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06.04.18 / Im Rausch der Fasern / Als Grundlage für Marihuana wird Hanf von Legalisierungsgegnern attackiert – Als Nutzgewächs ist er aber fast unersetzlich

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 14-18 vom 06. April 2018

Im Rausch der Fasern
Als Grundlage für Marihuana wird Hanf von Legalisierungsgegnern attackiert – Als Nutzgewächs ist er aber fast unersetzlich
D. Jestrzemski

Zum Jahresbeginn 2018 hat Kalifornien als sechster US-Bundesstaat den Anbau und Verkauf von Marihuana legalisiert. Das lenkt den Blick auf eine der ältesten Kulturpflanzen der Welt: Hanf. 

Aus den Blüten der weiblichen Hanfpflanze (lateinisch Cannabis sativa) wird Marihuana, aus ihrem Harz Haschisch gewonnen. Im Zuge der Drogenpolitik der 1920er und 30er Jahre wurde der Anbau von Hanf in den meisten Ländern verboten. In den Industrienationen hatte der Anbau von Faserhanf seinerzeit ohnehin keine Bedeutung mehr.

Heute gehört es nicht mehr zum Allgemeinwissen, dass die Hanfpflanze bis weit ins 19. Jahrhundert hinein ein wichtiger Lieferant für Fasern, Nahrungsmittel und Medizin war. Von hoher Bedeutung war der Hanf­anbau in Europa nachweislich seit dem Mittelalter. Seile, Segel, Pa­pier, Kleidung, Öl und Arzneien waren wichtige Hanf-Produkte.

Während der Hanf durch andere Rohstoffe immer mehr verdrängt wurde, war der private Cannabiskonsum auf dem Vormarsch. Um 1890 gebrauchten laut Meyers Konversationslexikon 200 Millionen Menschen in Asien und Afrika Cannabis als „narkotisches Genussmittel“ und damit fast jeder fünfte Mensch in diesen Kontinenten. Der Gebrauch der Droge schwappte danach auch in die westliche Welt. Auf der zweiten internationalen Opiumkonferenz von 1925 wurde Cannabis daher in das Abkommen über das Verbot von Opium und Heroin mit einbezogen. Die Unterzeichnerstaaten verpflichteten sich, die erlaubten Anwendungen im medizinischen Bereich streng zu überwachen.

Während des Zweiten Weltkriegs kam es zu einer kurzfristigen Wiederbelebung der kriegswichtigen Hanfindustrie. „Hemp for Victory“ (Hanf für den Sieg)  hieß der Slogan in den USA. In den 50er Jahren verschwand die Pflanze außer in einigen Ost­block­ländern wieder von den Feldern. Die Rohstoffe Holz, Jute, Sisal und Baumwolle sowie Erdölprodukte standen wieder ausreichend zur Verfügung, um Seile, Papier und Textilien daraus zu fertigen. 

Seit Anfang der 90er Jahre ist der landwirtschaftliche Anbau zertifizierter Sorten von Faserhanf zur kommerziellen Nutzung in der EU wieder erlaubt. Die Sorten enthalten keine nennenswerten Mengen des psychoaktiven Wirkstoffs Tetrahydrocannabinol. Trotzdem wird der Hanf­anbau immer noch oft mit illegalen Machenschaften assoziiert.  

Asien ist die botanische Heimat des Hanfs. Die Hanfpflanze wächst zwei bis vier Meter hoch und hat langstielige, fingerförmige Blätter. Hanf konnte wegen seines unkrautunterdrückenden Wachstums auf humusreichen Böden angebaut werden, wo Flachsanbau nicht möglich war. Wie beim Flachs werden die harten Fasern des Stiels aufwendig bearbeitet, um sie für die Herstellung von Seilerwaren und Geweben brauchbar zu machen, während man die Samen, Blätter und Blüten als Nahrungsmittel, in der Medizin und bei religiösen Ritualen verwendete. 

