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27.04.18 / Wie alt ist die Himmelsscheibe von Nebra? / Die Beantwortung der Frage wäre leichter, wenn erkenntnisleitende Interessen ausgeschlossen werden könnten

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 17-18 vom 27. April 2018

Wie alt ist die Himmelsscheibe von Nebra?
Die Beantwortung der Frage wäre leichter, wenn erkenntnisleitende Interessen ausgeschlossen werden könnten

Die Himmelsscheibe von Nebra gilt neben der gleichfalls noch nicht eindeutig datierten Kalksteinplatte von Tal-Qadi auf Malta als die wohl älteste Darstellung des Sternenhimmels. Nach Ansicht von Prähistorikern wie dem Direktor des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Harald Meller, wurde die kreisförmige Bronzeplatte zwischen 2100 und 1700 v. Chr. hergestellt und um 1600 v. Chr. der Erde übergeben. Doch entspricht dies wirklich der Realität?

Als Entdecker der Himmelsscheibe gelten die Raubgräber Henry Westphal und Mario Renner, die das Artefakt am 4. Juli 1999 auf dem Mittelberg bei Nebra in Sachsen-Anhalt zutage gefördert haben sollen – und zwar zusammen mit weiteren Bronzeobjekten wie Schwertern, Beilen und Armspiralen. Das Alter der Scheibe konnte nur anhand dieser Beifunde aus dem Hort geschätzt werden, weil deren Stil als typisch für eine bestimmte Phase der Bronzezeit gilt. Eine genauere Bestimmung der Entstehungszeit war nicht möglich. Forschern vom Institut für Archäometrie der Bergakademie Freiberg gelang es lediglich, mittels der Blei-Isotopen-Methode festzustellen, dass die Himmelsscheibe vor mehr als 100 Jahren angefertigt wurde. 

Dass eine genauere Bestimmung der Entstehungszeit nicht möglich war, weckte beizeiten Zweifel an der Echtheit des einmaligen Fundes. Sie wurden besonders ab 2003 laut, als die Raubgräber und das Hehlerpaar, das die Bronzeplatte später an den zum Schein als Privatsammler auftretenden Meller weiterveräußern wollte, vor Gericht standen. Wenn das Objekt kein historischer Gegenstand war, dann lag nämlich kein Verstoß gegen das Denkmalschutzgesetz von Sachsen-Anhalt und kein Schwarzhandel mit einem bedeutenden Kulturgut vor. Allerdings gelang es dem Gutachter der Verteidigung, dem Regensburger Professor für Ur- und Frühgeschichte Peter Schauer, nicht, seine These von der neuzeitlichen Fälschung zu belegen. Die grüne Malachit-Patina auf der Scheibe konnte keinesfalls im Schnellverfahren mit Urin und Salzsäure erzeugt worden sein, wie der Experte für prähistorische Bronzewaffen behauptete, sondern ist wohl tatsächlich das Resultat eines längeren Korrosionsprozesses. Das jedenfalls meinten 18 weitere ebenfalls hinzugezogene Fachwissenschaftler.

Trotzdem bleiben Zweifel, was die behauptete Herkunft und das Alter der Himmelsscheibe betrifft. Die Bestimmung von beidem steht und fällt mit dem Nachweis, dass der Bronzegegenstand tatsächlich vor Jahrtausenden gemeinsam mit den Beifunden in der Erde am Mittelberg deponiert wurde. Und genau daran hapert es. Manche der Angaben des Raubgräberduos zu den genauen Fundumständen klingen reichlich unglaubwürdig. Es kam der Verdacht auf, der ganze Hort stamme in Wirklichkeit aus Ungarn – immerhin ähneln die Schwerter sehr dem dort während der Bronzezeit verwendeten Waffentyp. Deshalb war es von entscheidender Bedeutung, die Erdanhaftungen an der Scheibe und den Beifunden zu untersuchen, um zu beweisen, dass die Stücke tatsächlich alle aus ein und derselben Grube und somit auch aus ein und derselben Erdschicht und Epoche stammen.

Die entsprechende Analyse der Bodenproben erfolgte durch den forensischen Chemiker Jörg Adam vom Landeskriminalamt Brandenburg. Die Proben, 0,113 Gramm Erdmaterial von der Scheibe und 70 Gramm vom angeblichen Fundort, wurden von Meller und dessen Mitarbeiter entnommen und eingeschickt. Diese Vorgehensweise wurde später unter anderem vom Professor Josef Riederer, dem Direktor des renommierten Rathgen-Forschungslabors der Staatlichen Museen zu Berlin, sowie der sächsischen Landesarchäologin Judith Oexle kritisiert. In der Tat ist es ungewöhnlich, dass in diesem Falle nicht die polizeilichen Ermittlungsbehörden die zentralen Beweismittel sicherstellten, sondern jene Personen, die später am meisten von dem Rummel um das Artefakt profitierten. So erhielt die Arbeitsgruppe um Meller von der Deutschen Forschungsgemeinschaft für ein Langzeitprojekt zur Untersuchung der Scheibe und „kulturgeschichtlichen Neubewertung der Bronzezeit“ fünf Millionen Euro. Ungeachtet der Ungereimtheiten gilt die Himmelsscheibe von Nebra heute als einzigartiges Überbleibsel aus der mitteleuropäischen Bronzezeit, weil Adam keine signifikanten Unterschiede zwischen den zwei vorgelegten Erdproben feststellen konnte.

W.K.