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27.04.18 / Umfangreiche Analyse des Kommunismus

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 17-18 vom 27. April 2018

Umfangreiche Analyse des Kommunismus
Dirk Klose

Im Sozialismus ist alles rot, die Fahnen, die Banderolen, die Leichentücher, die Krawatten, Halstücher“ – So beginnt Gerd Koenen seine außerordentliche, an Umfang und Inhalt mitunter fast überbordende Darstellung über Ursprünge und Geschichte des Kommunismus, die, wie er vorsorglich warnt, „einiges an Ausdauer und Interesse“ abfordert. In der Tat, 1037 Seiten zu „Die Farbe Rot“ wollen erst einmal gelesen sein; aber wer sich darauf einlässt, kann sich schon bald der Faszination dieser ungewöhnlichen Arbeit nicht mehr entziehen. Sie muss auch nicht in einem Zug durchstudiert werden; der Untertitel zeigt an, dass man im Grunde zwei Bücher hat, die zusammenhängen, aber doch auch jedes für sich steht.

Die Idee einer gerechten Gesellschaft ist fast so alt wie die Menschheitsgeschichte selbst, das zeigen schon Zeugnisse aus dem frühesten Altertum. Koenen führt all das in einer historischen Darstellung zusammen, nennt das orientalische Gilgamesch-Epos, das Christentum, die Millenaristen im Mittelalter, die großen Geister der Aufklärung, Hegels idealistische Philosophie und dann die fast unübersehbare Menge der sogenannten Frühsozialisten. Das führt dazu, dass Marx und Engels – „ein wenig Doktor Jekyll und Mr. Hyde“, wie Koenen launig anmerkt – erst um die Seite 300 auftauchen, Lenin sogar erst zu Beginn der zweiten Buchhälfte. 

Marx und Engels werden nicht verklärt, deren anmaßendes, oft arrogantes, mitunter gehässige, Gehabe wird an Beispielen gezeigt. Dennoch urteilt der Autor abschließend: Die gemeinsame Arbeit an einem intellektuellen Werk weise beide „als die letzten Universalgeister und Enzyklopädisten einer vergangenen europäischen Wissenskultur“ aus.  

Der zweite Teil des Buches ist vor allem der Entwicklung des zaristischen Russland, den Revolutionen von 1917, der rastlosen Agitation des von einem „unbeirrbaren Macht- und Siegesinstinkt“ getriebenen Lenin, dem noch heute alle Vorstellungen an Brutalität übersteigenden Bürgerkrieg nach 1918 und der ebenso unvorstellbar grausamen Herrschaft Stalins gewidmet. Letztlich sind es keine neuen Erkenntnisse, die der Autor bringt, den gnadenlosen „roten Terror“ gegen angebliche Feinde und Abweichler, die rücksichtslose Bekämpfung aller Autarkiebestrebungen der einzelnen Nationalitäten (Ukrainer und kaukasische Völker), die furchtbaren Hungersnöte (die durch großherzige Spenden des „Klassenfeindes“ in Westeuropa und den USA gelindert wurden), schließlich Stalins an paranoidem Verfolgungswahn grenzender innerstaatlicher Terror in den 1930er Jahren. Aber das Erzähltalent des Autors fügt diese Schreckenszeit zu einem eindringlichen Szenario zusammen.

Dem Thema des Buches folgend schließt der Autor mit einem Ausblick auf das kommunistische China. Koenen charakterisiert das in atemlosem Tempo vorwärts stürmende Reich als eine „Modernisierung- und Entwicklungsdiktatur, die den eklatanten Widerspruch, den dieser Begriff selbst beinhaltet, durch eine rastlose Flucht nach vorn zu entkommen sucht“. 

Bei einer derart ausholenden Analyse können Schwachstellen nicht ausbleiben. Etwas verblüfft stellt man fest, dass dieses so umfangreiche Buch eigentlich noch dicker sein müsste, denn auf den Kommunismus nach Stalins Tod, also auf die Ära Chruschtschow, Breschnew und Gorbatschow, geht Koenen gar nicht ein, ebenso wenig auf die mittel- und osteuropäischen Satellitenstaaten und die DDR, die doch der Intention nach auch auf dem Weg zu einer kommunistischen Gesellschaft sein sollten.

Aber das schmälert den Wert dieser außerordentlichen Darstellung überhaupt nicht. In der DDR hätte man an ein solch umfangreiches Thema ein ganzes „Kollektiv“ gesetzt. Hier hat das Buch ein einzelner, freiberuflicher Schriftsteller verfasst. In der Summe ist es ein Mix aus politischer, aus Philosophie- und Sozialgeschichte, fair im Urteil, die Fakten sprechen lassende Analyse, welche die unweigerlichen Emotionen hintanstellt. 

Wo Kommunisten an die Macht kamen, schreibt er, sei das „immer mit einer drastischen Senkung des längst erreichten Grades an Differenziertheit und Komplexität“ verbunden gewesen. Es müssten, so möchte man hinzufügen, bei den selbsternannten „Berufsrevolutionären“ Die Alarmglocken schrillen. Alle stehen sie auf Hekatomben von Leichen. Das war bei Lenin, Stalin und Trotzki so, bei Mao Tse-tung während der chinesischen Kulturrevolution, bei Pol Pot und seinem Roten Khmer in Kambodscha und heute im hungernden Nordkorea des Kim Jong-un. Menschenleben zählten für sie rein gar nichts. 

Gerd Koenen: „Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus“. C.H. Beck Verlag, München 2017, gebunden, 1132 Seiten, 38 Euro