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23.02.18 / Unterwegs mit der eigenen Hütte / Die einen leben auf großem Fuß, die anderen in winzigen Häusern – Sogenannte Tiny Houses sparen Geld und sind mobil zugleich

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 08-18 vom 23. Februar 2018

Unterwegs mit der eigenen Hütte
Die einen leben auf großem Fuß, die anderen in winzigen Häusern – Sogenannte Tiny Houses sparen Geld und sind mobil zugleich
Nils Aschenbeck

Eigentlich kennen wir in unserer Konsumgesellschaft das Verlangen nach Größe. Ein neues Automodell ist meist größer als die Vorgängerversion – sonst wären die Kunden unzufrieden. Wohnungen und Häuser, die neu gekauft oder angemietet werden, sollen größer sein als die aufgegebenen Behausungen – sonst lassen sich die über Jahre angehäuften Dinge nicht unterbringen. Größenwachstum ist ein Ausdruck des zunehmenden Wohlstandes jedes Einzelnen. 

Unter diesen Voraussetzungen scheint es paradox, dass „Tiny Houses“ – auf Deutsch: winzige Häuser – seit etwa zwei Jahrzehnten im Ge­spräch sind und immer nachgefragter werden. Tiny Houses sind, wenn man auf eine Bildersuche im Internet geht, geschrumpfte Landhäuser, putzige Schachteln mit Giebeln, Veranden und Erkern auf kleinstem Raum.

Wie so viele Moden entstand die Tiny-House-Bewegung in den Vereinigten Staaten. Gerade nach der Finanzkrise von 2008, die vor allem hoch verschuldete Immobilienbesitzer traf, waren Kleinst­häuser, die man sich womöglich ohne Kredit leisten konnte, begehrt. 

Tiny Houses sind aber mehr als nur ein günstige Lösung des Wohnproblems, sie gelten auch als eine moralische Alternative zu den 200-Quadratmeter-Häusern, in denen oftmals nur zwei oder drei Personen leben. Sich be­schränken, mit wenig Raum auskommen, wenig Ressourcen verschwenden – das galt und gilt als die vermeintlich bessere Lebensführung der Zukunft.  

Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts hatte der US-Schriftsteller und Philosoph Henry David Thoreau über das sinnlose Anhäufen von Besitz geschrieben, das ihn anwiderte. In seinem Hauptwerk „Walden oder Leben in den Wäldern“ schilderte er den eigenhändigen Bau einer kleinen Holzhütte im Wald, die voll und ganz seine Bedürfnisse befriedigen konnte. Thoreau zeigte den Amerikanern schon vor über 150 Jahren die Möglichkeit eines alternativen Lebens und die Schönheit der Askese. Sein Aussteigerbuch „Walden“ wurde in den USA selbst ein Heiligtum, es gehört bis heute zu den wichtigsten Werken der amerikanischen Literatur. 

Die modernen Tiny Houses stehen ganz in der Walden-Tradition und bemühen sich, im so konsumorientierten und geldabhängigen 21. Jahrhundert eine glaubwürdige Alternative zu sein.

Während Thoreau seine Hütte in einen Wald stellte – unverrück­bar und nur an diesem Ort vorstellbar – stellen die meisten Besitzer von Tiny Houses ihre Hütte auf einen Anhänger. Sie wollen mobil sein, wollen das asketische Leben mit wechselnden großartigen, womöglich erhabenen Naturbildern verbinden. Das Walden-Gefühl sollte reproduzierbar werden – an vielen Orten der USA und inzwischen längst auch in Europa. 

Von Wohn-Mobilisten und Campern hingegen grenzen sich die Tiny-House-Fans ab. Sie wollen sich nicht einpassen lassen in die eingeschliffenen Konventionen der Camper, sie wollen nicht auf Zeltplätzen eine Nummer neben vielen anderen sein, sie wollen nicht auf Wohnmobil-Stellplätzen stehen und dafür bei der Gemeinde eine aus ihrer Sicht hohe Gebühr zahlen. 

Tiny-House-Besitzer betonen ihre Individualität – und träumen von einsamen Naturgrundstükken, auf die sie ihr Minihaus stellen. Sie sind so sehr Individualisten in ihrem Denken, dass ihnen die Vorstellung, alle würden mit ihren Tiny-Häusern in die Natur ziehen und diese verstellen, gar nicht in den Sinn kommt.

Tatsächlich wird es in Deutschland wohl auch nie ein Problem mit der Ausbreitung von Kleinst­häusern geben – die deutsche Bauordnung steht dem entgegen. Während man sich in den USA nicht so sehr mit Baurecht und Wasser- wie Abwasseranschlüssen herumärgern muss, erweist sich in Deutschland die Genehmigung eines Minihauses als ein mühevolles und bürokratisches Unterfangen. Das mag der Grund dafür sein, dass man im Internet Hunderte wunderschöne Kleinst­häuser entdecken kann, dass sie sich im richtigen Leben jedoch noch rarmachen, nur gelegentlich als Ferienhäuser auf rückwärtigen Gartengrundstücken zu entdecken sind.

Immerhin haben sich eine Reihe von Tischlereien in Deutschland darauf spezialisiert, komplette Kleinsthäuser zu erstellen, inklusive Innenausstattung. Der Käufer kann von einfachen Varianten mit sechs Quadratmetern Wohnfläche bis hin zu voll ausgestatteten Häusern mit Schlafzimmer im Dachgeschoss wählen. Die Preise beginnen bei wenigen zehntausend Euro, während nach oben kaum Grenzen gesetzt sind.

Der Wunsch, asketisch, mobil und vielleicht auch irgendwie provisorisch zu leben, gehorcht auch in Deutschland eben nicht der Not. Es sind weniger Studenten und verarmte Großstädter, die mit den kleinen Häusern liebäugeln. Vielmehr begeistern sich gut verdienende Angestellte und nicht zuletzt Führungskräfte für die minimalistische Architektur. In einer Zeit der Patchwork-Familien, der gebrochenen Biografien und der regelmäßig berufsbedingt vollzogenen Wohnortwechsel er­scheint ein provisorisches, rasch abzubrechendes und abzubauendes Wohnen ganz zeitgemäß. Um diesem Lebensgefühl einen Ausdruck zu geben, wählen manche das Minihaus. Andere interessieren sich für Wohnungen in ehemaligen See-Containern oder liebäugeln mit Baumhäusern. Dutzende Baumhaus-Hotels oder Baumhaus-Ferienwohnungen bieten Neugierigen die Möglichkeit, sich für ein paar Nächte auf das Leben mit immer weniger einzulassen. Bei Bad Zwischenahn wartet ein „Baumhaus Resort“ auf Gäste, und im Allgäu verspricht ein Hotelbetreiber, dass den in den Baumhäusern untergebrachten Reisenden jeden Morgen das Frühstück zwischen den Baumwipfeln serviert wird. 

Man muss nur Stichworte wie Baumhaus, Tiny House, Minihaus oder Containerarchitektur im Netz eingeben: Unzählige Internetseiten zu den kleinen und winzigen Wohnhäusern aus Holz und Stahlblech beweisen, dass das Interesse am neuen asketischen Wohnen auch in Deutschland rasant wächst. Man spart Platz und Miete.