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23.02.18 / Russland und die Ukraine im Laufe der Geschichte

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 08-18 vom 23. Februar 2018

Russland und die Ukraine im Laufe der Geschichte
Dirk Klose

Im Februar 1918 wurde die Ukraine zum zweiten Mal in ihrer Geschichte ein unabhängiger Staat. Im Friedensvertrag von Brest-Litowsk musste das sowjetische Russland den harten Bedingungen der deutschen Sieger zustimmen und alle Völker an seiner westlichen Grenze freigeben. Bis auf die drei baltischen Staaten  und Finnland machten das die Bolschewiki mit brutaler Gewalt wieder rückgängig, auch die Ukraine wurde Teil der jungen Sowjetunion. Für die Russen eine Selbstverständlichkeit: Russland, schreibt der emeritierte Wiener Osteuropahistoriker Andreas Kappeler, habe die Ukraine „bis heute nicht als eigenständige Nation akzeptiert, sondern betrachtet sie als Teil der sogenannten russischen Welt“.

D er Verlag konnte mit Kappeler keinen Besseren finden, um die Beziehungen zwischen Russen und Ukrainern durch die Jahrhunderte zu beschreiben. Das Bild der „ungleichen Brüder“ ist durchaus zutreffend: Der große Bruder fühlt sich für den kleineren verantwortlich, duldet aber nicht die geringste Eigenmächtigkeit des jüngeren. Das geht – man muss es so banal sagen – einfach nicht in seinem Kopf, der Kleine hat zu parieren. Und so war es denn auch seit gut 400 Jahren; im frühen 19. Jahrhundert umwehte die Ukraine aus romantisch-folkloristischen Gründen noch ein deutliches Wohlwollen. Das änderte sich abrupt, als nationalistische Strömungen auf Unabhängigkeit von Russland zielten. 

Als gemeinsamen Ursprung sehen beide Völker die Kiewer Rus. Aber Kiew, das zeigt Kappeler sehr deutlich, war unter den in der Rus zusammengeschlossenen Fürstentümern allenfalls primus inter pares: Ein ebenso bedeutendes Zentrum war Nowgorod in Nordwestrussland. Zwei ganz unterschiedliche Entwicklungen trennten bald Russen und Ukrainer: Während sich die Russen in jahrzehntelangen Kämpfen gegen die Mongolen wieder befreiten und dabei in Form des Zarentums eine Zentralgewalt in Moskau entstand, stand die ukrainische Region von den Karpaten bis zur Krim lange unter polnisch-litauischer Herrschaft.  

Nur einmal gelang ihr der Sprung in die Selbstständigkeit, als sich die bedeutendsten Kosakenstämme an Dnjepr und Don unter ihren Führern, den „Hetmanen“, vereinigten und einen eigenen Staat – das sogenannte Hetmanat – bilden konnten. Aber als sie in ihren Kämpfen gegen Polen den Zaren in Moskau um Hilfe baten, war das der Anfang vom Ende. Unerwartet schnell, wohl auch wegen der Tatkraft der russischen Herrscher seit Peter dem Großen, sank die Ukraine zu einer Teilregion des Russischen Reiches herab. Heute zählt das freie Hetmanat in der Ukraine als das goldene Zeitalter, nicht zuletzt wegen seiner liberalen Gesellschaftsordnung, die so vorteilhaft von der russischen Despotie abstach.

Für alle Völker in der Sowjet-union war die Stalinzeit eine Schreckenszeit. Die Ukraine traf es wegen ihrer wichtigen Funktionen für die UdSSR (Getreidekammer, Hort der Schwerindustrie) besonders hart. Jede Abweichung von der Parteilinie wurde blutig unterdrückt. Die furchtbare Hungersnot Anfang der 1930er Jahre, der Millionen von Menschen zum Opfer fielen, ist als „Holodomor“ (Völkermord durch Aushungern) in die Geschichte eingegangen. Im Zweiten Weltkrieg riss der von Stalin ausgerufene Patriotismus gegen die Deutschen auch die Ukraine mit. Gedankt wurde es ihr nicht.

Kappeler verwendet am Ende viel Raum auf die heutigen Bezeihungen zwischen Russland und der seit 1991 unabhängigen Ukraine. Russland habe sich mit deren Unabhängigkeit nicht abgefunden und werde es, davon müsse man ausgehen, auch künftig nicht tun. Das zeigten die Besetzung der Krim und der unerklärte Krieg im Donezbecken im Osten des Landes, die auf eine andauernde Destabilisierung der Ukraine zielten. Die Ukraine brauche die moralische und materielle Unterstützung Europas, allein stehe sie auf verlorenem Posten. Der Frieden in der Region werde, so Kappeler, erst dann möglich ein, wenn Russland die Ukraine als eigenständigen und gleichberechtigten Partner anerkenne, „wenn es also seine Rolle als großer Bruder aufgibt“. Nach der Lektüre dieses materialreichen und höchst lesenswerten Buches kann man das allerdings einfach nicht glauben.

Andreas Kappeler: „Ungleiche Brüder. Russen und Ukrainer vom Mittelalter bis zur Gegenwart“, C.H. Beck Verlag, München 2017, broschiert, 267 Seiten,  16,95 Euro