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29.06.18 / Krisenphänomen oder Zukunft? / Welche Bedeutung der sogenannten Gig Economy beizumessen ist

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 26-18 vom 29. Juni 2018

Krisenphänomen oder Zukunft?
Welche Bedeutung der sogenannten Gig Economy beizumessen ist
Friedrich List

Glaubt man einigen Experten, wird die Arbeitswelt der Zukunft wahrscheinlich so aussehen: Es gibt keine festen Berufsbilder mehr, keine Festanstellungen, Aus- und Weiterbildung ist Privatsache, ebenso die Kranken- und Rentenversicherung. In den USA lebt eine wachsende Anzahl von Menschen so – wie ein Bühnenkünstler, der von Gig zu Gig oder von Auftritt zu Auftritt zieht.

Der Ausdruck „Gig Economy“ meint einen Teil des Arbeitsmarktes, in dem kleine Aufträge kurzfristig an Selbstständige oder geringfügig Beschäftigte vergeben werden. Als Vermittler fungieren Online-Plattformen, deren Betreiber von beiden Seiten Provisionen erheben und die Rahmenbedingungen festlegen.

Es gibt zwei Erzählungen über die Gig Economy. Die eine spricht über den Zuwachs an Autonomie und persönlicher Freiheit, die diese Art des Arbeitens möglich macht. Man kann sein kreatives Potenzial ausschöpfen und dabei auch noch gutes Geld dazuverdienen. Anhänger dieser Position nehmen als Beispiel gerne freie IT-Fachleute, Software-Programmierer oder Designer und Werber, aber auch klassische Freiberufler wie Anwälte oder Unternehmensberater. 

Die zweite Erzählung verweist auf die Situation von freien Fahrradkurieren, selbstständigen Kurierfahrern und vielen anderen Jobbern, die entweder das schlechte Gehalt ihres Hauptjobs aufbessern müssen oder gezwungen sind, komplett auf diese Art ihren Lebensunterhalt zu erwirtschaften. Oft müssen sie im Schichtsystem arbeiten und kurzfristig auf Abruf verfügbar sein. Ihre Arbeitszeit wird genauso erfasst wie die von Festangestellten. Sie sind jederzeit ersetzbar, arbeiten ohne Kündigungsschutz, soziale Absicherung und müssen ihre Versicherungen selber bezahlen. 

Wie weit diese Art der Arbeit verbreitet ist, ist umstritten. Das 

McKinsey Global Institute befragte 2016 rund 8000 Menschen in den USA, Großbritannien, Deutschland, Schweden, Frankreich und Belgien. Als Ergebnis schätzte McKinsey, dass die sogenannte unabhängige Arbeiterschaft in den USA und in der EU zwischen 20 und 30 Prozent der Erwerbstätigen ausmacht. 

Experten wie Holger Bonin (siehe Zeitzeugen-Spalte links) hingegen halten den Anteil dieser Jobber für viel geringer. „Es ist nicht einfach, an präzise Daten zu kommen, aber wir gehen davon aus, dass in den USA die Gig Economy nur 0,5 Prozent der Jobs ausmacht“, sagte er der deutschen Wirtschaftszeitschrift „Brand eins“. In Deutschland seien es noch weniger. Amerikanische Verhältnisse sieht er hierzulande nicht heraufziehen, da in Deutschland das Bildungsniveau und die Produktionsweisen andere seien. 

Das U.S. Bureau of Labor Statis-tics des US-amerikanischen Arbeitsministeriums stellte in seinen jüngsten Veröffentlichungen für 2017 fest, dass der Anteil von Gig-Arbeitern 10,1 Prozent betragen habe und der Anteil unabhängiger Vertragsarbeit 6,9 Prozent. 2005 hatten die Vergleichswerte noch 10,5 Prozent beziehungsweise 7,5 Prozent betragen. Vor dem Hintergrund des anhaltenden Aufschwungs scheint die Gig Economy in den USA also schon wieder an Bedeutung verloren zu haben.

Die Einschätzung der Bedeutung der Gig Economy hängt jedoch nicht nur davon ab, wie groß die in ihr beschäftigte sogenannte unabhängige Arbeiterschaft ist, sondern auch davon, welche Bedeutung diese Beschäftigung für den genannten Bevölkerungsteil hat. Aufgrund der obengenannten Umfrage hat 

McKinsey geschätzt, dass etwa die Hälfte die Gelegenheitsarbeit als zusätzliche Geldquelle nutzt. Nach einer Studie der US-Notenbank erwirtschaften nur fünf Prozent der Gig-Arbeiter mehr als die Hälfte des Familieneinkommens. Für alle anderen sei es ein Nebenverdienst, der bei drei Vierteln der Befragten keine zehn Prozent des Einkommens ausmache. Und der durchschnittliche Gig-Arbeiter arbeite gerade einmal fünf Stunden im Monat auf diese Art. 

Abgesehen davon, dass der Trend zumindest derzeit wieder in Richtung klassischer Arbeitsverhältnisse zu laufen und die Beschäftigung in der Gig Economy für viele nur eine zusätzliche Einnahmequelle zu sein scheint, werden die Online-Vermittler immer stärker reguliert, um den Arbeits-Anbietern dort mehr Rechtssicherheit und Schutz vor Willkür zu bieten.