Hanfsamen, die ältesten Spuren von Cannabis sativa, wurden in einer um 8000 v. Chr. gefertigten Tonscherbe auf Taiwan gefunden. Um 4500 v. Chr. fischten die Menschen am Gelben Fluss mit Hanfnetzen. In seiner pharmakologischen Abhandlung beschrieb der chinesische Kaiser Shen Nung 2737 v. Chr. die Verwendung des Hanfs für medizinische Zwecke.

Auch die alten Ägypter nutzten Hanfsamen medizinisch, etwa bei der Schmerzbehandlung und bei Augenreizungen, sowie als Opfergabe bei Ritualen. Als frühester Beleg für den Hanfanbau in Mit­teleuropa gelten Cannabissamen aus einer um 5500 v. Chr. be­wohnten Hütte in Eisenberg (Thüringen). Feine, aufbereitete Hanfgewebe kannte man schon zu Be­ginn des Mittelalters, wie Funde aus dem Grab der Merowinger-Königin Adelgunde beweisen, die 565 in Paris bestattet wurde. 

Karl der Große ordnete in seinem „Capitulare de villis“ den Anbau von Hanf auf seinen Landgütern an. „Hanf vermindert die bösen Säfte und macht die guten stark“, lehrte Hildegard von Bingen in ihren Schriften aus dem frühen 12. Jahrhundert. 

Überaus wichtig waren Hanf und Hanfprodukte seit Jahrtausenden für die seefahrenden Völker. Für ihre hochseetüchtigen Schiffe lieferte der Hanf die Fasern zur Herstellung reißfester und witterungsbeständiger Segel, Planen und Leinen, während die nahrhaften Samen den Proviant auf langen Seereisen ergänzten. 

Die Wikinger statteten die Schiffsgräber ihrer Könige mit Hanftextilien und Hanfsamen aus. Auch das Hanföl war sehr beliebt. Im Vergleich mit anderen Öl­früchten sind Hanfsamen am hochwertigs­ten. Vermutlich verwendeten auch die Wikinger ebenso wie andere Germanen und Skythen Cannabis als Rauschmittel bei ihren Riten. 

Denkwürdig ist die seitenlange Abhandlung über den Hanf und Hanfprodukte im „Simplicissimus“. Anlass war zugeschnittenes Wischpapier, das der Autor Grimmelshausen in einem stillen Örtchen vorfand. Er nahm es zum Anlass, um den Werdegang des Hanfs aus der Ich-Perspektive minutiös zu schildern, angefangen bei der Ernte. Nach der Aufbereitung durch Rösten (Verrotten), Brechen und Hecheln der Fasern skizziert er die Metamor­phose des gesponnenen Garns zur Webleinwand und des genähten Hemdes zur Windel, welche als Lumpen in der Papiermühle landet. Aus dem Papier werden Bögen für Rechnungsbücher ge­schöpft, die, in Stücke zerteilt, ihrer letzten Verwendung als Wischpapier für den Allerwertesten zugeführt werden. Die Botschaft der skurrilen Abhandlung lautet „Alles ist eitel“. Aus heutiger Sicht handelte es sich um eine vorbildliche Wertschöpfungskette.

In den 1980er Jahren schwärmte der US-Hanfaktivist Jack Herer (1939–2010), der umweltverträgliche Hanf könne helfen, die Menschheit ausreichend mit Kleidung, Papier, Öl, Brennstoff, Nahrung, Baumaterial und vielen Heilmitteln zu versorgen. In der Tat steigt der Anbau von Industriehanf in den USA, China und Kanada zwar langsam, aber stetig an. Nutzhanf wächst auch wieder in mindestens 13 Mitgliedstaaten der Europäischen Union. Auf 17000 Hektar wurde 2014 überwiegend Faserhanf für Dämmstoffe und Verbundwerkstoffe angebaut, mit einem steigenden Anteil für die Samenproduktion.

Das legal gehandelte Marihuana ist in den USA längst ein Milliardengeschäft. Ende 2017 schossen Aktien von Unternehmen, die Cannabisprodukte erzeugen, nach oben. Dazu tragen auch die 

23 US-Bundesstaaten bei, in denen der medizinische Einsatz von Cannabis erlaubt ist – Tendenz steigend.