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27.04.18 / Ausfahrt zum Schwarzen Meer / Das Donaudelta gilt als das Amazonasgebiet Europas – Im Biosphärenreservat leben faszinierende Tiere – und Menschen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 17-18 vom 27. April 2018

Ausfahrt zum Schwarzen Meer
Das Donaudelta gilt als das Amazonasgebiet Europas – Im Biosphärenreservat leben faszinierende Tiere – und Menschen
Kai Althoetmar

In Rumäniens ungezähmtem Donaudelta folgen Mensch und Natur ganz eigenen Gesetzen. In den Dörfern hadert man mit der Obrigkeit und der neuen Zeit.

Wenn das der Heilige Georg sehen würde, der Drachentöter und Namenspatron des Südarms: eine monotone Wasserautobahn, auf der ein Schnellboot mit der Schickeria in Partylaune vorbeibraust, in deren Fahrrinne Plastikflaschen dümpeln, wo am Ufer wild gezeltet wird und wo Lagerfeuer kokeln. Dazu haben Hotelboote eingangs des Georgskanals festgemacht, ein paar Bootsminuten von Tulcea entfernt, dem Tor zum Donaudelta, dem letzten Donauhafen vor der Mündung – eine Autobahnraststätte wäre keine schlechtere Wahl. Da, ein Autobahnschild: Noch 37 Kilometer zum Schwarzen Meer, die letzten von 2857. 

Hinter der nächsten Kurve ist schon alles anders. Vom Arm des Drachentöters geht es links ab ins Labyrinth der Seen, Nebenarme, Auwälder, Riedzonen und Seerosenteppiche. Das Schilfrohr ragt wandhoch aus dem Wasser. Libellen tanzen, Moskitos schwirren, hier staksen Seidenreiher, da Weißstörche, später werden die Frösche zur Freilichtoper bitten, links und rechts ist alles grün, ein europäischer Amazonas.

Über den Bäumen kreisen die ersten Rosapelikane. Fischer mit Ruderbooten inspizieren ihre Reusen. Auf dem Festland zeigen sich Rehe, dann, in 30 Meter Entfernung, schwimmen auf dem Uzlina-See über 100 Pelikane. Das Schiff nähert sich ihnen geräuschlos. Als der Schiffsmotor der „River Lord“ wieder aufheult, fliegen die Vögel fort. 

Rund 2500 Paare Rosapelikane nisten im Delta – die Hälfte des europäischen Bestands. Der Do­nau wirres Ende: eine Schatzkammer für Ornithologen. 331 Arten kommen im Delta vor, 174 davon brüten dort. 

Die Tour mit dem überdachten Pontonboot für ein Touristen-Dutzend hat der Seemann aus Konstanza organisiert. Die „River Lord“ hat er in Holland gebraucht gekauft. „Ich bete jeden Tag, dass der Motor nicht den Geist aufgibt“, sagt der Kapitän. 

Das Delta der Donau, die größte Schilfzone weltweit und UNES­CO-Weltnaturerbe, ist ein Puzzle aus Biotopen, von Röhrichtzonen, Seen, Lagunen, Flussarmen und Kanälen über Auwälder, Trockenwälder und Feuchtwiesen bis hin zu steppenartigen Dünen und Strombänken. 

82 Prozent der 5800 Quadratkilometer Delta-Fläche liegen in Rumänien, der Rest gehört der Ukraine. Der nördliche, 120 Kilometer lange Chilia-Arm bildet die Grenze. Der mittlere Arm wurde vertieft und begradigt und verkürzte sich so von 92 auf 64 Kilometer. Heute ist der Sulina-Arm eine schnurgerade Wasserschnellstraße.

Der Ort Murighiol liegt 40 Kilometer südöstlich von Tulcea. Wie es sich in Europas grünem Hinterhof lebt, studiert man bei George Valcu in dem 1400-Seelen-Dorf am urwüchsigen Georgsarm im Süden des Deltas. Durch den Garten seiner Pension watscheln zwei Peking-Enten, einst zum Verzehr angeschafft, bis Gäste eindringlich um Schonung baten. „Jetzt kacken sie jeden Tag unter den Frühstückstisch“, seufzt der korpulente 40-Jährige. 

Auf dem Mittagstisch der Familie Valcu steht noch Ciorba de peste – Fischsuppe. Den Wels hat am Vortag ein Nachbar gestiftet. Valcu hat seine Pension vom Staat zertifizieren lassen, während andere im Dorf es vorziehen, schwarz zu vermieten. 2009 hat der rührige Vater zweier Kinder die Pension „2 Sturioni“, zu Deutsch „Zwei Störe“, eröffnet. Zuvor war er mal Barmann, mal Kellner, schließlich zwei Jahre in Amsterdam Möbelrestaurator. Als das zweite Kind zur Welt kam, war es Zeit, nach Murighiol heimzukehren. 

