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18.05.18 / Neue Bleibe für Archiv / Ernst Wiechert auf der Schwäbischen Alm

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 20-18 vom 18. Mai 2018

Neue Bleibe für Archiv
Ernst Wiechert auf der Schwäbischen Alm
Bärbel Beutner

Seit ihrer Gründung 1989 hatte die Internationale Ernst-Wiechert-Gesellschaft (IEWG) ein Domizil im „Museum Königsberg“ in Duisburg. Als das Museum 2015 in das Ostpreußische Landesmuseum nach Lüneburg zog, musste für das Wiechert-Archiv ein neuer Standort gefunden werden. Bücher, Akten, Nachlässe, Dokumente benötigten eine feste Bleibe.

Zwischen Ulm und Sigmaringen (Hohenzollernburg) liegt der malerische Erholungsort Zwiefalten. Dort gibt es einen traditionsreichen und kulturell sehr aktiven Geschichtsverein, der von einem Mitglied der IEWG geleitet wird. Mitglied sowohl des Geschichtsvereins wie auch der IEWG war die 2014 verstorbene Hedwig Butz, die dem Geschichtsverein ihr geräumiges und gepflegtes Haus vermacht hat, das zu ihren Lebzeiten ein kultureller Treffpunkt des Ortes Zwiefalten gewesen ist. 

Die IEWG darf seit 2017 in Zusammenarbeit mit dem Geschichtsverein dieses Haus mitnutzen.

Ernst Wiechert verbrachte 15 Jahre seines Lebens im süddeutschen Raum, zog 1933 von Berlin nach Ambach am Starnberger See, baute in Wolfratshausen bei München den Hof Gagert, in dem er bis 1948 wohnte, und verbrachte die beiden letzten Lebensjahre in Uerikon bei Zürich. In Stäfa liegt sein Grab. Seine geistigen Erben beziehen also einen Standort in seiner Nähe, voller Dankbarkeit gegenüber der Hausbesitzerin Hedwig Butz, die eine angesehene Bürgerin der Gemeinde Zwiefalten war und ist. 

So fand zu ihrem 100. Geburtstag am 23. Oktober 2017 „ein Wochenende mit Literatur, Musik und Kultur“ statt, eine Veranstaltung der IEWG in Zusammenarbeit mit dem Geschichtsverein Zwiefalten e.V. „Wir öffnen den Schrank von Wiecherts Literatur-Archiv!“, lautete das Motto über dem differenzierten Programm. Mit interessierten Vertretern der lokalen Presse traf man sich am 21. Oktober im „Butz-Haus“ und besichtigte die kultivierten Räume, den reichen Bücherbestand und die wertvollen Kunstsammlungen. Hedwig Butz, geb. Metzler, Romanistin und Literatin, hat hier eine Atmosphäre geschaffen, die dem neuen Bewohner verwandt ist. Hier hätte Ernst Wiechert leben und dichten können wie im „Rütihof“, seinem letzten  Wohnsitz bei Zürich.

Sein vollständiges Werk in Einzelausgaben und in zwei Gesamtausgaben lädt zum Lesen ein. Feuerfeste Stahlschränke enthalten unersetzliche Dokumente und – die IEWG ist international – bereits einen Nachlass aus Frankreich.

Eine große Gesprächsrunde tauschte sich im Butz-Haus über Wiecherts aktuelle Bedeutung heute aus. Die lokale Presse berichtete ausführlich darüber.

Die Wiechert-Freunde besichtigten am 22. Oktober das Psychiatriemuseum Zwiefalten und die Gedenkstätte für die Opfer der Euthanasie. Auch dieser Gang war dem Dichter geschuldet, der seine Stimme gegen die Unmenschlichkeit des NS-Regimes erhoben hat.

„Ernst Wiechert und die Musik“ - Zwiefalten bietet ein reiches Musikleben. Margarete Geyer (IEWG) hatte ein bewegendes Festkonzert zusammengestellt. Sie trug, begleitet von der Pianistin Liliana Roth, Lieder von Franz Schubert zu Texten von Ernst Wiechert vor, die von Heide Hensel gelesen wurden.

Als sich die Wiechert-Freunde am 100. Geburtstag von Hedwig Butz an ihrem Grab versammelten, dankte man einer bemerkenswerten Frau, aber auch einer glücklichen Fügung. Zwiefalten liegt in einer Kultur- und Literaturlandschaft, dieVerbindungen von Ernst Wiechert zu seinen Dichterkollegen anbietet. Eduard Mörike und Johann Peter Hebel, Ernst Jünger, Hermann Hesse, Schiller und Hölderlin, und ein Ausflug zum nahen Bodensee führt zum Grab von Anette von Droste-Hülshoff.