12.08.2022

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06.04.18 / »Monument-Pferde« für den Kaiser / Wilhelm II. brauchte wegen seiner Behinderung besondere Rösser, und Otto Lörke bildete sie heran

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 14-18 vom 06. April 2018

»Monument-Pferde« für den Kaiser
Wilhelm II. brauchte wegen seiner Behinderung besondere Rösser, und Otto Lörke bildete sie heran
Sibylle Luise Binder

Als wenn der kleine Prinz es geahnt hätte, dass sein Leben kein Zuckerschlecken werden würde, und er deswegen an diesem 27. Januar 1859 in Berlin nicht auf die Welt hätte kommen wollen: Der spätere dritte Deutsche Kaiser lag falsch herum in seiner Mutter, musste erst gedreht und dann mit einiger Gewalt ins Leben gezerrt werden. Dabei wurde sein rechter Arm erheblich geschädigt.

Das wäre bei jedem Kind schlimm gewesen. Beim Prinzen Wilhelm von Preußen, dem ersten Enkel von Kaiser Wilhelm I. und der Queen Victoria von England, war es mehr. Wie sollte der behinderte Junge einmal als Deutscher Kaiser, König von Preußen und oberster Feldherr eine Armee vom Sattel aus führen? Wie sollte er dem damaligen Ideal eines Führers und Offiziersideal gerecht werden?

Die Mutter, die erst 19 Jahre alte britische Princess Royal und preußische Kronprinzessin Victoria, war am Boden zerstört. Sie fremdelte in Berlin und wurde wegen ihres Herkommens aus dem liberalen Großbritannien nicht nur von Otto von Bismarck beargwöhnt; der Vater, der preußische Kronprinz Friedrich Wilhelm, fühlte sich rundum hilflos. Den zuständigen Ärzten fiel zwar eine Menge ein, aber nichts, was dem Kind geholfen hätte. Stattdessen war manche der Kuren vielmehr geeignet, den kleinen Kerl noch mehr zu traumatisieren. Doch damit nicht genug. Als Siebenjähriger erhielt der sensible Junge den ebenso strengen wie freudlosen Calvinisten Georg Ernst Hinzpeter zum Erzieher. Dabei musste Victoria doch wissen, wie sehr ihr Bruder Bertie unter seinen hartherzigen Lehrern und dem Leistungsdruck gelitten hatte.

Zum Alptraum gedieh beim preußischen Prinzen der Reitunterricht. Heutzutage wird Reiten in der Therapie behinderter Kinder eingesetzt. Es kann Spastiken lösen und für Entspannung sorgen, es verbessert das Gleichgewicht und gibt den Kindern Selbstbewusstsein. Doch dazu muss man sensibel mit Ross und Reiter umgehen – und sensibel waren Hinzpeter und die von ihm ausgesuchten Reitlehrer eher weniger. Sie hielten es eher mit den Worten: Was uns nicht tötet, macht uns hart. Gelobt sei, was hart macht. Dabei verschwendeten sie anscheinend keinen Gedanken daran, dass Wilhelm als Reitschüler von Anfang an im Nachteil war.

Wilhelm konnte sich nur schwer auf dem Pferderücken ausbalancieren. Die Verletzung seines Armes wirkte sich auch auf seinen Gleichgewichtssinn aus. Obendrein hatte er Angst und verkrampfte sich im Sattel. Man möchte gar nicht darüber nachdenken, wie oft der kleine Prinz vom Pferd fiel. Von Hinzpeter hatte er weder Trost noch Mitleid zu erwarten. Der kommandierte den Kleinen ungerührt wieder in den Sattel. Wilhelm lernte zwar, sich im Sattel zu halten, aber ein guter Reiter konnte er naturbedingt nicht werden.