Die Dorfökonomie speist sich aus dem Geld der Urlauber, einem Schuss Improvisation und Gesetzlosigkeit sowie den Dividenden der Natur. Die Minze für den Tee kommt aus dem Garten, der auch das Gemüse liefert, Fisch ist immer da. Pro Tag und Familie dürfe er vier Kilo angeln, „holst du sieben Kilo raus, sagt auch keiner was“, erzählt er kettenrauchend.

Die Frage, ob es unter Ceauces­cu besser war, beantwortet Valcu wie aus der Pistole geschossen mit dem Englischen „Absolutely!“. Da ist wieder der alte Ostblock-Refrain: Damals habe jeder Arbeit gehabt. Heute sei die Korruption unerträglich. Im globalen Vergleich von „Transparency In­ternational“ lag das EU-Mitglied 2015 auf Platz 58, hinter Ghana und vor Oman und Lesotho.

Sechs Uhr früh: George hat einen Fischer mit Motorboot an den Pier von Murighiol beordert. Tiberius Ascente rast mit 50 Sachen über den 200 Meter breiten Georgsarm, bald links ab in das Adersystem schmaler Wasserwege durch das Röhricht. Der sonnengegerbte 43-Jährige sagt, er habe keinen Job, also sei er Fischer. Weil die Fischerei nicht viel hergibt, fährt er Bootstouren.

Geboren im Delta, habe er schon mit vier Jahren das Bootsfahren gelernt. Damals, unter dem roten Stern, stattete der Staat seine Fischer mit Booten, Netzen und Stiefeln aus. Der Einheitslohn bot keinen Grund, die besten Fischgründe für sich zu behalten. Und so lautet Tiberius Lob der „guten alten Zeit“ dann auch: „Das Leben unter Ceaucescu war besser. Das Geld war zwar knapp, aber jeder hatte einen Job.“ 

Wenigstens laut Plan. Zum Beispiel in der nie fertiggestellten Glasfabrik in Caraorman. Rumäniens KP hielt es unter der Führung des „Titans der Titanen“ 

–Nicolae Ceaucescu – für eine treffliche Idee, diesen abgelegenen Winkel des Deltas ans Industriezeitalter anzudocken. Unvollendete dreistöckige Betongerippe künden von dem Bauvorhaben. Heute dösen Kühe und Pferde im Schatten der Fabrikleiche.

Caraorman, gebaut auf einer Sanddüne, ist ein drei Kilometer langes Straßendorf mit Plumpsklos. Der Strommasten am Straßenrand haben sich Störche bemächtigt. Ein paar Autos brettern durch das Dorf, Kennzeichen hat keines, wozu auch. Der Ort hat bis heute keine Anbindung an das Straßennetz. Das Ende Europas – es hat eben seine eigenen Gesetze.






Reisetipps fürs Delta

Die Bahnfahrt von Bukarest nach Tulcea kostet um die 15€ Euro (einfache Fahrt). Fahrtdauer: fünf bis sechs Stunden. Weiterfahrt von Tulcea nach Murighiol mit dem Linienbus (Umsteigen am Busbahnhof), Fahrzeit zirka eine Stunde. Die Anreise mit dem Auto von Bukarest erfolgt über die E81 (mautpflichtig) nach Cernavoda, von dort über die DJ223 bis Tulcea (zirka 300 Kilometer, die Fahrzeit beträgt vier Stunden).

Bootstouren in das Delta: Größere Touristenboote legen mehrmals täglich am Hafen von Tulcea ab. Kosten einer rund fünfstündigen Tour (ohne Landgänge): 25 Euro/Person. Preise für individuelle Touren mit motorisierten Fischerboten sind Verhandlungssache. Halbtägige ge­führte Tour mit Motorboot für drei Personen ab Bootsableger Murighiol kostet um 80 bis 100 Euro (Gesamtpreis). Kontakt über Pension/Hotel oder Hafenpromenaden/Bootsanleger.

Allgemeine Informationen: Rumänisches Fremdenverkehrsamt, Reinhardtstraße 47, 10117 Berlin, Telefon (030) 60264622. 

E-Mail: info@rumaenien-touris­mus.de, Internet: www.rumaenien-info.at oder www.romaniatourism.com.

Informationen über das Biosphärenreservat Donaudelta: www.ddbra.ro/en. Bootsausflüge ab Tulcea und Hotelverzeichnis: www.godanubedelta.com. Alle Internetseiten haben eine englischsprachige Version. Mückenschutz und FSME-Zeckenimpfung sind zu empfehlen.