25.01.2022

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22.06.18 / Der Meister aus der Box ... / ... und »Fremde Welten«: Händel, die Festspiele und ein Problem mit Formen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 25-18 vom 22. Juni 2018

Der Meister aus der Box ...
... und »Fremde Welten«: Händel, die Festspiele und ein Problem mit Formen
Erik Lommatzsch

Als männliches, mitteleuropäisches Wesen darf man die kurze Hose, gern kombiniert mit der Sandale, nur tragen, sofern mindestens eine dieser beiden Bedingungen zutrifft: Entweder man hat das 15. Lebensjahr noch nicht vollendet oder man befindet sich auf einem Streifen zwischen Meer und Düne, auch bekannt als Strand. Gibt es da nicht ein Gesetz? Leider nein.

Daher war es problemlos möglich, in entsprechender Aufmachung zu dem einen oder anderen der zahlreichen Konzerte der Hallenser Händelfestspiele zu erscheinen. Etwa zu der großartig konzertant dargebotenen Oper „Rinaldo“. Ist ja eh nur was fürs Ohr, wen juckt es also, wenn Papa direkt aus dem Kleingarten in die Konzerthalle gesprungen kommt.

Den 333. Geburtstag hätte Georg Friedrich Händel im vergangenen Februar begangen. Oder besser: Er hat ihn begangen! Hält man es mit Stefan Zweig, der ihm in einem der schönsten Stücke der deutschen Literatur – enthalten in den „Sternstunden der Menschheit“ – ein literarisches Denkmal errichtet hat, so ist 1759 von Händel nur das gestorben, was „sterblich gewesen“ ist.

Die jährlichen Händelfestspiele, für die Stadt Halle und das Land Sachsen-Anhalt eine Veranstaltung von internationalem Rang, boten abermals Musikalisches vom Feinsten. Angefangen von der neu inszenierten Oper „Berenice“ über das fast vierstündige Oratorium „Samson“ bis hin zu einer Reihe von Konzerten, bei denen der, sagen wir hier ruhig einmal, „Star“ im Mittelpunkt stand. Dies gilt für Magdalena Kožená ebenso wie für Julija Leschnewa. 

Händel war selbstredend Mittelpunkt des Programms, aber auch seine Zeitgenossen kamen zu ihrem Recht. Nahezu ausverkaufte Vorstellungen sprachen für das Ganze, die Preise waren im Verhältnis zum gebotenen Klangniveau absolute  „Schnäppchen“. Besucher von der britischen Insel, auf welcher der Meister vor allem wirkte und schuf, kamen zahlreich.

Soweit, so Musik, so gut. Oder doch nicht immer ganz? Der absterbende Gedanke, dass auch das Publikum Bestandteil des jeweiligen Schauspiels ist und man schon mit Rücksicht auf die anderen Besucher vielleicht das Tragen eines Hemdes (das hat nun wirklich jeder) in Erwägung ziehen sollte, war nicht der einzige atmosphärische Pflegefall. Aus einer „Box“ erschallten tagsüber „Messias“-Klänge über den Markt, Hintergrundmusik. 

Nicht, dass Eiscafébesuchern und Straßenbahnaussteigern der Genuss solcher Noten vorenthalten werden sollte, aber steht nicht gerade dieses Oratorium, neben anderen, für religiöse Tiefe, die nicht jedermann empfinden muss, die man aber dennoch achten sollte? Dagegen nahm es sich beinahe harmlos aus, wenn das inzwischen verbreitete Beifallsgejohle die letzten Arientakte abschnitt und den Eindruck vermittelte, der Schreier respektive die Schreierin (hier herrscht Geschlechtergerechtigkeit) habe überhaupt nicht zugehört und sei nur mit großer Beherrschung in der (im Konzert noch immer erforderlichen) Stillsitzphase nicht vorzeitig geplatzt. 

Wer es gar nicht aushielt, machte zwischendurch ein Mobiltelefonfoto oder auch gern ein kleines Video. Dazu kann man sich bereits während der Vorstellung problemlos erheben. Und dafür, dass so ein kompliziertes Gerät mitunter Geräusche macht und der „Aus-Knopf“ länger gesucht werden muss, haben nun wirklich alle Verständnis. 

Auch ein veritabler Streit im Publikum kann mal vorkommen, deutlich vernehmbar fiel in den hinteren Sitzreihen der Ulrichskirche während des Konzerts des Countertenors Max Emanuel Cenci das Wort „Arsch“. Nein, auf die mitteldeutsche Region allein fällt das nicht zurück, die Anreisewege der Zuhörerschaft waren oft weiter.

Es ist bei Weitem nicht das Schlimmste, was der Formenverfall, insbesondere von Publikumsseite, seit einigen Jahren kontinuierlich zu bieten hat. „Fremde Welten“ war das Motto der diesjährigen Festspiele. Zum Kulturschwund würde es gut passen, aber der ketzerische Gedanke, dass hier ein politischer Wille seinen schlechten Atem zu verbreiten versuchte, was im Programm zaghaft, aber erkennbar anklang, ist naheliegender.