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27.04.18 / Alles nur Symbolpolitik? / Groko im Verdacht, den Heimatbegriff nur instrumentalisieren zu wollen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 17-18 vom 27. April 2018

Alles nur Symbolpolitik?
Groko im Verdacht, den Heimatbegriff nur instrumentalisieren zu wollen
Gernot Facius

Bayern ging voran, Nordrhein-Westfalen zog nach, und nun hat auch der Bund ein „Heimatministerium“ – als Teil des aufgeblähten Innen-Großressorts von Horst Seehofer (CSU). Wird Heimat also wieder eine politische Bezugskategorie? 

Man kann nur hoffen, dass das christliche Medienmagazin „Pro“ Recht behält, das in seiner jüngsten Ausgabe jubelte: „Es kommen nach den ewig linken Leitbegriffen von Gleichheit und Umverteilung endlich auch bürgerliche Hauptmotive der Tradition, Identität und Wertorientierung wieder auf die Tagesordnung.“ Doch Vorsicht! Das Behördenschild ist schnell montiert, um die Definition wird noch gerungen. Kleinlaut gaben Seehofers Leute zu, der Willensbildungsprozess sei noch nicht abgeschlossen. Die Politik in Berlin, so scheint es, hat nur einem Trend nachgegeben, der seit Längerem auf dem Buchmarkt zu beobachten war. Die Titel, die mit dem wärmenden Begriff Heimat zu tun haben, füllten plötzlich die Auslagen und Regale. „Gut, dass wieder von Heimat die Rede ist“, kommentierte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. „Möglicherweise war Heimat nie so wertvoll wie heute“, schrieb ein Leser der – im Zweifel linksliberalen – „Zeit“. 

Wer es vergessen hat: Es waren die deutschen Vertriebenen, die diesen lange verpönten Begriff hochgehalten haben und von den Meinungspolizisten in die rechte Ecke gestellt wurden. Gedankt hat man es ihnen nicht. Das sollten sich alle in Erinnerung rufen, die jetzt die Backen aufblasen und die noch unausgegorenen Ministeriumspläne als Innovation preisen und von einem „starken Signal“ sprechen. 

Bislang hat man in Berlin noch keine klare Antwort auf die Frage gehört, ob es lediglich um gleichwertige Lebensverhältnisse in Deutschland geht oder auch um eine Definition, was „unsere Identität zwischen einer globalisierten Welt und unserer heimatlichen Region ist“ (Hartmut Koschyk, der ehemalige Regierungsbeauftragte für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten). Der Verdacht ist nicht so leicht von der Hand zu weisen, dass die mühsam zustande gekommene Große Koalition den Heimatbegriff aus taktischen Motiven heraus verramscht, um politischen Konkurrenten das Wasser abzugraben. Alles nur Symbolpolitik? 

Als Spießer lächerlich gemacht zu werden, das braucht heute kaum noch einer zu befürchten, der das Wort Heimat in den Mund nimmt. Nach „Blut und Boden“ riecht es eh nicht mehr. In regionalen und überregionalen Blättern wird Heimat als „Zukunftsprojekt“ gefeiert. Man zitiert, vor Jahren noch undenkbar, den großen alten Mann der deutschen Volkskunde, den Professor Hermann Bausinger. Heimat sei das Produkt eines Gefühls der Übereinstimmung mit der kleinen eigenen Welt. „Wo die Menschen ihrer Umgebung nicht mehr sicher sind, wo sie ständig Irritationen ausgesetzt sind, wird Heimat zerstört“, so Bausinger. In einer immer weniger überschaubaren Welt, geprägt durch neue Völkerwanderungen, wächst die Sehnsucht nach stabilen Rückzugsorten. 

Die Fieberkurve des Heimatbegriffs, die man sich im Digitalen Wörterbuch (www.dwds.de) anschauen kann, folgt den Rhythmen der neuzeitlichen Sozialgeschichte, sie ist bis ins 20. Jahrhundert weitgehend konstant hoch geblieben. Selbst die beiden Weltkriege haben sie nur wenig beeinflusst. Erst die Konsumgesellschaft nach 1945 ließ die Kurve absinken. Jetzt steigt sie wieder. 

Das hat zweifellos mit den Globalisierungserfahrungen und Immigrationsschüben zu tun. Beide Phänomene haben dafür gesorgt, dass aus einem kulturellen Thema ein politisches geworden ist.