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27.04.18 / Der satirische Wochenrückblick mit Klaus J. Groth / Des Kaisers neue Kleider / Von runderneuerten Reifen, schmerzhaften Streicheleinheiten und geruchsfreiem Geld

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 17-18 vom 27. April 2018

Der satirische Wochenrückblick mit Klaus J. Groth
Des Kaisers neue Kleider / Von runderneuerten Reifen, schmerzhaften Streicheleinheiten und geruchsfreiem Geld

Alles neu macht der Mai. Nur die Sozialdemokratische Partei nicht. Dabei redet sie doch von fast gar nichts anderem. Und das schon so lange, dass kaum noch jemand hinhört. Obwohl die frisch gewählte Vorsitzende an der Leier der Parteierneuerung dreht wie an einer tibetanischen Gebetsmühle, kommt sie nicht vom Fleck. Das ist eben eine der Besonderheiten tibetanischer Gebetsmühlen: viel Geklingel und Beharrlichkeit. Kein Wunder, dass nach einer aktuellen Umfrage 88 Prozent der Deutschen von der Erneuerung nichts erkennen können. Wobei die Frage ist, was denn die anderen zwölf Prozent erkennen können. Aber irgendjemand erblickt immer des Kaisers neue Kleider. Und hatte die neu gekürte Kaiserin der Geknechteten und Entrechteten nicht schon 2011 als Generalsekretärin erklärt, der Prozess der Erneuerung sei nunmehr abgeschlossen? Da muss doch etwas zu erkennen sein. Wenigstens so ein ganz klein bisschen. Vielleicht ist es das, was die zwölf Prozent erkennen können. So nach dem Spiel: Ich sehe was, was du nicht siehst … Aber auch ein runderneuerter Reifen bleibt ein alter Reifen.

Daran gemessen, ist das Wahlergebnis der neuen Vorsitzenden geradezu toll. Nicht nur jene zwölf Prozent mit der Erkenntnis der Offenbarung haben für Andrea Nahles gestimmt, nein, es waren sage und schreibe 66,3 Prozent, die Nahles einfahren konnte. Nun mag es sein, dass der Partei inzwischen dämmerte, dass eine 100-Prozent-Wahl auch nicht so richtig prickelnd ist, dass, wer hoch fliegt, tief stürzt. Aber deshalb gleich mit einem Sturzflug starten? Wer mit dem zweitschlechtesten Wahlergebnis seit 1945 antreten muss, der hat mehr als einen Klotz am Bein. Nahles erhielt noch weniger Stimmen als Sigmar Gabriel, als er als Vorsitzender ganz unten war, das will was heißen. Und so ein Ergebnis ihr als Frau! 155 Jahre hat die Quotenpartei SPD benötigt, um endlich eine Frau ins Amt der Vorsitzenden zu wählen. Das hätte doch mächtig viele Bonuspunkte bringen müssen, aber nicht solch ein Nörgelergebnis.

Die Ohrfeige für Andrea Nahles war deutlich und schmerzhaft, auch wenn ein bundespolitischer Profi von ihrem Kaliber gelernt hat, keinen Schmerz zu zeigen. Sehr viel mehr aber schmerzten sie wahrscheinlich die Streicheleinheiten, die freundlichen Zuwendungen für ihre unbekannte Gegenkandidatin, die wie aus dem Zylinder gezogen gehoppelt kam. Simone Lange – Simone wer? –, na, die da oben in Flensburg Bürgermeisterin ist, die erhielt 27,6 Prozent der Stimmen der Delegierten. Obwohl – man kommt nicht umhin es festzustellen – sie noch keine Leistungen vorweisen kann, die sie für ein bundespolitisches Amt empfehlen könnten. 

Auch nicht ein bisschen. Als Bürgermeisterin fiel sie bisher lediglich dadurch auf, dass sie außerhalb von Flensburg nicht weiter auffiel. Das reichte den Delegierten des Parteitages trotzdem. Dafür gibt es zwei Gründe, die nichts miteinander zu tun haben. Einerseits haben viele Genossen die Nase voll davon, wie Ämter und Posten auf den einzelnen Etagen der Partei durchgereicht werden. Das ist nicht nur ein Thema der Sozis, aber die erweisen sich als aufmüpfiger als die Mitglieder anderer Parteien. Der hohe Verschleiß der Vorsitzenden der SPD spricht Bände. Die kurzen Verfallzeiten sind auffällig. 

Andererseits, und das ist der zweite Grund für das gute Abschneiden der Bürgermeisterin aus Flensburg: Die Partei der Umverteiler möchte gerne wieder mehr umverteilen. Dafür steht Simone Lange. Sie ist auf deutlichem Kurs gegen die Agenda 2010. Den steuert sie wie Kevin Kühnert. Die Planwirtschaft der Jungspunde wirft lange Schatten voraus. Es gebe unter den Mitgliedern offenbar ein großes Bedürfnis nach inhaltlicher und personeller Neuaufstellung der Partei, meint Simone Lange. Das ist zwar nicht gerade Klartext, kommt aber an. Arbeitsminister Hubertus Heil denkt inhaltlich schon mal darüber nach, wie die Sanktionen, die Hartz-IV-Beziehern drohen könnten, abgebaut werden können. 

