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27.04.18 / »Bedeutender und länger anhaltend« / Im Schatten der Asylkrise wird die Binnenwanderung in der EU gerne unterschätzt

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 17-18 vom 27. April 2018

»Bedeutender und länger anhaltend«
Im Schatten der Asylkrise wird die Binnenwanderung in der EU gerne unterschätzt
Peter Entinger

Wenn in Deutschland über Einwanderung diskutiert wird, geht es in aller Regel um die Asylkrise des Jahres 2015. Dabei gerät eine Immigration in den Hintergrund, die sogar als bedeutender und auch länger anhaltend eingeschätzt wird: die aus dem Osten der EU. 

Um 5,8 Prozent, also mehr als ein Zwanzigstel, ist der Anteil der Ausländer an der Bevölkerung in Deutschland nach einer aktuellen Mitteilung des Statistischen Bundesamtes allein im vergangenen Jahr gewachsen. Der Anteil der Menschen aus den östlichen EU-Staaten, die in die Bundesrepublik einwanderten, stieg dabei um 12,5 Prozent. Während die Nettozuwanderung – also die Differenz aus Zuzug und Wegzug – 2016 vergleichsweise niedrige 277000 Personen betrug, lag sie im vergangenen Jahr bei 439000. Vor allem Polen, Rumänen und Bulgaren zogen zu. 

„Im Rahmen der Flüchtlingswelle ist Migration aus den östlichen EU-Staaten ein wenig aus dem Fokus gerückt. Aber langfristig ist sie sicher die bedeutendere und auch länger anhaltende“, so Ulf Brunnbauer vom Institut für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (DPA). 

Zwölf Prozent der in der Bundesrepublik sozialversicherungspflichtig arbeitenden Frauen aus Bulgarien und Rumänien waren im vergangenen Jahr im Gesundheits- und Sozialwesen tätig, so Carola Burkert vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), gegenüber dem „Handelsblatt“. Im Pflegesektor, aber auch im Gastronomiegewerbe Deutschlands würden viele Bürger aus dem Osten der EU Arbeit finden. Auf Baustellen werde bevorzugt Polnisch gesprochen, heißt es. Laut Burkert sind „die Lohnunterschiede im Vergleich zum Einkommen im Herkunftsland“ so groß, dass eine Tätigkeit in Deutschland für viele Bürger aus den östlichen EU-Staaten selbst dann noch attraktiv ist, wenn sie aufgrund von Sprachproblemen oder fehlender Anerkennung ihrer Abschlüsse unterhalb ihres Qualifikationsniveaus arbeiten müssen. 

Das führt zu Problemen in den Herkunftsländern. In den Staaten, die 2004 zur EU stießen, macht sich ein demografischer Wandel der besonderen Art spürbar. Prognosen zufolge schrumpft die Bevölkerung in den östlichen EU-Ländern bis 2050 im Schnitt um zehn Prozent, in Bulgarien, Lettland und Litauen gar um 30 Prozent. Bei den Menschen im arbeitsfähigen Alter liegt der Rück-gang insgesamt bei 30, in einzelnen Ländern über 40 Prozent. In Polen und Ungarn liegt der Verlust bei einem Viertel, abseits der Hauptstädte sogar noch höher.

Das führe, so Brunnbauer, nicht selten zu einer Kettenreaktion, zu „Megrationsketten“: „Problematisch kann die Abwanderung etwa für das Gesundheitswesen in den Herkunftsländern werden, das die Abwanderung qualifizierter Fachkräfte schmerzhaft zu spüren bekommt. Dabei entstehen dann ganz interessante Migrationsketten, wenn etwa in Polen ukrainische Krankenschwestern eingestellt werden.“ Die Auswanderung aus dem einen Land führe zu Auswanderung aus dem nächstgelegenen Nachbarland, wo die Löhne noch geringer sind. 

Ein Beispiel dafür ist Polen. Der dortigen Wirtschaft geht es immer besser. Dennoch lassen viele ihre Kinder zurück, um im Westen zu arbeiten. Die Lücke auf dem Arbeitsmarkt füllen Ukrainer. Experten erklären zwar, dass die große Auswanderungswelle inzwischen abebbe, aber seit dem EU-Beitritt 2004 sollen mehr als zwei Millionen Polen ihre Heimat verlassen haben. Das sind rund fünf Prozent der Bevölkerung. Hunderttausende zog es nach Deutschland, viele davon sind im Handwerk, auf dem Bau, in der Landwirtschaft oder in der Pflege tätig. Dafür wandern Ukrainer nach Polen ein. Sie verdienen dort mehr Geld als in ihrer  Heimat. „Zurzeit leben offiziell 800000 Ukrainer in Polen“, so Bischof Ryszard Bogusz, Präses der Diakonie Polen gegenüber der „Südwest Presse“. Inoffiziell ist von mehr als einer Million die Rede. Allein in Breslau suchen 50000 ihr Glück, meist Arbeitsimmigranten oder Studenten. 

Deutschland bleibt aber mit Abstand das beliebteste Ziel für Zuwanderer aus der EU. Seit 2010 verzeichnete die Bundesrepublik gegenüber jedem Mitgliedstaat kontinuierlich sogenannte Wanderungsgewinne. Die Folgen sind dramatisch. Die seit Jahren anhaltende Abwanderung nach Westeuropa habe in den Ländern am östlichen Rand der EU dazu geführt, dass es für die Unternehmen immer schwieriger werde, geeignete Arbeitskräfte zu finden, schreibt die Nachrichtenagentur Reuters. 

Das Bevölkerungswachstum ist in allen Transformationsländern negativ, vor allem in Bulgarien und Rumänien. Diese beiden Länder sind besonders stark von Abwanderung betroffen. Insgesamt ist die Bevölkerung Bulgariens seit 1995 bereits um 15 Prozent geschrumpft, jene Rumäniens um zwölf Prozent. In Polen konnte dieser Prozess durch die skizzierte Zuwanderung aus weiter östlich gelegenen Ländern immerhin etwas aufgefangen werden. In Ungarn haben mehr als 5000 Ärzte das Land seit der EU-Mitgliedschaft verlassen, die meisten von ihnen aus der Altersgruppe unter 40 Jahre. Der Fachkräftemangel betrifft aber auch Ingenieure und Wirtschaftswissenschaftler. Mehr als 60 Prozent der befragten Unternehmen klagen, für interessante Stellen gebe es keine ausreichende Anzahl an Bewerbern. Laut dem Statistischen Amt der Europäischen Union (Eurostat) legt in Rumänien und Polen die Arbeitslosigkeit bei etwa fünf Prozent, in der Tschechei sogar bei drei Prozent. Das ist weniger als in Deutschland.