich übergangen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 08-18 vom 23. Februar 2018

Steindamm erstrahlt im »Hansestil«
Königsberg ist auf die Fußball-WM vorbereitet – Viele Bürger fühlen sich übergangen
Jurij Tschernyschew

Aus Anlass der bevorstehenden Fußball-WM wurden die Häuser auf dem Steindamm [Leninskij prospekt] historisierend verändert. Die im „Hansestil“ vorgenommenen Fassadenerneuerungen finden nicht bei allen Russen Gefallen.

Die sogenannten Chruschtschowki (Häuser aus der Ära Chruschtschow) wurden für die Fußball-WM im Hansestil verschönert. Sie erlangten dadurch bereits in ganz Russland Bekanntheit und lösten unterschiedliche Reaktionen sowohl bei den Einwohnern der Stadt als auch bei Architekten aus. 

Die Konzeption für die äußere Umgestaltung der Häuser hatte das Moskauer Architektur-Institut ausgearbeitet. Die Gebäude, die in das Umgestaltungsprogramm fielen, sollten in dem gleichen Stil bearbeitet werden, wie er bereits bei der Fassadenerneuerung von drei anderen Chruschtschowki erfolgt war. Die Dächer der ersten Häuser zieren Giebel und Dekorationselemente. Ebenso erneuerte der beauftragte Bauunternehmer die Wände und Fensteröffnungen der Häuser.

Viele fragten sich, warum das Konzept nur von einem einzigen Entwickler entworfen wurde. Die Leiterin des Regionalen Fonds für Grundsanierungen, der die Renovierung der Chruschtschowki beaufsichtigt, Oksana Ostachowa, sagte, dass es zu nichts Gutem geführt hätte, wenn jeder seine Gedanken und Ideen hätte vorbringen können: „Heute gibt es einen einheitlichen Stil, den des Bauhauses gemeinsam mit der Gotik und Elementen des Hansestils.“ Um zu sparen, habe man sich entschlossen, weniger teure Materialien zu verwenden. Wurden für die ersten renovierten Häuser noch Klinkerfliesen verwendet, so wurden die nachfolgenden meist mit Steinwolle verkleidet. Für die Renovierung aller Häuser wurden umgerechnet knapp drei Millionen Euro eingeplant. Zuletzt wurden noch knapp 800000 Euro nachgeschoben.

Probleme bereitete dem Regionalen Fonds für Grundsanierung,  dass die Eigentümer der Wohnungen sich weigerten, auf ihre verglasten Balkons zu verzichten. Astachowa hatte zwar geglaubt, dass die Eigentümer der zwölf weiteren Häuser der Fassadenvariante ohne Balkons zustimmen würden, wenn sie erst sähen, wie schön die ersten Häuser aussähen. Doch die „Schönheit“ der Erneuerungen überzeugte die Bewohner nicht.

Eine von ihnen, Natalja Sacharowa beispielsweise, zog vor Gericht, um ihr Recht auf die Verglasung zu erstreiten. Sie argumentierte, das Glas auf dem Balkon schütze sie vor dem Verkehrslärm. Doch Gerichtsvollzieher und Vertreter der Stadtverwaltung kamen schnell mit der Entscheidung des erstinstanzlichen Gerichts zu ihr und verlangten, den Balkon innerhalb von sieben Tagen nach dem Tag des Inkrafttretens der Entscheidung zu demontieren. 

Die Bewohner der Häuser beklagen, dass die erneuerten Fassaden nicht mit den heruntergekommenen Treppen und dem allgemeinen Zustand ihres Hauses übereinstimmten. Durch die Installation von dekorativen Elementen auf den Dächern der Häuser seien die Decken der darunterliegenden Wohnungen beschädigt worden, sodass Wasser  eindringe und die Bewohner gezwungen seien, Eimer aufzustellen, um weitere Wasserschäden zu verhindern. 

Solche Geschichten haben sich auch in anderen Häusern auf dem Steindamm ereignet, deren Fassaden anlässlich der Fußball-WM erneuert wurden. Bei einem Haus wurde die Dachabdeckung entfernt, und man ließ es offen, ohne es hermetisch abzudichten, wie es eigentlich erforderlich ist. Das Wetter war in Königsberg im Herbst und Winter regnerisch. Deswegen verbrachten viele Bewohner den Jahreswechsel in ziemlich feuchten Wohnungen und teilweise im Dunkeln, weil sie das Licht nicht einschalteten, aus Angst vor Kurzschlüssen.  

Die Fassadenerneuerung sollte eigentlich im September abgeschlossen sein, doch die Arbeiten zogen sich bis zum neuen Jahr hin. Erst Anfang Februar wurden die Baugerüste von allen renovierten Häusern entfernt. Jetzt erstrahlt die Hauptstraße der Stadt mit verschiedenfarbigen Fassaden und mit hohen verzierten Giebeln in neuem Glanz. Dennoch waren viele Bewohner des Steindamms gegen eine Verwandlung ihrer Häuser im „Hansestil“. Einige Wohnungseigentümer haben den vereinbarten Veränderungen zum Trotz ihre Balkone wie bisher verglast belassen. 

Nach Ansicht der Stadtregierung ist der Steindamm nun bestens vorbereitet für die Fußball-WM.