Berlins Regierender Bürgermeister, an das Leben auf Kosten anderer gewöhnt, liebäugelt mit einem angeblich solidarischen Grundeinkommen. Wir kennen das schon: endlich Gerechtigkeit. Die personelle Neuausrichtung bringt sich schon mal in Position. Nach Friede, Freude, Eierkuchen klingt das überhaupt nicht. 

Klar, die etablierte Parteispitze spricht sich nach dieser schwachen Wahl der Vorsitzenden Mut zu. Twitter-King Ralf Stegner wie immer allen voran. Nahles werde auch das Vertrauen derer gewinnen, die nicht für sie gestimmt haben, tröstet er. Fragt sich nur, wen er tröstet. Vermutlich sich selbst. Denn das Wahlergebnis von Andrea könnte er verkraften, das Wahlergebnis von Simone Lange eher nicht. Lange und Stegner gelten nicht als die besten Freunde. Das heißt in der Politik: Sie können sich nicht unbedingt leiden. 

Im kommenden Jahr wählt die SPD in Schleswig-Holstein auf einem Parteitag einen neuen Vorstand. Nach Stand der Dinge tritt Stegner wieder an. Lange hingegen will keine Abstimmung der Delegierten, sondern eine Befragung der Mitglieder. Damit sitzt sie jetzt Stegner im Nacken. Ein gemütlicher Platz ist das nicht. Für beide nicht.

Wenn auch bei der real existierenden SPD vieles nicht zu verstehen ist, wie der frühere Bundesarbeitsminister Wolfgang Clement jüngst beklagte, ist doch noch eine rudimentäre Nähe zur Realität erkennbar. Nunmehr sollten wir jedoch über etwas sprechen, wovon der Autor keine Ahnung hat. Diese Unkenntnis teilt er vermutlich mit der überwiegenden Zahl der Leser. Wir müssen über Rapper sprechen. Über eine bestimmte Sorte von Rappern. Über Rapper, die in ihrem rhythmischen Gestammel Frauen verächtlich als Huren bezeichnen, von Gewalt gröhlen und Juden verhöhnen. Über Rapper, die für fortwährende Entgleisungen und Beleidigungen einen angeblichen Musikpreis einsacken. Der heißt „Echo“, er wird im überpolitisch-überkorrekten Berlin verliehen, kommt aber aus dem biederen Gütersloh. Der Preis hat eine Kategorie, die nennt sich „Hip-Hop/Urban National“ – was auch immer das heißen mag. Ausgezeichnet wurden darin diesmal die Rapper „Kollegah“ und „Farid Bang“. Auch für diesen Text: „Mein Körper definiert sich als von Auschwitzinsassen“. Was soll daran anstößig und abstoßend sein? Das ist Freiheit der Kunst, argumentieren die Veranstalter, und das ist ihnen überhaupt nicht peinlich. Im Übrigen werde ja auch nicht der dichterische Erguss mit dem Preis gewürdigt, sondern der kommerzielle Erfolg. Wer viel Menschenverachtung produziert und verkauft, der wird gewürdigt. Geht es noch tiefer? 

Allerdings lohnte es sich schon, einmal darüber nachzudenken, warum männliche Gewaltphan­ta­sien von der brutalen Art sich so gut verkaufen. Und an wen. Solche Machwerke entstehen ja nicht in Hinterhofkellern, sondern in mo­dernsten Studios. Sie werden mit allen Tricks des modernen Marketings unter die Leute gebracht. Dafür sorgen die braven Biedermänner von Bertelsmann. Keiner von denen hat gemerkt, was für Machwerke sie da produzieren? Natürlich nicht, wenn man fette Kohle vor Augen hat. Auch keiner von den 550 Juroren des Preises hat erkannt, was sie da beloben? Wozu werden die überhaupt benötigt, wenn die Verkaufszahlen allein den Ausschlag geben? Aber Juror, das ist so eine hübsche Aufgabe, die setzt man nicht leichtfertig aufs Spiel. Überhaupt, der Skandal um die Rapper „Kollegah“ und „Farid Bang“ kam ja nicht aus heiterem Himmel. Die geschmacklosen und menschenverachtenden Texte waren schon vorher bekannt, darüber wurde gesprochen. Das hielt aber niemanden davon ab, seinen Preis auf derselben Veranstaltung mit vor Stolz geschwellter Brust anzunehmen. Nur einer, „Campino“ von den „Toten Hosen“, der protestierte ein bisschen, nahm den Preis, dankte und ging. Das war es vorerst. Inzwischen haben einige ältere Herren ihre Preise wieder bei Bertelsmann abgeliefert. Für alle anderen, insbesondere den Produzenten Bertelsmann, aber gilt, wie schon zu Zeiten des römischen Kaisers Vespasian: Pecunia non olet – Geld stinkt nicht. Bekanntlich hat Vespasian mit seiner Latrinensteuer Pisse zu Geld gemacht.