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18.05.18 / Wer hat den größten Pilsudski? / Im Jubiläumsjahr der polnischen Unabhängigkeit schießen Denkmäler wie Pilze aus dem Boden

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 20-18 vom 18. Mai 2018

Wer hat den größten Pilsudski?
Im Jubiläumsjahr der polnischen Unabhängigkeit schießen Denkmäler wie Pilze aus dem Boden
Chris W. Wagner

Zum 100. Jubiläum der Unabhängigkeit Polens will Präsident Andrzej Duda Polens exklusive Liste historischer Denkmäler auf 100 Objekte aufstocken. So ernannte er zehn neue geschichtlich relevante Stätten, welche die Liste vorerst auf 91 historische Denkmäler erweitern – fehlen also nur noch neun. Die zehn neuen Standorte sind das Pilgersanktuarium Heiligelinde im Kreis Rastenburg, die Bischofsburg in Heilsberg, Kloster Strelno in Kujawien, Burg Krasiczyn bei Premissel, die Festung Weichselmünde bei Danzig, der Domhügel zu Plotzk, Schloss und Park Groß Rogalin im Kreis Posen, das „Kreuzbeil-Schloss“ in Ujazd in der Woiwodschaft Heiligkreuz, das Herrenhaus Koszuty, Gemeinde Schroda in Großpolen und die Burg Marienwerder.

Während der extra anberaumten Feierlichkeit zur Bekanntgabe der zehn neuen Orte auf der Denkmalliste sagte Duda: „Ich danke von Herzen für die Pflege der schönen, historischen Bausubstanz dieser Zeugnisse unserer Geschichte oder der Geschichte insgesamt, denn nicht alle diese Denkmäler wurden durch polnische Hand gebaut, manche wie beispielsweise in Marienwerder wurden von Kreuzrittern gegründet. Sie gehören zum europäischen Kulturgut, das heute in unserer Hand liegt, weil sie uns durch das Schicksal, den Geschichtslauf anvertraut wurden.“

Unabhängig von der besonders exklusiven Liste der angestrebten 100 Denkmäler, die nur der Präsident selbst bestimmt, ist das Land derzeit ohnehin im Denkmalrausch. Hintergrund dafür ist die anhaltende „Entkommunisierung“ von Denkmälern beziehungsweise die Entfernung kommunistischer Symbole. Hinzu kommt im Jahr 100 nach der Unabhängigkeit das Streben, Gedenken auch durch völlig neue Denkmäler zu implementieren. Dazu gehört das „Denkmal der polnischen See“ in Gdingen. Dieses befindet sich jedoch noch in der Planungsphase. Im Rathaus hat man sich aber bereits für das Projekt des Krakauers Andrzej Getter entschieden, das einen zwölf Meter hohen Stahlmast mit polnischer Flagge vorsieht, der aus halbkreisförmigen Betonwellen herausragt. Das Denkmal soll im Herzen Gdingens auf dem Plac Kosciuszko entstehen. Dieser Platz galt schon 1920 als öffentliches Zentrum für Reden und Kundgebungen, denn das damals ausgebaute einstige kaschubische Fischernest wurde im sogenannten Korridor als polnischer Zugang zur See und in Konkurrenz zu Danzig überhaupt zum bedeutenden Hafen. Doch die Gdingener scheinen mit dem Denkmal so ihre Schwierigkeiten zu haben. Laut der Zeitung „Rzeczpospolita“ meinen 62 Prozent von 700 Befragten, das Projekt passe vom Stil her nicht zur Umgebung.

Auch im benachbarten Zoppot soll unweit des Bahnhofs ein neues Denkmal entstehen. Gewidmet soll es dem 2015 verstorbenen Außenminister Wladyslaw Bartoszewski werden. Dieses Vorhaben löst weniger ästhetische, als vielmehr politische Debatten aus. Bartoszewski sei für die regierende Partei eine zu „kontroverse“ Persönlichkeit, als dass man ihn mit einem Denkmal würdigen solle, berichtet das Portal Nasze Miasto.

In diesem Jahr sprießen polenweit Marschall-Jozef-Pilsudski-Denkmäler wie Pilze aus dem Boden. Auch wenn das Jubiläumsjahr in vollem Gange ist, werden immer wieder neue Anträge für Denkmalbaugenehmigungen gestellt. So auch in Stettin. Man weiß zwar noch nicht wo oder in welcher Form, aber ein „ordentlicher“ Pilsudski, am besten mit Säbel in der Hand, muss es schon sein – auch wenn es bereits einen gibt. Im Jahre 2000 wurde das erste Pilsudski-Denkmal durch Bohdan Ronin-Walknowski aus rotem Granit geschaffen. Das zweite soll aber größer, monumentaler, dem Jubiläum würdiger sein. Ganz so wie der zehn Meter hohe, bereits bestehende „Marschall“, wie man Pilsudski in Polen verkürzt nennt, in Köslin. So stellen sich das zumindest die Stettiner Stadträte im pommerschen Konkurrenzdenken vor.

Hinsichtlich eines Monuments aus der Vergangenheit liefert man sich in Posen heiße Debatten. Es geht dabei um den Wiederaufbau eines Denkmals, das aus Dankbarkeit für Polens Unabhängigkeit 1932 an Stelle eines Bismarck-Denkmals entstand und das 1939 von den Deutschen wieder abgerissen wurde. 2012 hat sich in Posen eine Bürgerinitiative gegründet, die das monumentale Herz-Jesu- oder Dankbarkeitsdenkmal, das Christus inmitten eines 12,5 Meter hohen und 22 Meter breiten Triumphbogens darstellte, wiedererschaffen möchte.

Eine fünf Meter hohe Christus-Replik entstand in einer Gießerei bei Krakau und wurde 2016 in Jersitz zwischengelagert. Es gibt nämlich Streit darübe, wohin mit der Replik, denn am historischen Standort stehen bereits zwei andere Denkmäler. Für die Wiederaufbauinitiatoren wäre der Malta-Stausee perfekt, aber es gibt Gegner. Zu ihnen gehören junge Historiker und Architekten, aber auch einige Posener, die sich für weniger monumentale Formen stark machen. Wie zum Beispiel für die Benennung einer Posener Gasse nach Krystyna Feldman – einer in Lemberg geborenen Schauspielerin, die 30 Jahre lang in Posen wirkte. In Stein gemeißelte Fakten wühlen die Gemüter eben mehr auf.