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29.06.18 / Polarmeer als Ausweg / Nordostpassage als Handelsroute – Russen und Chinesen planen eine gemeinsame »Polar-Seidenstraße«

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 26-18 vom 29. Juni 2018

Polarmeer als Ausweg
Nordostpassage als Handelsroute – Russen und Chinesen planen eine gemeinsame »Polar-Seidenstraße«
Florian Stumfall

Das Südchinesische Meer gehört zu den gefährlichsten Brennpunkten der Weltpolitik. Jetzt ärgern sich die USA über eine russisch-chinesische „Polar-Seidenstraße“.

China beansprucht das Südchinesische Meer in weiten Teilen als Hoheitsgewässer, obwohl bereits ein flüchtiger Blick auf die Seekarte zeigt, dass Länder wie vor allem Vietnam oder die Philippinen mit demselben Recht Ansprüche geltend machen können. Dazu kommt die Politik der USA, die sich mit der aggressiven Präsenz ihrer Navy ebenfalls ins Spiel bringen. Das vor allem führt zu einer unmittelbaren Konfrontation der USA mit China, die sich jederzeit entladen kann.

Was die Vereinigten Staaten im Südchinesischen Meer, fernab eigener Küsten und Hoheitsgewässer, bezwecken, ist offenkundig: Dort wie anderswo auf dem Globus nutzen sie jede Gelegenheit, sich wirtschaftliche oder strategische Vorteile zu verschaffen, oder zumindest möglichen Konkurrenten solche Vorteile streitig zu machen. Das entspricht der Staatsräson und der Weltsicht Washingtons und trägt seine Erklärung in sich selbst.

Ein wenig vielschichtiger ist die Betrachtungsweise von chinesischer Seite. Im Gegensatz zu den meisten westlichen Gesellschaften wirkt in China ein überaus starkes Geschichtsbewusstsein. Daher ist nicht nur bei den Politikern gegenwärtig, dass für das Reich der Mitte Gefahr immer von der Seeseite drohte – wenn man von den Mongolenstürmen absieht. Vor allem der Opium-krieg ist immer noch in schmerzlicher Erinnerung, und er gehört ganz wesentlich zu den offenen Rechnungen, die China für den Westen bereithält, und an die hier niemand denkt.

Was aber das Südchinesische Meer angeht, so spielt ein weiterer Umstand eine gewichtige Rolle. Über dieses Meer wird ein Großteil des chinesischen Außenhandels abgewickelt. Wenn also die USA behaupten, sie müssten diese Seewege der internationalen Schifffahrt wegen schützen, so maßen sie sich eine Aufgabe an, die China im eigenen Interesse selbst erfüllt.

Allerdings bahnt sich eine Entwicklung an, welche die Bedeutung des bisherigen Seewegs mindern könnte. China und Russland nämlich sind dabei, einen neuen Weg von Ostasien nach Europa durch die Arktis auszubauen, sozusagen als eine ergänzende Trasse zur Neuen Seidenstraße im Zentrum des Kontinents. Es wäre der schnellste und sicherste Handelsweg zwischen Ost und West. Gegenüber der Route von China durch die Straße von Malakka und dann weiter durch den Suez-kanal nach Europa, die heute volle 35 Tage in Anspruch nimmt, ist der Nördliche Seeweg um 6500 Kilometer kürzer, was einer Zeit­ersparnis von zwei Wochen entspricht. Also statt 35 Tage nur elf.

Der Nördliche Seeweg hat obendrein den Vorteil, dass er die gewaltigen Rohstoffvorräte im arktischen Schelf vor Russlands Küste mit erschließt. Jetzt schon hat Russland die „Akademik Lomonossow“, das erste schwimmende Kernkraftwerk der Welt, von Murmansk auf den Weg zur fernöstlichen Tschuktschen-Halbinsel geschickt, wo sie im Hafen von Pewel vor Anker liegen wird. Von dort kann sie abgelegene Gebiete oder auch Ölplattformen mit Energie versorgen. Die Arktis ist überreich an fossilen Energieträgern. US-Wissenschaftler nehmen an, dass sich dort ein Fünftel der weltweiten Ölvorräte und ein Viertel der Vorkommen an Erdgas befinden. Zudem gibt es erhebliche Vorkommen an Gold, Silber und Seltenen Erden.

Vor Kurzem hat Russlands Präsident Putin eine chinesische Delegation zu einem Werk für Flüssiggas auf der sibirischen Halbinsel Jamal begleitet, an dem China beteiligt ist. Dort forderte Putin die Gäste auf: „Die Seidenstraße hat es bis in den Norden geschafft. Schließen wir sie an den Nördlichen Seeweg an, dann haben wir, was wir brauchen.“ Inzwischen hat China ein Weißbuch zur Erschließung der Arktis vorgelegt, in dem es heißt, Peking wolle „gemeinsam mit anderen Staaten“ Seerouten in der arktischen Region schaffen, eine „Polar-Seidenstraße“. 

Mit den „anderen Staaten“ ist natürlich in allererster Linie Russland gemeint, denn China hat selbst keinen unmittelbaren Zugang zur Arktis, wogegen sich die russische Küstenlinie in der Arktis auf fast 40000 Kilometer beläuft, das ist so viel wie der Erd­umfang. Weil China kein Arktis-anrainer ist, hat es zwar einen Sitz als Beobachter, aber keine Stimme im Arktis-Rat. Das macht die Zusammenarbeit mit Russland noch wichtiger als ohnehin.

Selbstverständlich stoßen diese Maßnahmen auf das Missfallen der USA. Das gilt umso mehr, als Russland auch seinen Norden militärisch schützt, denn für Raketen aus den USA gibt es nach Russland keinen kürzeren Weg als über den Nordpol. Dementsprechend unterhält das Kommando Nord der russischen Streitkräfte ein Frühwarnsystem, und die Nordmeerflotte verfügt über den größten Anteil an strategischen Atom-U-Booten. Die russische Luftwaffe setzt seit Jahren alte, zwischenzeitlich aufgelassene Flugplätze im Norden Sibiriens wieder instand, und die Flotte der Eisbrecher ist teilweise bewaffnet worden.

Die frühere Vize-Außenministerin der USA, Paula Dobriansky, fordert nun das westliche Bündnis auf, seine Positionen in der Arktis zu stärken. Die republikanische Politikerin regt an, die USA sollten ebenfalls eine militärische Infrastruktur im Hohen Norden ausbauen und dazu ein Stabsquartier auf US-Territorium errichten. Man müsse zeigen, wer der wirkliche „Anführer der 

NATO und der ganzen Welt“ sei. Die USA würden sich durch nichts und niemanden davon abhalten lassen, ihre wirtschaftliche und politische Übermacht gegen jedermann durchzusetzen. Derzeit allerdings ist die US Navy noch damit beschäftigt, im Südchinesischen Meer vor den Spratley-Inseln für ein wenig Provokation zu sorgen.