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27.04.18 / Dickes Geschäft mit Marx / Marxismus verkauft sich gut – Im Jubiläumsjahr von Karl Marx entdeckt die Stadt Trier ihren bekanntesten Sohn als Touristenmagneten

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 17-18 vom 27. April 2018

Dickes Geschäft mit Marx
Marxismus verkauft sich gut – Im Jubiläumsjahr von Karl Marx entdeckt die Stadt Trier ihren bekanntesten Sohn als Touristenmagneten
Andreas Guballa

Groß und mächtig steht es da, das wohl älteste Tor Deutschlands: die Porta Nigra. Von den Römern erbaut, erhielt sie erst im Mittelalter ihren Namen, der übersetzt „schwarzes Tor“ bedeutet. Denn nach mehr als 1000 Jahren hatten Staub und Witterung den ur­sprünglich hellen Sandstein dunkel gefärbt. Die römischen Thermen, Basilika und Dom, Amphitheater und Römerbrücke prägen Trier, die nach eigenem Bekunden älteste Stadt Deutschlands, und zählen zum Weltkulturerbe.

Gleich hinter der schwarzen Römerpforte beginnt die Simeonstraße, heute die Fußgängerzone. Dort, mitten im historischen Kern der Stadt, nur einen Steinwurf von der „Poort“ entfernt, verbrachte der wohl berühmteste Trierer seine Jugend: Karl Marx. Der Mann, der mit seinen Schriften wie „Kommunistisches Manifest“ und „Das Kapital“ die Weltgeschichte ebenso wie die jüngere deutsch-deutsche Geschichte be­einflusst hat, erblickte im Jahr 1818 in der Brückenstraße das Licht der Welt. Zu seinem 

200. Geburtstag am 5. Mai erwartet Trier ein Massenansturm von Touristen und Marx-Fans.

Der Museumsladen hat neben Büchern, Postkarten, Tassen, Kitsch und Devotionalien auch Marx-Wein im Angebot. Denn der Philosoph war in dieser Hinsicht ein waschechter Trierer. Die Familie Marx besaß einen Weinberg, und er sprach gern dem edlen Tropfen zu. Der Konsum des Moselweins soll zu den Überzeugungen des aufgeklärt-demokratisch gesinnten Denkers maßgeblich beigetragen haben: Der junge Marx erlebte den fortschreitenden wirtschaftlichen Niedergang in seinem Trierer Umfeld hautnah mit. In seinen früheren Schriften beschäftige er sich daher mit der Winzerarmut und dem Holzdiebstahl in seiner Heimat.

In zwei weiteren Trierer Museen, dem Rheinischen Landesmuseum und dem Stadtmuseum Simeonstift, widmen sich zum Jubiläum erstmals überhaupt kulturhistorische Ausstellungen dem bedeutenden Denker des 

19. Jahrhunderts. Seit Monaten erhalten die Trierer Stadtführer Sonderschulungen, um ihre Gäste auf den Spuren von Marx führen zu können. Wobei: Viele Spuren hat Marx nicht hinterlassen, schließlich ging er schon nach seinem Abitur als 17-Jähriger zum Studium nach Bonn fort.

Nicht zu übersehen ist ein monumentales Geschenk aus China: Eine 2,3 Tonnen schwere Karl-Marx-Statue, die gerade am Trierer Simeonstiftplatz aufgestellt wurde (die PAZ berichtete). Noch bleibt sie verhüllt. Wenn am  5. Mai das rote Tuch von dem Denkmal gezogen wird, dürfte das zumindest der vorläufig umstrittene Höhepunkt des Marx-Jahres sein. Auch für die Befürworter und Gegner der Statue, die in den vergangenen Monaten leidenschaftlich darüber gestritten haben, ob das Denkmal angemessen oder verherrlichend ist. Die Statue des chinesischen Künstlers Wu Weishan sollte ursprünglich in Sichtweite seines Geburtshauses aufgestellt werden. Das offizielle chinesische Präsent be­weist, dass im Reich der Mitte die Marxsche Ideologie auch heute noch lebendig ist. Für Chinesen auf Europareise ist Trier eine Pflichtstation – neben Paris und Venedig. Doch dem Künstler gefiel der vorgeschlagene Standort nicht. Daher wurde der 5,50 Meter große Koloss nun am Simeonstiftplatz aufgestellt. Erst im vergangenen Jahr hatte der Stadt­rat das bei der Bevölkerung um­strittene Geschenk akzeptiert, und so bezahlte die Volksrepublik die Statue und deren Transport.

Marx nachspüren kann man auch im ehemaligen jüdischen Quartier, denn er entstammt einer jüdischen Rabbinerfamilie. Sein Vater konvertierte wenige Jahre vor Karls Geburt zum Protestantismus, da er als Anwalt sonst in Preußen nicht hätte arbeiten können. Kurz vor dem Hauptmarkt führt ein Tor in die Judengasse, wo kleine Ge­schäfte und Boutiquen zum Bummeln einladen.

Das Geburtshaus von Marx steht hier allerdings nicht. Es befindet sich südlicher davon in der Brückenstraße 10, wo es um 1727 als barockes Wohnhaus er­baut wurde. Seit 1968 wird es von der Friedrich-Ebert-Stiftung als Mu­seum betrieben. Am 5. Mai eröffnet Ex-Ministerpräsident Kurt Beck als Präsident der Stiftung im Marx-Haus eine neue Dauerausstellung. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Wirkungsgeschichte von Marx’ Ideen bis in die Gegenwart. Auch Fernsehprominenz ist vor Ort: TV-Moderator Günther Jauch wird die Geburts­urkunde von Marx verlesen, die Jauchs Ur-Ur-Ur-Urgroßvater Emmerich Grach als zweiter Bürgermeister von Trier 1818 unterschrieben hat. 

Doch das Marx-Haus ist nicht das einzige Museum, das sich im Jubiläumsjahr dem Revolutionär, Gelehrten, Journalisten und liebevollen Familienmenschen (siehe auch Seite 9) widmet. Das Rheinische Landesmuseum Trier be­leuchtet unter dem Titel „Leben. Werk. Zeit.“ vom 5. Mai bis 

21. Oktober Marx und sein Jahrhundert. Dabei wird der intellektuelle wie politische Werdegang von Marx nachgezeichnet. Prägend für den Philosophen und späteren Ökonomen ist das Jahrhundert, in dem er lebte, mit seinen wirtschaftlichen und sozialen Umbrüchen. Freiheits- und De­mo­kratiebestrebungen wie auch Industrialisierung und Urbanisierung sind Kennzeichen dieser bewegten Zeit. Die Ausstellung gewährt Einblicke in Marx’ wichtigste Schriften und zeigt dabei, was an den Ideen des herausragenden Analytikers seiner Zeit bis heute aktuell ist.

Unter dem Titel „Stationen eines Lebens“ zeichnet das Stadtmuseum Simeonstift das bewegte Leben von Karl Marx nach, das 1818 in Trier seinen Anfang nahm. Der Rundgang verfolgt den Lebensweg von Marx’ Kindheit und Jugend in Trier über seine Studienjahre und erste Berufserfahrungen bis zum Exil in London, wo er mehr als die Hälfte seines Lebens verbrachte und im Jahr 1883 starb. Anhand der Stationen dieses Lebens werden wichtige Entwicklungen und Wendepunkte anschaulich ge­macht. Grundlage sind unter anderem persönliche Zeitdokumente und Lebensschilderungen. 

Bei so viel Marx bleibt zu hoffen, dass man nicht einfach nur als Tourist kommt und als Marxist wieder geht.