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27.04.18 / Sind Politiker wichtiger als Märtyrer? / Vor der Parlamentswahl im Irak haben Kandidaten Plakate von Gefallenen durch eigene ersetzt

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 17-18 vom 27. April 2018

Sind Politiker wichtiger als Märtyrer?
Vor der Parlamentswahl im Irak haben Kandidaten Plakate von Gefallenen durch eigene ersetzt
Bodo Bost

Die Kampagne für die Parlamentswahlen am 12. Mai im Irak wird durch eine Kontroverse über die Umfunktionierung von Plakaten von „Märtyrern“, die im Kampf gegen den Islamischen Staates (IS) gefallen sind, überschattet. Die verschiedenen „Heiligen Kriege“ im Nahen Osten werden in der Regel durch massenhaft aufgehängte Plakate für die jeweils getöteten „Märtyrer“ aller Konfliktparteien und Fronten begleitet, die oft noch mit den entsprechenden Waffen, mit denen sie gekämpft oder durch die sie umgekommen sind, abgebildet sind. Man findet sie an Häusern aber auch auf Verkehrsinseln, an Straßenrändern, an Masten oder zwischen Verkehrsschildern. Niemand hatte es bislang gewagt, solche Plakate abzuhängen, was als Sakrileg angesehen wird, auch wenn der Heimgegangene keine oder kaum noch Verwandte hat, die sein Gedächtnis in Ehren halten. 

Naturgegeben überwiegen an den jeweiligen Fronten die Todesanzeigen der Sieger. Märtyrerplakate von getöteten IS-Kämpfern finden sich deshalb nur in den Herrschaftsgebieten des IS, die sich in den letzten Monaten sehr stark reduziert haben. Konjunktur haben dagegen die Märtyreranzeigen der getöteten Regierungssoldaten in Syrien und dem Irak. Vor allem im Irak wurde der Kampf gegen den IS seit 2014 vorwiegend von Regierungstruppen geführt. Die Opfer dieser Truppen und ihrer Helfer aus den schiitischen Milizen gehen in die Zehntausende. Die genaue Zahl der Opfer des IS im Irak kennt niemand, weil sie von Regierungsseite geheim gehalten wird. 

Vor den Parlamentswahlen am 12. Mai kamen nun einige Kandidaten wegen des eklatanten Platzmangels auf die Idee, solche Todesanzeigen von Märtyrern zu entfernen und an ihre Stelle Plakate von sich selbst aufzuhängen. Diese Aktionen werden vor allem in den sozialen Netzwerken als Beleidigung derjenigen angesehen, „die sich für das Vaterland und den Islam geopfert haben, um in Frieden und Sicherheit zu leben“. Solche Aktionen von Politikern haben das ohnehin schon sehr schlechte Image dieser Berufsgruppe im Nahen Osten noch weiter verschlechtert. In den Politikern sehen viele Iraker ohnehin nur „Profiteure und Feiglinge“. Jetzt gibt es Kampagnen, die großen Zuspruch finden, die Bilder dieser Kandidaten zu verbrennen. Fast 7000 Kandidaten werden am 12. Mai für die 329 Sitze im irakischen Parlament antreten. 

Die Kontroverse um die Wahlplakate im Irak offenbart das tiefergehende Problem, wie mit dem Andenken der Opfer des religiösen Fanatismus in islamischen Ländern umgegangen werden soll. Bislang pflegt jede Seite ihre eigene religiös geprägte Erinnerungskultur. Von einem kritischen Umgang mit der Rolle der Gewalt im Islam ist auf keiner der Fronten in den Konfliktländern, weder der sunnitischen noch der schiitischen, bislang etwas zu spüren. Von den religiösen Autoritäten ist am allerwenigsten etwas in diesem Sinne zu erwarten. Diese schüren eher das Morden im Namen Allahs, anstatt es zu hinterfragen. Auch im Wahlkampf im Irak ist das Thema Gewalt in der Religion kein Thema, wenn man die Facebook-Foren ausnimmt, die sich kritisch mit den Märty-rerplakaten beschäftigen. Das religiös verbrämte Morden und die verlogenen Märtyrerkulte beider Seiten werden also weitergehen, wie bisher, auch in Zeiten von Wahlen, die sowieso nur zweitrangige Bedeutung im Irak haben. Dabei ist der Irak eines der wenigen Länder der Region, in denen sich die Demokratie als Spätfolge der US-Invasion von 2003 wenigstens ansatzweise etablieren konnte.