Dementsprechend waren seine Stallmeister nicht um ihre Aufgabe zu beneiden. Sie mussten dafür sorgen, dass die Pferde, mit denen sie den Kaiser ins Manöver oder zur Parade schickten, die Gelassenheit eines buddhistischen Wandermönches mitbrachten – am besten kombiniert mit der Gutmütigkeit eines italienischen Großvaters gegenüber seinen Enkeln. Schmerz mussten sie klaglos wegstecken. Der Kaiser ließ nämlich seine Pferde mit teilweise abenteuerlichen, aber auf jeden Fall sehr scharfen Gebissen zäumen. Die führte er gezwungenermaßen nur mit der nicht wirklich feinfühligen linken Hand. So musste das Pferd es aushalten, dass sein Reiter öfter mal hart am Zügel zog. Ebenso durfte sich der Vierbeiner nicht von der Nervosität des Kaisers anstecken lassen.

Andererseits sollten die kaiserlichen Pferde aber fleißig marschieren und gut aussehen. Damals gab es nämlich im Publikum eine ganze Menge Leute, die genug von Pferden verstanden, dass sie gemerkt hätten, wenn der Kaiser auf einem kurz vor der Pensionierung stehenden, an Großstadtverkehr gewöhnten Wagenpferd angetreten wäre.

Vor dem Hintergrund dieser Herausforderung wurden bei Wilhelm II. nicht nur die Pferde, sondern auch die Stallmeister öfter ausgewechselt – bis um die Jahrhundertwende herum Otto Lörke zum Einsatz kam. Der 1879 in Preußen geborene Sohn eines Offiziers verfiel der Dressurreiterei, was damals recht extravagant war. Er war in dieser Disziplin derart gut, dass er schon als relativ junger preußischer Gardeulanen-Leutnant seinen Vorgesetzten auffiel, die ihn dann an den Hof weiterempfahlen, wo er schon bald Stall- und Sattelmeister des Kaisers wurde. Seine Spezialität war die Heranbildung sogenannter Monument-Pferde, die bei der Parade unter dem Kaiser standen wie ein Monument, nicht einmal mit den Ohren zuckten, wenn Kanonen schossen oder die Militärkapellen mit klingendem Spiel aufzogen – aber sich dennoch mit Schwung bewegten. 

Lörke überstand den Ersten Weltkrieg und die Abdankung seines Kaisers. Nach dem Krieg eröffnete er in Berlin einen eigenen Dressurstall, bevor er 1934 als Lehrer an die Kavallerieschule Hannover ging. Auch da bewährte er sich. Bei den Olympischen Sommerspielen im eigenen Land 1936 gewann die deutsche Mannschaft in der Dressur Gold mit dem braune Absinth und den Trakehnern Gimpel und Kronos. Und alle drei Pferde wurden von Lörke ausgebildet. Im Einzel gewann Heinz Pollay auf Kronos Gold und Friedrich Gerhard auf Absinth Silber. 

Lörke überlebte auch den Zweiten Weltkrieg und konnte auch diesmal seinen Beruf, der bei ihm Berufung war, erfolgreich fortsetzen. Die Olympischen Sommerspiele 1956 in Stockholm, bei denen die deutsche Mannschaft in der Dressur immerhin nach den Gastgebern Zweiter wurde und Liselott Linsenhoff auf Adular die Bronzemedaille gewann, erlebte er noch. Im darauffolgenden Jahr starb er. 

Sein Einfluss hat den deutschen Dressursport sehr geprägt und ist bis heute erhalten. Die amtierende Bundestrainerin Monica Theodorescu ist eine Schülerin ihres Vaters George, der wiederum Lörke-Schüler war. Nach wie vor trägt die jährlich an den Reiter, Ausbilder und Besitzer desjenigen, höchstens zehn Jahre alten Dressurpferdes, das dem Dressurausschuss durch besonders herausragende Erfolge in Grand-Prix-Prüfungen in Deutschland aufgefallen ist, verliehene Auszeichnung mit „Otto-Lörke-Preis“ seinen Namen. 

Wilhelm II. unterdessen musste 1918 abdanken und Deutschland verlassen. Sein Marstall blieb zurück und im Exil in Huis Doorn in der Nähe von Utrecht in Holland stieg er nicht mehr aufs Pferd. Dafür aber saß er nach wie vor im Sattel. Ein solcher, auf einem Gestell angebracht, stand als Sitzgelegenheit vor seinem Schreibtisch.