26.01.2022

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22.06.18 / Der Typewriter kam aus Tirol / Dem österreichischen Kaiser gefiel die erste Schreibmaschine allerdings nur wenig

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 25-18 vom 22. Juni 2018

Der Typewriter kam aus Tirol
Dem österreichischen Kaiser gefiel die erste Schreibmaschine allerdings nur wenig
Klaus J. Groth

Am 23. Juni 1868, also vor 150 Jahren, erhielten die US-Amerikaner Christopher Latham Sholes und Carlos Glidden das Patent für die Schreibmaschine. Erfunden hat den ersten brauchbaren „Schreibapparat“ aber ein anderer.

Der Zimmermann Peter Mitterhofer (1822 - 1893) aus Partschins in Tirol machte sich im Herbst 1866 zu Fuß auf den Weg von seinem Wohnort in das 650 Kilometer entfernte Wien. Er wollte zu Kaiser Franz Joseph. Der Wanderer war unterwegs mit schwerem Gepäck. In einer Truhe lag ein Gerät, wie es Seine Majestät noch nicht gesehen hatte: eine Schreibmaschine, Mitterhofers Erfindung. Sie war aus glänzend poliertem Holz und hatte Typen aus abgebrochenen Nadelspitzen, die das Papier von unten perforierten. Und leider auch oft zerrissen. Wenn einiges auch noch verbesserungsbedürftig war, der Erfinder hatte bereits einen Brief an Franz Joseph darauf getippt. Er erhoffte sich eine finanzielle Unterstützung, um das Schreibgerät weiter entwickeln zu können.

An seiner Brust trug er ein Schriftstück, das er am Hof überreichen wollte. Darin führte er beredt und ausführlich Argumente an, die jeden vom großen Nutzen der Schreibmaschine überzeugen mussten. Hier ein kurzer Auszug aus der viele Seiten umfassenden Epistel:

„Die wesentlichen Vorteile des Apparates sind folgende: Es wird durch die Anwendung desselben durch die schnellere Herstellung der Schrift an Zeit gewonnen; die Schrift ist immer gleich schön und gleich deutlich und gleichmäßig, und erfordert beiläufig den vierten Teil an Raum von der gewöhnlichen Kanzleihandschrift; daher ein bedeutendes Ersparnis an Papier erzielt wird und ist die Druckschrift für Jedermann leserlich.“

Vom Pekuniären kam er dann zum gesundheitlichen Aspekt: „Zweitens ist mit der Anwendung des Apparates keinerlei Anstrengung der Augen und der Brust verbunden, wie dies beim Schreiben mit der Feder unvermeidlich ist. Denn das einfache Berühren der Tasten mit den Fingern kann in ganz bequemer sitzender oder stehender Stellung und bei einiger Übung selbst im Dunkeln ganz leicht geschehen, und selbst Blinde können mittels dieses Apparates ohne besondere Anstrengung in einigen Tagen das Schreiben mit selben erlernen.“

Auch für Geheimnisträger sei der Schreibapparat unverzichtbar, argumentierte ihr Erfinder. „Nicht minder gute Dienste würde derselbe auch für Kanzleichefs und Beamte zur Ausfertigung von Präsidial- oder Reservatsschreiben, welche strenge Geheimhaltung erheischen, leisten, weil man während des Schreibens den Apparat mit dem Deckel insoweit schließen kann, dass niemand Unberufener Einsicht in die Schrift nehmen kann.“

Nach einer Begutachtung durch das Polytechnische Institut in Wien wurden Mitterhofer 200 Gulden bewilligt. Er entwickelte weiter. Das „Meraner Modell 1866“ war schon aus Metall und besaß eine Umschaltung für Groß- und Kleinbuchstaben sowie Ziffern. Die nächste Version, das „Wiener Modell 1869“ hatte 82 Tasten für Ziffern, Groß- und Kleinbuchstaben, Sonderzeichen wie Komma, Ausrufe- und Fragezeichen und Bindestrich. Diese Schreibmaschine sollte wohl auch anspruchsvolle Wünsche erfüllen. Mitterhofer machte sich ein zweites Mal zu Fuß auf den Weg nach Wien.

Die Reise endete mit einem Fias­ko. Die Experten des Polytechnischen Instituts erkannten den Wert des Apparates nicht. Zutiefst enttäuscht trat der Tiroler den Rückmarsch an. Die freundliche, aber ablehnende Beurteilung für „Wien 1869“ lautete: „Jedenfalls ist aber das Resultat anerkennenswert, und das vorliegende in allen seinen Details musterhaft ausgeführte Modell würde für die Sammlung einer technischen Lehranstalt eine willkommene Bereicherung sein, und strebsamen Schülern zum anregenden Beispiele dienen können, wie weit es der denkende und fleißige Mensch bringen kann.“ 

Immerhin, Kaiser Franz Joseph kaufte die Maschine für 150 Gulden und schenkte sie dem Institut für dessen Modellsammlung. Das war Mitterhofer nicht genug. Er verlor jedes Interesse an seiner Erfindung und versuchte nicht, sie zu vermarkten. Die Nachricht, dass inzwischen zwei US-Amerikaner einen „Typewriter“ entwickelt und am 23. Juni 1868 das Patent dafür erhalten hatten, traf Mitterhofer schwer. Er starb verbittert, wie es in der Biografie steht, die Rudolf Granichstaedten-Czerva veröffentlichte. Der mitfühlende Biograf ließ eine Inschrift auf Mitterhofers Grabstein meißeln, aus der die ganze Tragik dieses Erfinderlebens spricht: 

Die Anderen, die von ihm lernten, Durften die Früchte seines Talentes ernten.

Die Anderen, damit waren Christopher Latham Sholes und Carlos Glidden gemeint. Mit Sicherheit waren ihnen Mitterhofers Schreibmaschine und ihre Technik bekannt. Ob und wie viel sie von ihm „lernten“, bleibt im Dunkeln. Der Buchdrucker Sholes und sein Partner brachten die Schreibmaschine zur Serienreife. Ihr „Sholes & Glidden Typewriter“ ließ sich komfortabel bedienen, man konnte mit zehn Fingern darauf schreiben, die Buchstaben waren nicht mehr alphabetisch angeordnet, sondern nach dem QWERTY-System, den ersten sechs Buchstaben auf der oberen Tastenreihe (auf deutschen Maschinen QWERTZ). Damit wurde erreicht, dass häufig genutzte Typenhebel voneinander getrennt lagen und sich nicht verhaken konnten. Viele Funktionen waren zweifelsfrei ähnlich wie bei den Modellen Mitterhofers.

Vergeblich bot Sholes die Erfindung der Western Union für 50000 Dollar zum Kauf an. Auch die Chefs des Waffen- und Nähmaschinenherstellers Remington wollten nicht anbeißen. Sholes konnte sie schließlich bewegen, den Prototyp in Serie zu fertigen. Der Sholes & Glidden Typewriter stand als erste Schreibmaschine in Büros und Kanzleien. Sie bot vielen jungen Frauen erstmals die Chance, als „Bürofräulein“ berufstätig zu sein.

Ab Ende des 19. Jahrhunderts stellten in Deutschland mehrere Unternehmen Schreibmaschinen her, auch für Blinde, wie Mitterhofer es vorausgesagt hatte. Olympia, Triumph und Adler waren die bekanntesten Marken. Die Erfindung des Computers, der von der Schreibmaschine „gelernt“ hatte, verdrängte sie vollends. Das eilige Klappern in Büros ist verstummt.